Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1901)
- Date
- 1901-01-25
- Page
- Seite 45 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228419-3228424--57223-3293583- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
45 Neides und der Bewunderung auf Polen gerichtet. Leider sollte dieser Glanz nicht lange währen, denn unter dem Könige Miesco und, wie es ja Dielen von Euch noch in der Erinnerung sein dürfte, unter meines verewigten Vaters, des Herzogs Kasimir Regierung büßte unser Land wieder all jene Macht ein. zu der es Boleslav Chrobry gebracht hatte. Im Innern deS Landes herrschte Unfriede und Unordnung, von außen her bedrohten es die Nachbarländer, die das eroberte Land wieder in ihre Hände bekamen. Dazu kamen unglückliche Kriege, verzweifelte Gegenwehr gegen den eindringenden Feind, und dennoch, trotz all der Mühen und Kosten und all des zwecklos vergossenen Blutes gelang es nicht, das Land wieder zu jener Macht zu erheben, die es früher inne hatte. Die Staatssäckel waren leer, die Kräfte erschöpft, und die Edelleute saßen grollend und unzufrieden auf ihren Gütern. Fürwahr ein traurig Bild! In diesem Zustande nun übernahm ich bei meines Vaters Tode die Regierung, und was ich seit dem Zeitpunkte meines Regierungsantrittes aus unserem Lande gemacht habe, das seht Ihr wohl. — Blickt hin auf jenes gesunkene Polen, das ich übernahm, und vergleicht es mit dem Polen von heute, mit unserem unabhängigen, stolzen Polenlande! Und dann sagt, ob ich nicht das Größte geleistet, das ein Herrscher zu leisten vermag! Ich habe in wenigen Jahren aus unserem verachteten und vernichteten Vaterlande ein stolzes, mächtiges Reich geschaffen, habe meinem Heere zu glorreichen Siegen verhelfen, die inneren Zustände des Landes zu geordneten gemacht und durch reiche Beute viele Schätze ins Land gebracht. Ich habe Polens Unabhängigkeit neu begründet, das nun nicht mehr nöthig hat, Deutschlands Befehlen zu gehorchen; wir sind freie Polen und keine Vasallen des deutschen Kaisers mehr! Und kein Kaiser und König hat mehr die Oberherrschaft über Polens Fürsten und seine Edlen! Ihr sähet es ja Alle und wäret Zeugen von unserer Selbständigkeit, als damals zu Meißen Kaiser Heinrich mich, dem Polenherzog Boleslav, aufforderte, ihm wieder Lehens- Pflicht anzugeloben und unser Reich wieder unter Deutschlands Oberherrschaft zu stellen. Ihr Alle hörtet auch die Antwort, die ich dem Kaiser gab : Polen ist srei! Und Polens Fürst beugt sich vor keinem Lehensherrn! Ihr saht auch, daß der Kaiser mein Thun gutwillig hinnahm; dies mußte er wohl auch, denn wie hätte der bedauernswerthe Heinrich daran denken sollen, uns zum Gehorsam zu zwingen. Machte ihm ja schon damals Papst Gregor seine Herrschaft zur schweren Bürde — und jetzt verlangt der stolze Papst gar, daß Deutschlands Kaiser sich vor ihm beuge und als Büßender vor seinem Throne erscheine! Von Deutschland haben wir demnach nichts zu fürchten, unsere Macht ist nach allen Seiten hin gefestigt, an Ungarn haben wir enge Verbündete, habe ich ja doch den vertriebenen Bela als König auf den Thron erhoben, in Böhmen leben uns gleichfalls treue Freunde, und mit Böhmens Herrscherhause verknüpfen uns verwandtschaftliche Bande. Im Inneren haben sich unsere Verhältnisse befestigt, es erübrigt uns nunmehr, das Land auch nach außen hin glanzvoll zu gestalten. Zu jenem Glanze nun, der ein Land umgiebt, gehört