Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1901)
- Date
- 1901-01-18
- Page
- Seite 30 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228419-3228423--57200-3293559- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
:30 hätte jedoch sehr gewünscht, wenn es in der Form weniger scharf gehalten Ware. Er müsse erwidern, das; es traurig um das Jndenthum bestellt sein würde, wenn die Verhältnisse in den Gemeinden so lägen, wie sie vom Vortragenden heute geschildert seien. Achte der Kultusbeamte auf seine Würde, so würde er selbst und seine Leistungen auch geachtet werden. In Bezug auf das Referat von Herrn Dr. Freund wolle er bemerken, daß es wohl für angemessen zu erachten sei. wenn der Lehrer, der einen entsprechenden Bildungsgrad besitze, daß Amt eines Predigers ausüben dürfe und auch solle. Er weise auf die Westprovinzen hin, wo in vielen Gemeinden die Lehrer gleichzeitig auch die Funktionen des Predigers ausüben. B rock-Hirschberg erklärt, daß Kollege Bahr die Verhältnisse der Kultnsbeamten nicht zu schwarz hingestettt habe. Er weist auf verschiedene Beamtenkategorien hin, für die in mannigfacher Weise durch Relikten- und Krankenkassen gesorgt werde; es bedürfe dringend einer Vereinigung der Kultusbeamten, um deren Interessen wahrznnehmen. Tintuer-Bunzlan will nur bemerken, daß nicht die Ausübung der Schechita die Achtung für den Knltnsbeamtenstand verringere. Nur solle jeder Beamte auf ein würdevolles Thun achten, dann werde ihm auch mit Respekt entgegen getreten. Bähr erwidert, daß, wer als Knltnsbeamter fnngire, am meisten die Schattenseiten des Berufes heraussühleu müsse. In einer großen Stadt lägen die Verhältnisse sür die jüdischen Beamten wohl günstiger, in den kleineren Gemeinden dagegen seien sie notorisch recht traurig. Er weise auf eine Gemeinde hin. die ihrem Beamten nach 24jähriger Dienstzeit gekündigt habe, weil er ihr nicht mehr dienstfähig genug erschienen sei. Herrn Dr. Freund gegenüber wolle er bemerken, seit wann das Predigen nur Domäne der Herren Rabbiner sei? Mit dem Vorschläge des Herrn Professor Dr. Badt, eine Sektion innerhalb des jüdischen Lehrer- Vereins von Schlesien und Posen zu schaffen, erkläre er sich einverstanden und beantrage: Die Generalversammlung des Vereins israelitischer Lehrer in Schlesien und Posen hält es in Anbetracht der mißlichen Lage der Kultusbeamten für wünscheuswerth, innerhalb des Vereins eine besondere Knltnsbeamten-Abtheilnng zu nachdrücklichster Wahrung ihrer gesammten wirtschaftlichen und Standesinteressen zu bilden. Dieser Antrag wird von der Versammlung zum Beschluß erhoben Auch gegen die Resolution des Herrn Dr. Freund-Ostrowo im Anschluß an seinen Vortrag: „Mit Rücksicht auf die Bedürfnisse der Gemeinden, die nicht im Stande sind, sür jedes Ressort einen besonderen Beamten anznstellen, ist es den Lehrern zu empfehlen, sich auch für ein Kultusamt (Prediger Kantor, Schlächter) vorzubilden", wird bis auf die oben erwähn teil Gegenbemerkungen ein Widerspruch nicht erhoben' Der Herr Vorsitzende berichtet jetzt über das Vereinsjahr, Punkt 1 der Tagesordnung. Er erinnert an die im Laufe des Jahres verstorbenen Mitglieder, den langjährigen Schriftführer Herrn Dr. Samter und an die Herren Lehrer Wolff-Gr.-Strehlitz und Nackwitz-Lissa. Zu Ehren derselben erheben sich die Versammelten voll ihren Plätzen. Der Vorsitzende erwähnt weiter die beabsichtigte Gründung einer Zeitschrift von Seiten des Lehrerverbandes, die in diesem Jahre erscheinen soll, und bedauert, daß sich sür das Vereinsthema trotz mehrfacher Umfragen kein Referent zur Uebernahme desselben gesunden hätte Er verbreitet sich ferner über das Recht der jüdischen Lehrer zum Eiujährigfreiwilligen-Dienst und drückt sein Bedauern aus, daß trotz aller unternommenen Schritte, die auch von seiner Seite erfolgten, alles vergebens gewesen sei, ein günstiges Resultat zu erzielen. Des Weiteren verbreitet er sich über die Begründung der Verbands- Pensionskasse. Den Mitgliedern des Vereins ist im Aufträge des Vorstandes der Pensions-, Witwen- und Waisenkasse der jüdischen Lehrervereine in: deutschen Reiche ein Abdruck der Satzungen nebst beabsichtigten Aenderungen und den Vorschlägen des Vorstandes des Vereins jüdischer Neltgionslehrer Ostpreußens zu denselben zugegangen, mit der Bitte, sich über dieselben zu äußern. Nach einigen über das ganze Unternehmen sich verbreitenden Bemerkungen schlägt der Vortragende vor, in Allbetracht der vorgerückten Zeit das erbetene Urtheil in der Form zu gestalten, daß über eine Reihe von ihm zu diesem Thema vorgeschlagener Resolutionen diskutirt und Beschlüsse gefaßt werden. Nach kurzen an die einzelnen Resolutionen sich knüpfenden Auseinandersetzungen erfolgt die einstimmige Annahme folgender Resolutionen: 1. Die Versammlung lehnt eine eingehende dem Wortlaut gewidmete Berathung der chr vorgsiegten Satzungell und Abänderungsvorschläge ab. weil sie eine größere Vereinigung nicht für die zu diesem Zwecke geeignete Körperschaft hält. Durch Macht der Ueberredung können leicht in solchen Versammlungen Beschlüsse von nicht zu übersehender Tragweite gefaßt werden. 