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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-01-18 · Heft 3 (18.1.1901) · p. Seite 29

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 3 (18.1.1901)
Date
1901-01-18
Page
Seite 29 (sequence 9)
Language
German
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29 Vorstands zu nahe treten zu wollen; er erkenne gern das warme Interesse, welches jedes derselben allezeit für den Verein bewiesen habe. Er vermisse aber die Vertretung der Kultusbeamten im Vorstande des Vereins. Da Kollege Bähr bei seinem Widerspruch verharrt, so erklärt der Vorsitzende, die Wahl eines jeden Vorstandsmitgliedes besonders vornehmen zu müssen. Professor Dr. Badt wird per Akklamation wiedergewählt, ebenso der Schriftführer Moops- Breslau. Die Versammlung einigte sich dann darin, die Wahl des stellvertretenden Vorsitzenden durch Zettelwahl erfolgen zu lassen. Alle abgegebenen Stimmen vereinigen sich auf Kollegen Herbst-Lissa, dessen Wiederwahl voll der Versammlung mit großer Befriedigung ausgenommen wurde. Roßkamm-Fordon dankte im Namen des abwesenden Herrn Herbst für diesen neuen Beweis des Vertrauens. Der Vorsitzende ertheilte Kollegen Vähr-Waldenbnrg nunmehr das Wort zu seinem Referat: Die Lage der Kultusbeamten in den kleinen und mittleren Gemeinden des Ostens. Redner ging von der Thatfache aus, daß unsere Zeit gewissermaßen im Zeichen der Organisationen und Interessenvertretungen stehe, die sich für die betreffenden Berufe in hohem Grade segens- und erfolgreich erwiesen, und daß es darum auch für die Kultusbeamten eine heilige Pflicht sei, sich endlich aufzuraffen und etwas zur Hebung und Besserung ihrer Lage zu unternehmen. — Darauf schildert Redner eingehend die Beschaffenheit der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse dieses für die Erhaltung des Judenthums so nöthigen Standes und bezeichnet beides > als gleich mißlich und traurig. Mißlich und traurig sei die unzu-! reichende Besoldung, die einen standesgemäßen Lebensbedarf nicht! decke, und besonders der kündbare, zu Pension nicht berechtigende Anstellungsmodtts, der ihn „vogelfrei" mache, ihn „in den glücklichen Tagen" der Laune und Willkür der Gemeinde ansliefere und im Alter oder bei sonstiger Arbeitsunfähigkeit dem ..Umünnonus" preisgebe. Noch mißlicher und trauriger sei vielleicht seine soziale Stellung. Die ihm von gemeindewegen eingeränmte Stellung entspreche nicht seiner Vorbildung, noch dem ihm anvertranten Amte. Er esse Brot, aber sein Brod sei ein Brod mit Thränen. Diese traurige Lage müsse verbessert werden, und zwar nicht nur im Interesse der Kultusbeamten. sondern mehr noch vielleicht im Interesse der Gemeinden selbst, weil unter den obwaltenden Umständen der Knltusbeamtenberuf keinen Zuwachs erhalten könnte und tatsächlich schon über Mangel an brauchbaren Beamten geklagt werde. — Die Möglichkeit der Verbesserung sei zweifellos vorhanden, wenigstens bezüglich der festen Anstellung, die jede Gemeinde ohne besondere Belastung des Etats gewähren könnte, womit aber schon sehr viel gewonnen sein winde. Dieses zu erreichen, müßte zunächst das Bestreben der Kultusbeamten sein, und zu diesem Zwecke empfiehlt Referent eine Organisation zur nachdrücklichsten Wahrnehmung aller ihrer gemeinsamen Interessen. Die Kultusbeamten müßten sich solidarisch erklären und einen Kultusbeamtenbnnd ins Leben rufen. Redner schloß seine Darlegungen mit den Worten: „Ich gebe zn, daß das Mittel der Interessenvertretung beim ersten Blick eine etwas rauhe Außenseite zu haben scheint. Aber das scheint nur so; im Grunde ist solches Streben höchst ideell und löblich. Eine Kultnsbeamten-Organisatioii ist von großer Wichtigkeit. Wir werden damit nicht allein uns und den Unserigeu dienen, mehr noch unseren Gemeinden, denen nur dadurch einen tüchtigen, achtungswerthen Beamtenstand schafften. Am meisten aber dienten wir damit unserem theuren Jndenthum selbst, dessen Kraft und Ansehen durch ein kräftiges und angesehenes Beamtenthnrn nur gewinnen und wachsen kann." Reicher Beifall folgte diesen Ausführungen. Herr Pros. Dr. Badt war während des Vortrages wieder erschienen und hatte die Leitung der Versammlung übernommen. Er dankte dem Referenten für seinen formvollendeten Vortrag, würde aber gewünscht haben, wenn Redner weniger pessimistisch geurtheilt hätte. So arg sei es in den Gemeinden doch nicht, wie Redner geschildert habe. Man müsse übrigens auch nicht vergessen, in welch bedrängter Lage so manche jüdische Gemeinde sich befände: wie es nur unter den größten Opfern möglich sei, religiöse Institutionen aufrecht Zu halten. Es sei darum Gegenstand der Verhandlung bei den Verbänden geworden. wie es sich ermöglichen lasse, die Verhältnisse der schwachen Gemeinden besser zn gestalten. Im Allgemeinen könne man den Satz wohl ausstellen, jeder