Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1901)
- Date
- 1901-01-18
- Page
- Seite 32 (sequence 12)
- Language
- German
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32 deutsch-nationalen Wehrwolf oder sozialdemokratischem Volkserretter Bierkrügel gegen sein geweihtes Haupt geschleudert werden; woher, sage ich, dieser Mann nur die Physische Kraft zu seiner mannigfaltigen Thätigkeit schöpft, bleibt ein Räthsel. Er versteht es aber, wie kein Zweiter, seine Leute zu bändigen und in Zucht zu halten. Lneger spricht, und die ganze Meute schweigt. Trotzdem hat er bei den Wahlen große Verluste für seine Partei erlitten. In Wien und in der Provinz haben ihnen die Sozialdemokraten einige Mandate abgenommen. Sonst aber haben auch diese ziemlich viel verloren. Abgesehen davon, daß das Volk in Oesterreich, wenn nicht klerikal, so doch national gesinnt ist, verstehen es die Herren Sozialdemokraten durchaus nicht, die Sympathien für sich zu gewinnen. Das ist ein ewiges Geschimpfe in ihren Blättern und Blättchen, über den, der sich nicht zu ihrer allein selig machenden Lehre bekennt, ein Schmähen, das in seiner Roheit jeden halbwegs Gebildeten abschreckrn muß, mit Leuten zu gehen, welche in solchem Unflat wate». - Was die Fortschrittlichen, Couleur Noske, anlangt, so nimmt diese heute Keiner mehr wirklich ernst; die Deutsch- Rationalen aber sind doch alle mehr oder minder starke Antisemiten. So werden die heimlichen oder offenen Gegner der Juden aus der Wahlschlacht als Sieger hervorgehen. ein glanzender Beweis dafür, wie populär man bei uns durch den Antisemitismus werden kann. Unter dieser Flagge wird der künftige Reichsrath segeln, vorausgesetzt, daß die Jungtschechen das Schiff nicht früher zum Scheitern bringen. Wir Juden, die »vir leider bei allen diesen Kämpfen auch nicht das Bild rührendster Eintracht bieten, deren Blätter gerade jetzt wieder die Frage aufrollen, ob Religion oder Nationalität das uns einigende Band bildet, wir Juden mußten gerade bei den diesmaligen Wahlen auf der Hut sein, besonders dort, wo sich Deutsche und Sozialdemokraten gegenüber standen. Deutsche zu wählen, insonderheit Nationale, konnte inan uns kaum zumuthen. Wir haben allerdings vor dem wahren Deutschthum viel zu viel Achtung, als daß wir es mit dem verwechselten, was sich Karl Hermann Wolf und Georg Schönerer darunter denken. Deutschthum bedeutet uns wahre, erhabene, Menschheit erlösende Bildung; was aber hat aus diesem Dentschthum eine „Ostdeutsche Rundschau" gemacht s Eine Farce, eine deutschthümelnde Posse niedrigster Sorte mit antisemitischem Rassengeheul. Mit solchen Menschen, welche die Sprache Goethes und Kants und Mendelssohns schänden, wollen und können wir nicht gehen. Diese Leute haben den bösen Geist der Zwietracht in den Reihen des deutschen Volkes in Oesterreich ausgesäet, mögen sie nun ernten, was sie gesäet. Wir behaupten, daß gewisse politische Erscheinungen, innerhalb und außerhalb des Judenthums, bei uns ganz unmöglich und undenkbar gewesen wären, ohne diesen unseligen Zwist, den wir einem Schönerer, Wolf und ihrer ganzen Sippe zu danken haben. Aber auch vor den Sozialdemokraten »ruß gewarnt werden. Das ist eine Partei, welche hier im versteckten Antisemitismus arbeitet, obwohl sie eigentlich von jüdischen Stimmen lebt. Der Jude folgt ja so gern dem Rufe „Freiheit" und erwartet von einer großen Partei, welche dieses Wort auf ihre Fahnen geschrieben