Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-01-25 · Heft 4 (25.1.1901) · p. Seite 46

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 4 (25.1.1901)
Date
1901-01-25
Page
Seite 46 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3228419-3228424--57224-3293584
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

46 nach dem Befehl ihres Gebets von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit ganzer Krall liebte, aber sie schätzte sie weniger. Eben daher, weil sie sich streng an Gottes Gesetz hielt, kam sie zu dem Entschluß, Elias nicht gegen den Willen ihrer Eltern zu heirathen, aber auch eher zn sterben, als einem andern anzugehören. Meine Mutter, dachte sie, kann mich auch nicht zwingen, fröhlich zu sein und an den groben Lustbarkeiten des Dorfes theilzunehmen, wenn ich es vorziehe, mich in meine Stube einzuschließen und ein frommes Buch zu lesen. Was vor Gott erlaubt, ist es auch vor der Mutter. Sie beschloß auch zugleich, nie sich mit ihrer Mutter von ihren Träumen zu unterhalten. Meine Mutter, dachte sie, hat nie geliebt, glaubt nicht an Liebe. Sie würde mich auslachen. Kronele, deren Seele nie eine irdische Leidenschaft gefühlt, hatte keinen Sinn für die körperliche Schönheit eines Mannes. Ein Mann in ihrer Phantasie war nur ein edleres Mädchen und fast alle unschuldigen Jungfrauen haben diesen idealen Begriff von einem Jünglinge. Nicht etwa, daß sie einen Mann mit einer Mädchenschönheit sich wünschen; im Gegentheil! Nur malen sie sich einen Gatten, der mit der Kraft, die ihnen fehlt, alle zarten Gefühle und dasselbe Streben der Selbstaufopferung deren sie sich selbst fähig glauben, vereint. Ihr höchstes Glück ist, einem Manne anzugehören, der in seinem strahlenden Lichte Alle, die sich ihm nähern, gleichsam erleuchtet und verschönert Sie vergessen nur, daß jedes Ausstrahlen eine Flamme vorausgesetzt, und daß sie der Gefahr ausgesetzt sind, sich entweder an diesem Feuer zu versengen oder in allzu großer Nähe nichts mehr vom Lichte zu sehen und sich all den Kohlen und an der Asche zu beschmutzen. Nie hatte Kronele die Häßlichkeit des Schulmeisters bemerkt. Sie sah nur die Schönheit seiner Seele, die ihre Mutter selbst nicht leugnen konnte, und die bezaubernde Macht, die er auf Alle ausübte, die ihm zuhörten. Elias war der erste Mann, der sich von all den Männern, die Kronele kannte, durch geistige und ideale Eigenschaften auszeichnete. Bald schien es ihr, als könne sie sich von allen ihren Gedanken nur Rechenschaft geben, seitdem sie Elias kennen gelernt hatte; als hätte sie nie, ehe sie ihn kannte, das Dasein ihres Herzens gefühlt. Ihr Leben fing für sie von der Stunde au. wo Elias zuerst ihr Unterricht gab. So stark auch der Wille eines Weibes ist, er ist sich seiner unbewußt, ehe er von dem Willen eines Mannes beherrscht und belebt wird. Elias lebte übrigens wie sie in einer höheren Welt der Wissenschaft und der Religion, während die anderen Männer von nichts anderm als von Aeckern, Kühen, Ochsen, Pferden und Mädchen sprachen. Nie hatte er seine Meinung über die Schönheit oder Häßlichkeit eines Mädchens geäußert, nie unterhielt er sich außerhalb seiner Lehrstunden mit einem Frauenzimmer; er schien nur für die Wissenschaft und Gott zu leben. Sei es durch seinen Lehrerstand, der große Geduld erheischt, sei es durch seine Natur, die weder Zorn noch Unmuth ertrug, Elias war saust und nie hatte ihn