Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1901)
- Date
- 1901-01-18
- Page
- Seite 31 (sequence 11)
- Language
- German
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31 Die Stellung der Uatrlnner und die UeLiktenkasse. er geehrten Redaktion erwidere ich aus die Anmerkungen zu meinem Artikel in Nr. 52 Folgendes: 1. Es ist nicht richtig, daß es allein in Preußen 240 Rabbiner giebt, ihre Zahl in Preußen betragt zwischen 130 und 140. — 2. Es ist keine Widerlegung meiner Ausführungen, daß zur Zeit die preußische Regierung Ausländer zum Rabbinat nicht zuläßt. — Von Dr. Frankl bis Dr. Stier wurden zum Beispiel in Berlin in ununterbrochener Reihe Ausländer angestellt, zeitweilig bestand das gesammte Berliner Rabbinat ans gebürtigen Ungarn. — Aus dieser Zeit rühren aber die Anstellungsverträge der weit überwiegenden Zahl der deutschen Rabbiner her, so daß ich mit Recht den Einfluß der auswärtigen Konkurrenz aus die Anstellnngsverhältnisse betone» konnte. 3. Wird bemängelt, das; ich zum Vergleich die Verhältnisse des Beaintcnstandes herangezvgen habe, und wurde bemerkt, daß Lediglich ein Vergleich mit den christlichen Geistlichen am Platze sei, so erwidere ich, daß in wesentlichen Punkten meine Vorschläge ihr Analogon in den Bestimmungen für die Geistlichen der evangelischen Landeskirche haben. Auch bei diesen sind die Zuschüsse der Gemeinden und des Staates nicht hoch, dagegen haben die Geistlichen eventuell bis 0 Prozent ihres Diensteinkommens abzusühren. Ferner haben Stellen, deren Geistliche emeritirt werden, acht Jahre lang ein Viertel des etatsmäßigen Einkommens an die Pensionskasse abzuliesern, so daß gelegentlich bis 30 Prozent des Einkommens in die Kasse fließen. Sollen sich — wie nach dem, was ich hörte, beabsichtigt ist —, die Beiträge der Rabbiner auf 8 Prozent ihres Gehalts beschränken, so wäre das für den Rabbiner mancher Zwerggemeinde des Ostens eine große Last, für den Rabbiner der Großgemeinden zu wenig. — Denn nur, wenn sich sozialer Sinn und Standesgeist unter den Rabbinern zeigt, kann die Kasse den Stand heben. Anderen Falls würde das Ansehen des Standes erst recht geschädigt. Inzwischen läßt sich in Ihrer Nummer vom 28. Dezember 1900 Herr Rabbiner M. L. zur Sache vernehmen. Sein Artikel zeigt mir, wie große Unklarheit in der Frage herrscht. — Denn wenn er der Meinung ist. daß gerade wegen der kleinen Zahl der Rabbiner die Gründung einer Nelikteukasse nicht von ihnen selbst ausgeheu könne, so ist eher das Gegentheil richtig; entscheidend ist das durchschnittliche Einkommen. Wie ich von Herrn Dr. Mahbaunr hörte, sind in dieser Beziehung keine statistischen Ermittelungen angestellt worden; selbst über das Dnrchschnittsgehalt der Rabbiner liegen keine Ziffern vor. Andererseits war auch die Höhe der Pensionsbeiträge der christlichen Geistlichen, die ich unter 3. oben angegeben habe, unbekannt. Unter solchen Verhältnissen kann maii sich einer Erörterung doch nicht durch den Hinweis ans „die trefflichen bei der Generalversammlung des RabbinerverbandeS anläßlich der Behandlung dieser Frage gehalteneil Referate" entziehen. Denn über die wichtigsten Fragen können danach diese Referate Material überhaupt nicht enthalten haben. Die Beiträge, welche auf die Initiative des Herrn