hat, Erlösung von allen Uebeln. Uns aber scheint es, als würde das Wort Freiheit von den Sozialdemokraten in dem Sinne nur ausgesaßt werden: frei ist, wer unseren, d. h. der Führer Willen thut. Wer nicht der Meinung einiger Leithammel und Zeitungsgrößen ist, gilt als bvrnirt, geistig zurückgeblieben, mit ewiger Dummheit geschlagen. Bei den Sozialdemokraten giebt es nur zwei Kategorien von Menschen: brave Arbeiter und blutrünstige, wucherische Ausbeuter. Da muß freilich die jetzige Gesellschaftsordnung gestürzt werden. Wir aber wollen keinen Umsturz, wir wollen ruhige Entwickelung. Im Interesse des Judenthums ist eine, wenn auch friedliche, Revolution durchaus nicht gelegen. — Das gebrannte Kind fürchtet das Feuer, und wir wissen ganz gut, gegen wen es zuerst bei Umstürzen gehen werde. Gott bewahre uns dann vor Denjenigen, welche man unsere Schutztruppe zu nenne» beliebt; wir meinen, die uns angeblich schützen, würden zuerst über uns hersallen. Die Herren Bretschneider, Schumeier, Adler, Ellenbogen u. s. f. mögen uns ja nur nicht einreden wollen, die österreichischen Arbeiter könnten sich zu der Höhe vollkommener Vorurtheilslosigkeit in politischer, nationaler und konfessioneller Beziehung erheben, zu einer Höhe, welche nicht einmal unsere Denker erreicht haben. Wir kennen diese Arbeiter besser und wissen, daß es für diese nur einen Köder giebt, und das ist und bleibt der Jude, besonders wenn er eine Million oder wenigstens eine Fabrik besitzt. - Was also thun in diesen schwierigen Zeitläuften? Sollen wir uns in ein politisches Ghetto einschließen? Sollen wir ganz auf unsere Rechte verzichten? Keineswegs, aber vorsichtig »volle» »vir sein. Der Jude läßt sich leider leicht sangen, eine dicke Schmeichelei ködert ihn. Vergessen »vir nichts, und warten »vir ab; lassen »vir die Ereignisse an uns herantreten, nur nicht sich exponiren, nur nicht extrem und radikal sei»», kaltes Blut bewahren, prüfen und wieder prüfen, ehe »vir unsere Stimmen hingeben. Vorsicht thut uns nolh, »ms, die »vir so schlechte Erfahrungen gemacht haben. Wird uns auch nur eine Partei Schutz gewähre», uns, die »vir uns für alle Parteien geopfert? Mögen die Herrschaften ihre politischen und nationalen Streitigkeiten unter einander ausfechten, »vir »vollen die ruhigen Zuschauer sein, und nicht auch Oel ins Feuer gießen. Auch sür uns kommt ein Tag, ein Tag wahrer Freiheit, jener Freiheit, welche alle Menschen erlöst. Heute herrschen Phrase und Pose, Heuchelei und Selbstsucht. Mit den edelsten Gütern der Menschheit wird loses Spiel getrieben von frechen Selbstlingen und öden Schwätzern. Denen gehen »vir nicht ans den Leim. Wo ist ein Mann in Oesterreich, der von sich sagen könnte, er wünsche die Freiheit für Alle ohne Unterschied, der von sich sagen könnte, er stehe selbstle? im Dienste des Volkes? Auch »vir warten auf schönere Tage. Ob sie das neue Jahr, das neue Jahrhundert, ob sie das neue Parlament bringen werden? Wir hoffen es, aber mißtrauisch sind »vir doch. t>v»i. Eine pldenfreundtiche päpstliche Bulle. Mitgetheilt und besprochen von Pros. Dr. Ludlvig Geiger. U^^urch die Ausschreitungen des Antisemitismus sind »vir sehr feinhörig für alle gehässigen und etwas harthörig gegen srenndliche Stimmen geworden. Jeder Buchhändler kann bestätigen, daß antisemitische Broschüren gerade in jüdischen Kreisen Käufer finden, philosemitische weit weniger, und wer selbst, wie Referent fünf Jahre lang eine jüdische