Jemand erzürnt gesehen. Fran Reich sogar brachte es trotz ihrer bösartigen Sticheleien nicht dahin, ihn aus seinem Gleichmuth und seiner Würde zu reißen. Kronele dachte daher eher an das Glück, Elias als Lebensgefährten denn als Ehemann zu besitzen. Weil, wie man sagt, ein Mädchen früh oder spät neben einein Manne leben muß. so wäre er ihr am liebsten gewesen; ja keinem Andern glaubt sie je erlauben zu können, sie mit du anzureden. Somit hatte Kronele ihre Wahl getroffen. Ihr Zauberpalast war erbaut. Ihre Seele hatte Besitz davon genommen, und so leicht war es nicht, sie daraus zu bannen. Nichts ist tyrannischer als der Wille eines liebenden Herzens, der sich von allem znrückzieht und in diesem Alleinsein sich selbst und Andern befiehlt und Gesetze vorschreibt. Wehe dieser Seele jedoch, wenn ein stärkerer Wille sie gewaltsam ans dieser duftigen, ätherischen Welt stößt. Eine Seele, die ihren Willen verliert, stirbt. Kronele hatte eine Ahnung von dieser Wahrheit. Sie fühlte, daß, wenn ihre Mutter oder Elias selbst ihr verböte, in diesem Traume zu wandeln, sie, wenn auch nicht auf der Stelle, doch langsam dahinsterben würde. Was kümmert aber der Tod eine liebende Seele? Ist er nicht selbst eher eine Hoffnung als eine Täuschung? Man verbietet einem Mädchen, von dem Geliebten zu träumen — Leben ist alsdann nur eine ewige Verbannung, Sterben aber ist vielleicht eine Wanderung zu dieser Zauberstelle. Frau Reich, die mehr Herz hatte, als Kronele ihr zutraute, ließ sich von der sichtbaren Ruhe ihrer Tochter nicht täuschen und glaubte die Schlacht nicht gewonnen, weil der^Feind das Schlachtfeld verlassen. Sie hatte eine neue Unterredung mit ihrem Manne, nicht etwa, um seine Meinung zu erfahren, sondern um ihm ihren Entschluß, Kronele um jeden Preis zu verheirathen. mitzutheilen. Sie gab daher allen wandernden Heirathsmäkleru Befehl, einen jungen frommen Israeliten aufzufinden, der Kronele mit 10000 Francs Mitgift und einer reichen Aussteuer zu ehelichen wünsche. Sonderbar! Kaum hatte Elias das Dorf verlassen, so wollte ein Jeder gesehen und gewußt haben, daß Kronele in ihn und, was noch mehr, der Schulmeister in Kronele verliebt sei. Frau May und ihre Töchter, denen es nicht an Witz fehlte, hörten nicht auf, zu Herrn Elias' Lobe zu sprechen; selbst m Gegenwart der Frau Reich lobten sie, freilich ^um sie zu ärgern, ihre Tochter Kronele, weil sie als eine wahre Pariserin die Dorfvorurtheile verschmähte und den Grundsatz festhielt, daß die Wissenschaft es wohl mit dem Gelbe aufnehmen könne. „Die Wahrheit ist," erwiderte Frau Reich darauf, die ihren Zorn mit einem Lächeln verbiß, „daß mein Kronele nur zu winken braucht, um den Elias als Mann zu bekommen. Ich kenne jedoch junge Töchter, die dreimal so reich sind wie die meinen, und von denen Elias keine heirathen würde, und wäre sie auch so schön wie meine Heva!" Dennoch wußte Frau Reich, daß die Mays Recht hatten. Daher folgte sie einem Vorschläge Leons und bat alle junge Bursche des Dorfs, die große oder kleine Ansprüche auf Kronele machten, den Schulmeister zu verschreien und zu verkleinern, und besonders nie etwas Gutes von ihm vor ihrer Tochter zu berichten. Diesem Wunsche wurde reichlich entsprochen. Natürlich ohne Erfolg. * Es war in der nächsten Woche, als ein alter Jude im Dorfe eintras und sich zur Frau Reich begab, um ihr eine

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.