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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-01-11 · Heft 2 (11.1.1901) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 2 (11.1.1901)
Date
1901-01-11
Page
[Seite] (sequence 17)
Language
German
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65. Jahrgang. Ar. 2. Berlin. U. Januar 1901. 'Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des IrröentHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 8. Berlin, 6. Januar. Die heutige Sitzung der Repräsentantenversammlung lvährte zwar ungefähr drei Stunden, trotzdem barg sie sür die Oeffentlichkeit nur wenig Interessantes. Den bei weitem größten Raum in den Debatten nahm die zweite Lesung der Satzungell der Bibliothekkommission ein. Die erste Lesung derselben, welche in der vorigen Sitzung stattfand und ziemlich glatt und schnell erledigt wurde, hatte nicht ahnen lassen, daß sich für die zweite eine sich nimmer erschöpfende Debatte über die Versammlung ergießen würde. In der behaglichen häuslichen Ruhe war es erst den Herren Gemeindevertretern klar geworden, welche Fülle von Unklarheiten und Ungellauigkeiten das Statut enthielt, deren Abstellung schon aus dem Grunde, weil die Bibliothekkommission eine Verwaltungskommission der Gemeinde ist, durchaus uothwendig erschien. Besonders Herr Willibald Löwentbal trat wohlausgerüstet mit einer großen Menge von Abänderungsanträgen auf den Kampfplatz, der allerdings heute einen selten friedlichen Anblick bot. Er hatte die Genugthnung, daß fast alle Mängel, die er am Statut rügte, auch voll anderen Vertretern anerkannt wurden, lind so wurden nach einer nur kurzen Generaldebatte in schier endloser Spezialberathung die sachlichen und redaktionellen Ungenauigkeiten — wir erwähnen hier nur die Berechtigung zum Erlaß der Benutzungsordnung der Bibliothek, die Art der Anstellung der Beamten, die Befuguißumgrenzung des wissenschaftlichen Beiraths — gemäß den einzelnen Anträgen geändert. Die Folge wird es lehren, ob durch die nunmehrige Fassung alle Schwierigkeiten vermieden worden sind. Im Zusammenhang mit dieser Vorlage wurde die bereits bestehende Bibliothekkommission durch die Zuwahl der Herren Oberlehrer Dr. Schäfer und Professor Dr. Pinn er ergänzt. In den wissenschaftlichen Beirath wurden gewählt die Herren Sanitätsrath Dr. Reumann. Dr. Gustav Karpeles, Rektor Dr. Holzmann und die Rabbiner Dr. May bäum und Dr. Weisse. — Eingeleitet wurde die Sitzung, wie es das Gemeindestatut für die erste Versammlung im Jahre erfordert, durch die Neuwahl der Vorsitzenden Und der Schriftführer, welche die alte Zusammensetzung ergab. Zn Beginn der Wahl waren 18 Repräsentanten, später 19 anwesend. Aus der Wahlurne gingen hervor Louis Sachs mit 17 Stimmen als erster. Leonhard Sachs mit 16 Stimmen als zweiter und Gustav Loewenberg mit 16 Stimmen als dritter Vorsitzender; Willibald L'öwenthal mit 18 Stimmen als erster. Professor Blaschke mit 17 Stimmen als zweiter Schriftführer. Vor der Wahl sprach Herr Leonhard Sachs dem nun wiedergewählten ersten Vorsitzenden in wenigen herzlichen Worten den Dank der Versammlung für die umsichtige Leitung der Verhandlungen während des Amtsjahres aus. Die Gewählten nahmen sämmtlich die Wahl an. — Eine Zuspitzung erfuhr die Debatte nur bei der Vorlage betreffend den Beginn des Sa bb athg ot tesdienstes in den Org elsyuagogen. Herr- Leonhard Sachs referirte, daß langjährige Erfahrungen die Rabbiner bestimmt hätten, in den Monaten November bis Anfang März den Beginn des Sabbathgottesdienstes um 9V2 Uhr, anstatt wie bisher um 9 Uhr zu befürworten. Nach ihrer Ansicht kann nur hierdurch eine stärkere Betheiligung erwirkt werden; die Besucher kommen theils zu spät und sind infolgedessen von der Predigt ausgeschlossen, theils verzichten sie wegen des frühen Beginns überhaupt auf den Besuch des Gotteshauses. Prof. Lewin, der große Rabbinerfeind, ließ diese günstige Gelegenheit nicht Vorbeigehen, um die Motivirung. welche die Rabbiner ihrem Anträge gegeben hatten, als eoutraäielio in riHeelo zu bezeichnen. Eine derartige Motivirung entspreche nicht dem, was ein Nachdenken über diese Frage als Ergebniß zeitige. Ein Gottesdienst, der noch so früh anfange, werde von Denen, die ihn besuchen wollen, stets besucht werden; der Gottesdienst richte sich nicht nach der Zeit, sondern nach dem