2. Bei aller Allerkennung für das erftrebenswerthe Ziel der Verbandspeusions-Kasse findet die Versammlung es als einen! wesentlichen Mangel der vorliegenden Satzungen, daß, allem Anscheine nach, sie ohne Zuziehung der Vorstände der hisherigen Hilfskassen entstanden sind. Unter den obwaltenden Umständen werden die Versorgungskassen für den jüdischen Beamten stand voraussichtlich nur unter Mitwirkung der Wohlthätigkeit sich halten können; die Wohlthätigkeit aber will, wenn sie nicht bestimmten Persönlichkeiten gewidmet ist. ihr Werk dem ganzen Stande gleichmäßig zuwenden. 3. Daher ist vorläufig, so lange es nicht möglich sein wird, alle Mitglieder des Lehrer- und Kultusbeamtenstandes zu versichern, voll einer schablonenhaften Lebensversicherung abzusehen, vielmehr nach der bisherigen Uebuug aller Kassen bei der Versorgung durch dieselben auch das Maß der Bedürftigkeit in jedem einzelnen Falle zu prüfen. 4. Es scheinen bei den vorliegenden Satzungen der V. P. K. hauptsächlich Versichernngstechniker gefragt, weniger die Leistungsfähigkeit der Lehrer oder die Bereitwilligkeit der Gemeinden erwogen worden zu sein. Eine Revision der Kasse nach diesen Gesichtspunkten erscheint nöthig. ehe sie ihre Wirksamkeit beginnt, soll sie nicht mehr Schaden als Nutzen stiften, den bestehenden Kassen nicht blos, sondern dem ganzen Stande, durch Benutzung wohlthätiger Gaben gerade sür die Kräftigeren auf Kosten der Schwachen. 5. Der Verein jüdischer Religionslehrer Ostpreußens hat sich durch sein mannhaftes Eintreten gegen die gerügten Uebelstände gerechten Anspruch auf den Dank der gesammten Lehrerschaft erworben, und die Versammlung spricht namentlich Herrn Inspektor Peritz zn Königsberg sür seine fleißige, treue, verständnißvolle Arbeit ihre Anerkennung ans. 6. Ohne auf die einzelnen Aenderungsvorschläge einzugehen (Res. 1.) erklärt die Versammlung mit den auf S. 31 und 32 der ihrer Beratung unterbreiteten Schrift ausgesprochenen Grundsätzen des Vorstandes des Vereins jüdischer Religionslehrer Ostpreußens all 1. 2 nnd 3 ihr volles Eiuverständniß. 7. Besonders dürfte der Gedanke einer Centralkasse, durch deren Zuschüsse die Quoten der Einzelvereinskassen auf einer bestimmten Höhe gehalten werden könnten, sich als sehr segensreich erweisen. 8. Die Versammlung hält es für eine unabweisliche Pflicht des Vorstandes der V. P. K. auf Grund der Nesol. 1—7 eine nochmalige Revision der Satzungen der V. P. K. unter Zuziehung der Leiter allerbisherigen Hilsskassen vorzunehwen. Herr Alexander-Breslau regt an, die Versammlungen nicht mehr zu Pfingsten, sondern in den Weihnachtsferien stattfinden zn lassen. Borchardt -Samter unterstützt diesen Antrag, und begründet ihn in eingehender Weise. Der Vorschlag findet bei der Versammlung einhellige Annahme, ebenso der Wunsch wieder in den schönen Räumen der Lessiug-Loge zur Berathung znsammenzukommen. Brock-Hirschberg bittet, dem Vorstande der Lesfing-Loge seinen Dank für die Ueberlassung der Räume im Namen der Versammlung zu übermitteln, und regt an, ob es nicht zu ermöglichen sei, die Verhandlungen ans zwei Tage anszndehnen, um ohne Hast das Programm zu erledigen. Aus der Mitte der Versammlung wird angeführt, daß die Beamten schwerlich 2 Tage Urlaub bekommen würden, es sich auch vor Jahren nicht bewährt habe, mehr als einen Tag für die Sitzung sestzusehen. Ein vom Herrn Rabbiner Dr. W resch n er-Samter sür die jetzige Tagung noch nachträglich in Aussicht gestellter Vortrag wird wegen vorgerückter Zeit zurückgezogen und soll für die nächste Generalversammlung auf die Tagesordnung gefetzt werden; ebenso fiel auch die Probelektion ans. Der Vorsitzende dankt den Versammelten noch für ihr treues Ausharren und schließt daraus die Sitzung nm 2^ Die Kollegen vereinigten sich darauf in den Räumen des Logen- Nestanrants zum gemeinsamen Mittagsmahls und besuchten darauf unter sachkundiger Führung das neue Kunstgewerbemuseum. Der Schriftführer. Moops.