Dr. Mahbaum hin gezeichnet wurden, sind denn auch nicht das Ergebniß sachlicher Prüfung, die ja überhaupt noch nicht stattgefunden hat. In dieser Beziehung war sogar die Liste sehr lehrreich. Neben solchen, die immer geben, sind in ansehnlicher Zahl auch solche in der Maybaumschen Liste verzeichnet, die sich sonst in der Rolle als Geber nicht gefallen. Diese hätten für die rumänischen Juden oder jeden anderen Zweck ganz ebenso beigetrageu, wenn für die Rumänen der Rabbiner sich ebenso bemüht hätte, wie für die Reliktenkasse. Der richtige Weg wäre gewesen, den jährlichen Bedarf der Kasse und den eventuell von den Rabbinern selbst zur Verfügung stehenden Betrag budgetarisch zu schätzen. Sodann, wenn nach billiger Schätzung das Durchschnittseinkommen des Rabbiners zu gering wäre, die Großgemeinden zu entsprechenden Zuschüssen zu veranlassen. Erst wenn diese Mittel nicht znin Ziele geführt Hütten, war der richtige Zeitpunkt, um private Beiträge zu ersuchen. Statt dessen ist der umgekehrte Weg gewählt worden. Nachdem dies geschehen war, haben sich einzelne Personen nicht ausschließen »vollen, die diesen Weg nicht für den richtigen halten. Es darf aber erwartet werden, daß nunmehr die Rabbiner ihrerseits nicht nur ihr Scherflein beitragen, wie Herr Rabbiner M. L. in Aussicht stellt, sondern das; sie das richtige Bewußtsein ihrer Pflicht haben werden. Mein Vorschlag, die Pensions- und Reliktenkasse im Wesentlichen ans die Casualien zu basiren, bezweckte, einen gewissen finanziellen Ausgleich zwischen den Rabbinaten der größeren und kleineren Gemeinden herbciznführen; den Rabbinern insgesammt sollte kein Heller davon verloren gehen, eventuell sollten vielmehr noch Zuschüsse der größeren Gemeinde» hinzutreten. Zugleich war ich der Meinung, daß es die Stellung des Rabbiners heben würde, wenn er für seine Trau- oder Leichenrede nicht eine persönliche Entlohnung erfahre. Es sind Zweifel - auch von der geehrten Redaktion — geäußert worden, ob in diesem Fall der Rabbiner solche Funktionen ausüben würde. Sicherlich zu Unrecht, denn die entsprechende Pflicht würde ja Voraussetzung der Anstellung sein. Es wäre ein ganz ähnlicher Vorgang wie in der Rechtspflege, bei welcher der Fortfall der persönlichen Sporteln doch nicht zu einem Aushören der richterlichen Thätigkeit geführt hat. Es darf sehr bezweifelt werden, ob man dem Ansehen des Rabbinerstandes damit dient, daß man ihm das Motto impiltirt: Kein Geld, keine Rede. rLSM Brief aus Oesterreich. b. Im Januar 1900. (chb^ür uns Juden in Oesterreich ist eine kurze Schonzeit —angebrochen. Es wird nämlich jetzt bei uns frisch und ziemlich lärmvoll gewählt. Die Inden sind wieder ein Bedarfsartikel geworden. Da ist es nun wirklich lustig zu beobachten, wie die Parteien von dem Vorwurf des Antisemitismus sich zu reinigen, und ih» ans die Feindseligen zu wälzen trachten. Ein wahres Satyrspiel, das zn schreiben wahrlich nicht schwer hält. Besonders in dem lieben Wien geht es ganz „kunterbunt" zn. Eine Preisfrage: „Wer kennt sich in diesen buntfarbigen Kandidatnren aus"? Lueger ist dort natürlich der Held des Tages. Woher der Mensch die Kraft nimmt, an einem Abende oft in sechs bis zehn Wählerversammlungen zn sprechen, wobei es ihm geschehen kann, daß von irgend welchem