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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-01-18 · Heft 3 (18.1.1901) · p. Seite 33

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 3 (18.1.1901)
Date
1901-01-18
Page
Seite 33 (sequence 13)
Language
German
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33 Zeitschrift herausgegeben hat. der weiß ein betrübsames Bild von der Kauflust jüdischer Kreise zu singen, wie sie sich der jüdischen Litteratur gegenüber offenbart. Dieselben Leute, die die Nummer der „Preußischen Jahrbücher" für einen nicht eben ganz kleinen Preis erstehen, um die thörichten, unwissenschaftlichen und charakterlosen Ausführungen des Herrn Benedictus Levita nur ja recht schnell kennen zu lernen, würden sehr erstaunt sein, wenn man ihnen zumnthete, die gleiche Summe für Abwehrblätter herzugeben. Es wäre jedenfalls ganz lehrreich zu konstatiren, wie viele Exemplare der Angriffsuummer und wie viel von derjenigen, in der Vogelsteins mannhafte Abwehr stand, abgesetzt worden sind. Es wäre gut, wenn im neuen Jahrhundert die Zustände etwas anders würden. Mali möchte seinen Glaubensgenossen die Mahnung zurufen: Seid weniger empfindlich, erschöpft eure Kraft nicht in Protesten und Erklärungen, arbeitet mehr an euch, lernt kennen, was ihr besitzt und lernt schätzen, was euch auch von anderer Seite geboten wird. Tenn es wäre recht rüthlich, daß jüdische Blätter außer der: Mittheilungen über antisemitische Ausschreitungen und schriftstellerische Anzapfungen auch mehr als bisher Anzeigen alles dessen brächten, was zu Gunsteil der Juden in Zeitschriften und Broschüren gedruckt wird. Einer solchen Pflicht will ich an dieser Stelle Nachkommen. Die Auslassung, von der gesprochen werden soll, ist bedeutsam durch ihren Inhalt, durch ihren Verfasser und durch den Ort, an dem sie zu lesen war. Sie erschien nämlich in der von Hengstenberg begründeten „Evangelischen Kirchenzeitnng" Nummer 50 (16. Dezember 1900), ist verfaßt von Reinhold Seeberg, dem vor einigen Jahren von Erlangen nach Berlin! berufener: streng konservativen Professor der Theologie, und führt den Titel: „Zur Frage nach dem Blutaberglauben. Ein geschichtlicher Beitrag." Da die meisten unserer Leser schwerlich in der Lage sind, sich jene Nummer zu verschaffen, so werden sie es mir gewiß Dank wissen, daß ich ihnen die Ausführungen eines strenggläubigen protestantischen Theologen übermittle, infolge deren, wie man hoffen möchte, das Gerede von den: Gebot des jüdischen Ritualmordes bei allen anständig Denkenden verstummen müßte. Sie lallten: Der Koniher Prozeß, der in den Letzten Wochen wieder die allgemeine Aufmerksamkeit vollständig hinnahm. hat diealteAuschuldigung von „Nitualmorden", die Juden an Christen vollziehen sollen, hie mW da neu belebt. Vom Standpunkt der historischen Wissenschaft aus angesehen, ist die Grundlosigkeit dieser Anschuldigung allerdings längst erwiesen (siehe besonders Strack, „Das Blut irn Glauben und Aberglauben der Menschheit", 8. Allflage, München 1900). Eines neuen „Beweises" wider den „Ritualmord" bedarf es also ebensowenig, als eill solcher wider seine Vertheidiger durch eine päpstliche Butte des 16. Jahrhunderts erbracht werden könnte. Nur das will immer wieder energisch betont werden, daß man mit dieser geschichtlichen Einsicht auch Ernst zu machen verpflichtet ist. Es ist ein unerträglicher Zustand, wenn man zwar öffentlich und im allgemeinen die Rede von Nitualmorden weit von sich weist, aber privatim und im gegebenen Falle doch mit den Achseln zuckt. Es ist eill schweres sittliches Unrecht, wenn man durch nationale oder sozi ale Gegensätze wider d a s Iu denthn m s i ch d i e kl a r e Ei n s i ch t trüben läßt, daß die „Blntbeschuldigung" weder von Jemand begründet noch geschichtlich begründ bar ist. Giebt es wirklich derartige Verbrechen — und wer kann leugnen, daß manches hierfür spricht? — so ist mau doch in keiner Weise berechtigt, sie den Juden als Juden um ihres Glaubens willen, aufzubürden. Hier muß volle Wahrheit und Ehrlichkeit herrschen. Das ist eine Forderung christlicher Sittlichkeit. Erst recht aber sinkt die Diskussion unter das Niveau nicht nur der Wissenschaft und der Ethik, sondern auch der christlichen