Herzen. Maurermeister Frankel spricht sich ebenfalls entschieden gegen den Antrag aus. Er ist überzeugt, daß die Rabbiner nach der Bewilligung des Antrages nicht fünf Minuten vor der Zeit in die Synagoge kommen werden, die sie bisher innegehalten haben. Er nahm die Gelegenheit wahr, um das konservative Steckenpferd nach langer Schonzeit wieder vorzuführen und in der parochialen Eintheilnng das Allheilmittel zur Besserung der Zustände zu erblicken. Werden die Rabbiner erst in bestimmte Synagogen designirt, dann werden sie auch zeitig zum Gottesdienst erscheinen. Nachdem dieser Punkt einmal angeregt war, führte Prof. Lewin bewegliche Klage, daß nach seiner, durch Jahre hindurch, mit Ausnahme des letzten Jahres, gewonnenen Erfahrung in der alten Synagoge die Rabbiner weder zu Anfang des Gottesdienstes noch unmittelbar nach demselben, sondern stets kurz vor dem Allsheben der Thora das Gotteshaus betreten hätten. Er könne »licht verstehen, woher die Erfahrung der Rabbiner stammen solle, die gar nicht so früh in der Synagoge erscheinen, um sich ein richtiges Urtheil über die vorliegende Frage zu bilden. Nachdem noch Herr Löwenberg zu Gunsten eines Rabbiners Einspruch gegen die vorherigen Ausführungen eingelegt, weist Prof. Blaschke ans die Aenderung der Verhältnisse in der Gemeinde seit der Errichtung der Synagogen in der Lindenstraße und Lützowstraße hin und hält wegen der großen Entfernungen eine Rücksichtnahme ans die Rabbiner durchaus sür geboten. Die Fränkelschen Ausführungen hatten auch den Widerspruch des Herrn Löwenthal herausgefordert, welchem alsdann seitens des ersteren jegliches Urtheil abgesprocheu wurde, weil er die Synagoge nicht besuche. In einer persönlichen Bemerkung erhob mit vollem Recht Herr Löwenthal entschieden Einspruch, daß Herr Fränkel Angaben, die er nur vorn Hörensagen kenne, und welche durchaus der Wahrheit widerstreiten, weiter verbreite, und wies diese Aeußerungen. welche doch nur denunziatorisch gedeutet werden könnten, scharf zurück. Nachdem Vorsteher Jaeoby die vorliegende Frage als gänzlich ungeeignet erklärt, das Parochialsystem wieder aufziirollen. versuchte es Prof. Baginsky noch einmal, dem Steckenpferd durch die Stellung eines Vertagungsantrages. welchen er durch die Rücksicht auf die Fränkel'sche Anregung motivilte, wieder etwas auf die Beine zu helfen. Aber auch seiuern Eingreifen gelang es nicht, die durch die lange Schonzeit steif gewordenen Glieder des Steckenpferdes wieder geschmeidig zu machen. Auch seine Erklärung, daß das Schachrisgebet unmöglich zu so später Stnnde gesagt werden dürfe, fiel »licht auf fruchtbaren Boden. Stadtrath Dr. Weigert sprach gegen de»» Vertagungsantrag, der auch dann bei der Abstimmung gegen eine kleine Minderheit fiel, und Herr Leonhard Sachs hielt das Einverständniß des gesammten Rabbinates für vollkommen ausreichend, um sich der Befürwortung des späteren Beginns des Gottesdienstes anzuschließen und einen Versuch noch in diesem Winter mit der Neuerung anzustellen. Der Antrag wurde mit großer Mehrheit angenommen. — Eine kleine Debatte rief noch die Bewilligung eines Beitrages zu den Kosten der Herausgabe der Ueberreste des jüdisch-hellenischen Schriftthums hervor. Der im Laufe der Diskussion dreimal gestellte Antrag ans Vertagung vermochte nicht die Berathung der Vorlage zu verhindern, die auch schließlich mit großer Mehrheit zun» Beschluß erhoben wurde. Es handelt sich um einen Gemeindeznschnß von 500 Mark, der einem zu den» genannten Zweck gebildeten Komitee, dem u. A. die Herren Dozentur. Braun, Professor Chwolson-Petersburg. Rabbiner Dr. Güdemann-Wien. Rabbiner Dr. Mavbaum-Berlin angehören. bewilligt werde»» soll. Professor Lew in widerspricht dem A»»trage, »veil es ihn» nicht behagt, Geld zu einem Werk zu bewilligen, dessen spezielles Programm erst nach eine»»» Ueberblick über die eingegangenen Beträge entworfen werden soll. Die Versammlung müsse durchaus wissen, wohin der Weg gehe, und nn'lsse deshalb eine Rückäußer»» »»g über Zweck und Umfang des Vorhabens extrahiren. Professor Geiger ist ebenfalls der Ansicht, daß erst der Plan vorgelegt werden mnsse. Vorsteher Jacoby weist darauf hin, daß die Herren des Komitees gar nicht Ln der Lage sein werden, eine ausreichende Antwort zu gebe»». Mit großen Mitteln werden sie selbstverständlich

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