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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-01-11 · Heft 2 (11.1.1901) · p. Seite 24

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 2 (11.1.1901)
Date
1901-01-11
Page
Seite 24 (sequence 16)
Language
German
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21 Sie beugte sich über den Erker hinab und blickte in die Tiefe. Da sah sie eine zahlreiche Menge versammelt. Männer und Frauen, und das Volk wogte auf und ab auf dem Markte des Dorfes. Leer standen die Felder, verlassen waren die Gerüche, unbewacht die Pferde, und Alles drängte sich geschäftig auf dem sonst so leeren Platze zusammen. Zahlreiche Gruppen hatten sich gebildet, und Bertha bemerkte, wie Einzelne von den Bauern, lebhaft gestiknlirend, zu den Anderen sprachen. Eine große Erregung sie sah es — hatte sich der Bewohner von Swielicze bemächtigt. Was konnte es sein, das die Bauern von ihren Feldern trieb, das die stillen und arbeitsamen Frauen bewog, ihre Häuser zu verlassen und auf den Markt hinauszutreten? Was war es. das die unterwürfigen Leute in solche ungewohnte Aufregung versetzte? War ein Unglück geschehen? War ihrem Gatten etwas zugestoßen? Da öffnete sich die Thür und Szoltan trat herein. „Bertha," sagte er, „der Herzog ist gestorben." «Forts, folgt.) Kronele. Eine Erzählung von Alexander Weilt. XIII. ie von einem Schlage getroffen, suchte die Mutter ihre Sprache, um zu antworte», und fand kein Wort. Als aber der junge Mann die Schwelle der Hausthür hinter sich hatte, lief sie ihm nach und rief: „Herr Elias, inan verläßt ehrlicher Leute Haus nicht wie ein Dieb! Was haben wir Ihnen Leides gethan?" „Nichts. Frau Reich!" versetzte Elias. „Sie wissen jedoch, daß meine Entschlüsse ebenso rasch als unerschütterlich sind." „Gottes Zorn über Sie!" schrie da Frau Reich auf. „Sie lieben meine Tochter Kronele. Sie gehen fort, weil Sie wissen, daß ich Sie fortjagen würde." „Was geht das Sie au?" antwortete Elias, indem er zurückkam, um Kronele noch einmal zu sehen; „was kümmert Sie, wen ich liebe oder hasse? Habe ich Ihnen die Geheimnisse meines Herzens vertraut? Habe ich je von Liebe mit Ihrer Tochter gesprochen? Wollen Sie mich etwa zwingen, meine theuersten, geheimsten Gefühle vor Ihnen auszuschütten?" „Sie haben mein armes Kind mit Zaubereien verlockt; man hat es mir ivohl vorausgesagt." „Frau Reich", sagte Elias mit ernster, klarer Stimme, „hätte ick diese übernatürliche Kraft, so hätte ich Sie gewiß vorerst auf Sie angewandt! Und was ihre Tochter betrifft" - und dieses sagend, betrachtete er sie zärtlich —, „so wird Kronele nie ihrer Mutter ungehorsam sein! Das wenigstens hat sie von mir gelernt! Ich habe Ihren Kindern beständig wiederholt, «daß nie ein widerspenstiges Kind glücklich sein wird. Jst's wahr oder nicht, Kronele?" »Ja, Herr Seidel," antwortete diese mit erstickter Stimme, „es ist die Wahrheit, und ich werde sie nie vergessen!" „Sie sehen." fuhr Elias fort, „daß Sie weder von mir, noch von Ihrer Tochter etwas zu fürchten haben. Und weil ich doch gehe, gehe ich lieber als Freund, denn als Feind. Sie haben mir so viel Gutes gethan! Sie haben ein besseres Herz. Frau Reich, als Sie selbst wissen. Die Schale ist rauh, der Kern aber ist