in erster Linie der Herrscher dieses Landes; ist dies nun ein gewöhnlicher Herzog, so kann leicht wieder hie und da ein fremder Fürst kommen und sagen: „Sieh da, dies große, ausgedehnte Polenreich hat nur einen Herzog!" Und es giebt doch Königreiche, die nicht halb so groß sind und auch nicht die Macht besitzen, die dieses Herzogthum besitzt; wie ganz anders aber gestalten sich die Dinge, wenn man in Polen ein Königreich sehen wird und in Euren» Herzoge einen König! Und darum, Ihr edlen Herren und Grasen, habe ich Euch hierher gebeten. Euch kund zu thun meinen Entschlußluud Willen! Mit Gottes Hilfe ist es mir gelungen, Polen Wiederaus jene Stufe der Macht zu erheben, es mit jenem Glanze zu umgebe»», die es zu »ueiiies große»» Ahnherrn Boleslavs I. Zeiten besaß, und darum will ich auch gleich Jenem Polen zu einein Königreiche erheben, mich. Euren Herzog, zum König! Dies ist mein Wille und Entschluß! Und darum lade ich Euch, Ihr edlen Herren, zur Krönung ein nach Gnesen! Der König hatte geendet, einen Augenblick lang herrschte lautlose Stille im Saale, auf den Mienen der Anwesenden konnte man die höchste Ueberraschung wahrnehlnen, zuweilen auch gepaart mit stummer Bewunderung für den Fürsten, der ihnen da ein so glänzendes Bild ihrer Thätigkeit entrollt hatte, — dann aber richteten sie sich auf aus den sie umfangenden Gedanken —, und einen Blick nach der stolzen Gestalt des jungen Herrschers »versend, brache»» sie iu einen begeisterten Jubelruf aus: „Es lebe unser König!" (Fortsetzung folgt.) Kronrle. Eine Erzählung von Alexander Weill. IX. ronele hatte von Natur die Macht, für sich allein zu leben und in dieser Einsamkeit sich zu genügen und glücklich zu finden. Von Kindheit an lebte sie in einer phantastischen Welt. Als sie noch nichts gelesen hatte,'.träumte sie schon von einer Gesellschaft, ivo die Männer andere Sitten und eine andere Sprache hatten, als diejenigen, welche sie in ihren» Dorfe vor Auge»» sah. Diese Träume waren die Folgen einer Feengeschichte, die man ihr erzählt hatte. In ihrer naiven Unwissenheit »vähnte sie, eine solche Welt müsse sich wohl nur in Paris finden, »veil dort ein König und eine Königin thronten. Zn ihrer Verzweiflung aber mußte sie zum voraus auf den Wunsch verzichten, je diese Gesellschaft von weitem nur zu sehen, denn dieser König und diese Königin waren von einer andere»» Religion als der ihrigen. Sie konnte nicht begreifen, warum Frau Sommer Paris verlassen, um ihren» Soldaten in eiu elsässisches Dorf zu folgen; sie wußte nicht, daß ihre Freundin in Paris Kammermädchen war, und daß sie den Vater ihres Kindes heirathete. Gestehen mußte sie sich aber, daß, obschon Herr Sommer nicht ihren» Ideal entsprach, er doch gebildeter und gerechter in seinem Handeln war als alle anderen Dorfbewohner, ja sogar als ihr Vetter Leon, der zivar von Herzen gut, aber stolz und eingebildet auf seinen Reichthmn und seine Jugend war. Seitdem aber Kronele die Bibel gelesen hatte, seitdem sie Männer wie Moses, Joseph. David und Salomo beivunderte, seitdem sie sogar einige Romanhelden kennen gelernt, die Gut und Blut der Erwählten ihres Herzens aufopferten, verwandelte sich die Gleichgiltigkeit, die sie bisher für ihre nächste Gesellschaft gehabt, in Verachtung. Sie machte hierin keine Ausnahme. Vater und Mutter ehrte sie, »veil es ihr Gott befohlen hatte und »veil sie iu allen» Gott gefallen wollte, den sie