Knltnsbeamte hat die Gemeinde, die er verdient. Er rathe davon ab. einen Knltusbeamtenvereiu, wie Referent es wünsche, zn gründen, da wir an Vereinen keinen Mangel hätten; natürlicher wäre es, innerhalb des Lehrervereines eine Sektion zu gründen, die Standesfragen behandeln. Uebelstände besprechen. Resolutionen fassen und in geeigneter Weise der Generalversammlung des Vereins zur Beschlußfassung vorlegen könne. (Beifall.) Zur Geschäftsordnung erbat Dr. Freund-Ostrowo das Wort. Er wünscht, daß eine kleine Pause eintrete und dann vor Fortsetzung der Besprechung des vorliegenden Referats sein Referat gehalten werde, da die Versammlung bei weiterem Debattireu zu abgespannt sein würde, ihm folgen zu können. Auf Vorschlag des Herrn Rabbiner Dr. Guttmann erklärten sich die Anwesenden einverstanden, eine Pause eintreten zu lassen, nach derselben das Referat des Herrn Dr. Freund zu hören und dann über beide Vorträge gemeinsam zu debattireu. Herr Dr. Freund sührte in seinem Vortrage folgendes aus: Die Antwort auf die Frage: „Welches sind die Nebenämter des jüdischen Lehrers?" müßte von rechtswegen lauten: „Gar keine!" Denn sein Hauptamt genügt, die Arbeitskraft eines Mannes in Anspruch zu nehmen, und die freie Zeit sollte er zur geistigen Fortbildung und zur Fürsorge für seine Familie Verwendern Indessen drängen die Verhältnisse immer mehr dazu, daß er neben dem Amte in der Schule auch ein ferneres Amt in der Gemeinde übernehme. Die Zahl der jüdischen Lehrerstellen nehme immer mehr ab, weil in weiten Kreisen das Streben nach Kommnnalisirung der konfessionellen Schulen vorhanden sei — wobei dem Prozentsatz der jüdischen Schüler bei Anstellung der Lehrer in der Regel nicht Rechnung getragen werde. Dazu kommt, daß die kleineren und mittleren Gemeinden in ihrer Seelenzahl konstant znrückgehen, ein Rückgang, der in den meisten Gemeinden der Provinz Posen in dem letzten Menschenalter ca. 60 pCt. und auch darüber betrug. Dementsprechend ging die Zahl der jüdischen Lehrer in dieser Provinz in den letzten sechs Jahren von 100 auf 83 zurück und ähnlich in anderen Theilen Deutschlands. Ein Mittel, diesem Nebelstande abznhelsen — die Gründung neuer jüdischer Volksschulen — sei durch viele Umstände nicht ausführbar, und so bleibe als ein anderes Mittel nur der Allsweg, daß das Lehreramt mit einem Knltusamte verbunden werde. In erster Reihe komme in Betracht das Amt des Kalltors, das — an Sabbath- und Festtagen — durchaus nicht mit dem Amte des Lehrers kollidire, und wo nur die gesangliche Alllage vorhanden sei — die Gemeinde würde hierin mit der Zeit ihre Ansprüche bedeutend herabsetzen — solle sie mit allen Mitteln ausgebildet werden, damit der Lehrer zugleich als Beamter oder wenigstens als 6aal Hiilln snngiren könne. Das Amt des Predigers erfordere, wenn es nicht zur Flachheit herabgewürdigt werden sötte, eine umfangreichere Vorbildung. Die Verbindung des ständigen Predigerbernses mit dem Lehramte sei nicht gut durchznführen. indessen — wo Lust und Fähigkeit vorhanden. — solle es dem Lehrer empfohlen sein, dem Wunsche der Gemeinde nach einer Predigt bei besonderen Anlässen entgegenznkommen. — Daß das Amt des Schächters mit dem Lehramte verbunden werde, sei allerdings vom Standpunkte des Ideals nicht wnnschenswerth, wenn auch etwas den Lehrer Herabwürdigendes in dem religiösen Akte der Schechita und Bedika durchaus nicht gefunden werden könne. Indessen, wenn eine kleine Gemeinde nur einen Beamten anzustellen im Stande sei, und deshalb häufig zu sehr ungeeigneten Elementen ihre Zuflucht nehmeil müsse und der Unterricht dann sehr leide, wäre es von großem Nutzen, wenn sie einen Lehrer erhalten könnte, der auch die Schechita versehen könne. — Obligatorisch solle dieser Unterricht nicht für die Lehramtskandidaten sein — aber im Interesse der Gemeinde, im Interesse der Lehrer selbst und der Erhaltung des jüdischen Lehrerstandes sei es jedem Lehrer anzuempfehlen, auch in dem Fache des Kultusbeamten eine gediegene Ausbildung zu erstreben. Der Vorsitzende dankt dem Herrn Referenten für seinen Vortrag und eröffnet die Debatte. Zum Worte meldet sich Blume Ilfeld- Schweidnitz, der znm Vortrage von B ä h r-Waldenburg erklärt, daß. so sehr er auch die Vorzüge dieses Vortrages im allgemeinen anerkenne er doch betonen müsse, daß so manches viel zu schwarz dargestellt sei. Für jeden Beamten sei es möglich, sich die Achtung zu verschaffen, die er verdiene. Eine Ueberlastnng mit Berussgeschäften trete bei dem Kultusbeamten auch nicht ein, da sie lange nicht so sehr in Anspruch genommen wären wie die Lehrer. L öw enstein-Glatz erklärt die ganze Misere der Kultusbeamten aus dem Umstande, daß sie nicht definitiv angestellt wären. Herr Dr. Guttman»-Breslau spricht Kollegen Bähr seine Anerkennung über das gehaltene Referat ans,

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