vortrefflich. Und nun lebt wohl, nnd möge Gott euch Alle lieben und beschützen und beglücken!" Er war verschwunden. Sonderbar! dachte Frau Reich, dieser junge Mensch braucht nur zu sprechen, um wie ein Zauber auf mich zu wirken; ich begreife Kronele. Ein Unglück, daß er Schulmeister und eines Bettlers Sohn ist Und weil er denn doch fort ist, so wird Kronele ihn vergessen. Dann, indem sie aus dem Zimmer trat, sagte stellarst: „Kinder, kein^Wort von allem, was diesen Morgen hier vorgefallen." „Du glaubst," erwiderte ihr Sohn, der trotz seiner Unpäßlichkeit die Treppe herabkam, um diesem Auftritt ein Ende zu machen, „Du glaubst, man habe Dich nicht gehört? Da sieh' einmal in den Hof!" Wirklich war der Hof voll Neugieriger, Christen wie Juden, die dem Schullehrer ein lautes Lebewohl znriefeu. Kronele hatte sich durch die Küchenthür zu ihrer Freundin geflüchtet und fiel ihr weinend um den Hals, indem sie ausrief: „Er verläßt uns, er ist fort!" * -!- Der Sturm, der über dem Hause Reich ausgebrocheu, schien sich mit der Abreise Seibels trotz verschiedener Nachschläge, zu stillen. Als der Bote kam, nm die Sachen des Schulmeisters zu holen, athmete Frau Reich hoch ans, wie von einer großen Last befreit: „Gott sei Dank, nun sind wir ihn tos, nie werde sein Name mehr in nnserm Hause genannt! Hörst Du, Heva. Kronele soll und muß ihn vergessen! Es ist dies in Deine»» Interesse, denn ich verheirathe Dich nicht vor Deiner Schwester nnd nie werde ich meine Einwilligung gebe», daß sie diesen Goi heirathe." „Ich »nuß gestehen," versetzte Heva, „daß ich Kronele nicht begreife. So groß auch die Zauberkraft Elias' sein mag, mir schien er immer abstoßend häßlich." Frau Reich zuckte die Achsel, denn sie schien den Schulmeister nur darum so heftig zu hassen, »veil sie in» Grunde ihres Herzens die Wahl Kroneles sich sehr leicht erklären konnte. Sie begriff wohl die Macht seines Wortes nnd die magnetische Kraft seines Seelenblicks. Ja, hätte sie nicht gefürchtet, ihre Tochter dadurch zu rechtfertigen, so hätte sie vor aller Welt Seibel vertheidigt. So dachte sie auch jetzt bei Hevas Worten: wenn ich zwischen Leon und Elias zu wählen hätte, ich wüßte schon, wen ich wählen ivürde. Nun ist's aber einmal so; der Eine ist reich, der Andere arm; der Eine ist der Sohi» meiner Schwester, der Andere das Kind eines Bettlers. Wie ein überschäumender Fluß nach und nach in sein Bett zurücktritt und statt nach oben nach unten gräbt und aushöhlt, so Kronele. die ihre ganze Ruhe wieder erlangt zu haben schien. Sie hatte sich Rechenschaft von ihrer Lage und der ihrer Eltern gemacht. Meine Mutter, sagte sie zu sich selbst, wird nie zugeben, daß ich Elias heirathe, darum muß ich auf jede Heirath verzichten. Ich muß und soll meiner Mutter gehorchen. Das ist die Pflicht eines jeden Kindes. Aber sie ihrerseits darf und kann mich nicht zwingen einen Andern zu heirathen. Man kann den Esel zwingen, an den Brunnen zu gehen, sagt ein Sprichwort, aber mar» kann ihn nicht zwingen, zu trinken. Ich bleibe ledig. Dieser Entschluß gab Kronele in kurzer Zeit ihre Ruhe nnd ihre Schönheit wieder. (Forts, folgt.) Druck und Lerlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Aauchwitz rn Berlin.

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