Religion, wenn man den Antisemitismus auf das alte Testament meint erstrecken zu sotten. Wenn der „deutsche Gott" dem Gotte Abrahams entgegengestellt wird, wenn mall an Patriarchen und Propheten seinen antisemitischen Ingrimm ausläßt, so bilden derartige Verirrungen paradoxienlüsterner oder Nietzsche-trunkener Führer, so thöricht sie immer sind, doch eine ernste Gefahr für den biblischen Sinn unseres Volkes. Hier liegt eine Gefahr für die Kirche vor. die Niemand, dem es um diese Dinge Ernst ist, verkennen wird. Mail mag über das rabbinische JudenthllM in allen seinen Formell und Ausläufern ein noch so schroff ablehnendes Urtheil abgebeu, die Macht der Religion, die aus den Zeugnissen des alten Testaments zu uns spricht, die Stellung, die Christus und seine Apostel sammt einer unzähligen Schaar frommer Seelen aller Zeiten zu diesem Buche eingenommen habeil, verbieten dem Christen eine derartige Verwerfung des alten Testaments und seiner Religion. Die Anschauung des schlichten Glaubens und das geschichtlich gebildete Empfinden werden hierin immer Übereinkommen. Diese von ehrlicher Ueberzeugung eingegebenen und vorr schönem Mcrnnesmuth erfüllten Worte, die weite Verbreitung verdienen, leiten die Veröffentlichung einer päpstlichen Bulle ein, bereinige Betrachtungell gewidmet werden. Es handelt sich um eine Bulle Papst Pauls III. vom 12. Mai 1540. Sie war auch bisher nicht unbekannt, sondern aus einer im Posenschen Archiv befindlichen Abschrift zuerst 1889, dann 1900 gedruckt. Aber da das Original nicht vorhanden war, so wurde sie in antisemitischen Blättern offen und versteckt verdächtigt. Solche Versuche, die Unechtheit der Bulle glaubhaft zu machen, werden nun durch die Auffindung des Konzeptes der päpstlichen Urkunde in dem vatikanischen Archive zu Rom endgiltig vernichtet. Ich gebe im Folgenden die Bulle, da ihr lateinischer Text doch nur einem Theile der Leser verständlich sein würde, in deutscher, dem Sinne völlig entsprechender, wenn auch nicht ganz wörtlicher Uebsrsetzung: „Allen und jeden Geistlichen Böhmens. Ungarns und Polens ent-! bieten Wir unfern Gruß. j „Wenn auch die Juden, deren Aufenthalt in verschiedenen Ländern! Unserer heiligen Kirche znm Zeugniß unseres Glaubens gestattet ist. I vorziehen. in ihrer Blindheit und ihrem Unglauben zu beharren, anstatt die Worte der Propheten und die Geheimnisse der Bibel zu erkennen, unfern Glauben anzunehmen und für das Heil ihrer Seelen zu sorgen, jo dürfen Wir ihnen, da sie in ihren Nöthen Schutz und Gunst erflehen. die christliche Güte und Milde nicht versagen, damit sie, durch diese Milde geleitet, ihre Jrrthümer erkennen und, durch die göttliche Gnade erleuchtet, zu der wahren Fackel ewiger Klarheit, zu Christus hinstreben. „Wir haben mit Mißfallen die Klage der in jenen Gegenden wohnenden Juden erhalten, daß seit einigen Jahren manche Stadtherren, Gemeinden. Adlige und sonstige Machthaber, die sich als geschworene Judenfeinde ausgeben, verblendet durch Haß und Neid, wahrscheinlicher durch Habsucht, um unter irgend einem Vorwand sich der Güter der Juden zu bemächtigen, gegen sie den falschen Vorwurf erheben, daß sie Christenkinder schlachten, deren Blut trinken und anderes Christenfeindliche begehen, und durch solche Vorwürfe einfältige Christen anfreizen und die Juden an Gut und Leben schädigen. Da die Inden nun versichern, daß die ihnen gemachten Vorwürfe weder wahr noch wahrscheinlich seien, daß sie vielmehr durch ihre Gesetze nicht minder als durch die unserigen verboten seien, haben sie Unsere christliche Milde durch einen besonderen Boten anflehen lassen, um ihnen, die solche Verfolgungen nicht mehr aushalten können, Schutz zu gewähren und die früheren päpstlichen Privilegien, besonders die Unseres Vorgängers Martin V. zu bestätigen. „Da Wir es für unsere Pflicht halten, auch den Juden Unsere eifrige Unterstützung zu gewähren als solchen, welche das Bild Gottes verehren und schon deshalb von uns ihre Erhaltung verlangen dürfen, damit sie nicht noch schwieriger in der Annahme Unseres Glaubens werden, und etwa gar in äußerster Verzweiflung zu den Ungläubigen laufen und für uns gänzlich verloren gehen, erklären Wir Uns ihren Bitten

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