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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-01-11 · Heft 2 (11.1.1901) · p. Seite 23

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 2 (11.1.1901)
Date
1901-01-11
Page
Seite 23 (sequence 15)
Language
German
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23 liehen Schlosse des Vaters, — und begehreiiswerth war es ihr stets erschienen, weithin zn gebieten als geehrte, geachtete Herrin. Wie hatte sie aufgehorcht, wenn der theuere Greis von dem polnischen Edelmann erzählte, der auf seinen Gütern herrsche wie ein König, und dessen Sohn einst kommen solle, um sie. Bertha, heimzuführen. Immer und immer wieder hatte ihr der Vater berichten müssen, wie er, einst ein mächtiger Graf, vor dem Zorne Kaiser Konrads nach Polen geflohen sei, wie ihn der wackere Edelmann gastfreundlich ausgenommen, und wie er zum Danke dafür sein reizendes kleines Töchterchen mit dem Knaben Szoltan, dem Sohne des Freundes, verlobt habe. Und dieser Sohn hatte all ihr Denken, all ihr Träumen ansgefüllt. Wie er wohl aussehen mochte, hatte sie stets gedacht, und sie entwarf sich in ihrem Herzen ein Bild von dem Manne, dem sie einst angehören sollte ihr Leben lang. Groß und stattlich müßte er sein, und alle Anderen überragen an Muth und hochherzigem Sinn. Wie schön mußte es sich leben an der Seite eines solchen Gatten! Wie würde sie beneidet werden von allen ihren Freundinnen, wenn sie an seiner Seite dahinschritte. Arm in Arm mit dem herrlichen, mächtigen Manne! Und dann kam er wirklich, der heiß Ersehnte, und er kam ganz anders, als sie gedacht hatte. Es war zu Weihnachten gewesen, und ringsum erglänzte alles in weißem, leuchtendem Gewände. Von den Nadeln der Tannen, die in langer Reihe zum Schlosse führten, funkelten und leuchteten die Eiszapfen. Der Schnee lag ringsum auf den Feldern, und die Leute aus dem Dorfe mußten sich mühsam ihren Weg bahnen. Bertha fuhr an der Seite ihres Vaters in einem leichten Wägelchen. Die Weihe des schönen Festes, das sie begangen, umfing sie und verklärte ihr Antlitz, und ein freudiges Lächeln umspielte ihre rosigen Lippen. Sie waren schon nahe am Schlosse angelangt, das in seiner schmucklosen Einfachheit eher einem Bauernhause glich als dem Sitze eines Edelmannes. Da vernahmen sie plötzlich Reitergetrabe und erblickten eine Reiterschaar, die quer über die schneebedeckten Felder auf das Schloß zujagten. Was war das? Näherten sich Gäste ihrem sonst so stillen, so selten besuchten Wohnsitze? Geblendet von der weiten Schneefläche, bedeckte der Vater seine Augen mit der Hand und forschte spähend nach der Richtung hin, ans der die Reiter herkamen. „Das sind die Polen!" rief er plötzlich. „Bertha, Dein Bräutigam kommt!" Sie hatte sich rasch erhoben, und eine glühende Röthe schoß in ihre Wangen. Sie fühlte, wie ihr das Herz bis zum Zerspringen Pochte. Jetzt sollte sich ihr Schicksal entscheiden! Der nächste Augenblick sollte ihr den Mann bringen, dem sie vom Geschick zur Gefährtin auserkoren! Fast gleichzeitig mit dem Gefährte waren die Reiter vor der Schloßtreppe angelangt. „Gott zum Gruße! Willkommen in meinem Hause!" rief der Vater Berthas, indem er aufstand und die Tochter aus dem Wagen hob. „Szoltan grüßt Euch, wackerer Greis und Euch, schöne Jungfrau!" erwiderte eine tiefe Stimme ans der Reihe der Reiter, und ein Mann sprang vom Pferde herab und trat auf den Vater zu, der seine Hand kräftig schüttelte und ihn mit freundlichen Worten begrüßte. Bertha aber war betroffen zurückgetreten und starrte den Mann an, dem sie fortan als treue Genossin angehören sollte, dem sie folgen sollte in die weite, weite Ferne. Das also war Szoltan. Dieser unansehnliche Mann mit dem lang herabwallende», schwarzen Barte und den kleinen funkelnden Augen: Das war das Ideal ihrer Jugend? Ja, klein und unansehnlich war er, und sie selbst, die doch ihrem Vater kaum an den Hals reichte und wahrlich nicht die größte unter ihren Freundinnen war, überragte ihn und mußte sich beugen, als er sie auf die Stirne küssen wollte. Aber als er dann beim Mahle berichtete von der Macht, die er in Polen besitze, von den ausgedehnten Gütern, die er beherrsche, da gedachte sie der dürftigen Verhältnisse daheim bei den Ihre»,, und sie entschloß sich willig, ihm die Hand zu reichen und verließ Vater und Heiinath. Dann kam die lange und oft beschwerliche Reise mitten unter de» polnischen Edelleuten, den Genossen ihres Mannes, die ebenfalls — wie Szoltan — auf dem Rückwege begriffen waren von der Belehnung am Hofe des Kaisers. Anfangs hatte sie das Fremdartige dieser Männer angezogen, und sie hatte Gefallen gefunden an dem ursprünglichen, ungebundenen Wesen der meisten. Bald aber fühlte sie sich abgestoßen von ihrem wüsten Treiben und zog sich immer mehr aus ihrer Gesellschaft zurück. Dam» gedachte sie des räthselhaften Kampfes an der polnischen Grenze, von dem sie freilich nichts vernommen hatte als Schwertergeklirr und laute, zornige Rufe, und dessen Ursache ihr Szoltan niemals verrathen wollte, und schließlich der Ankunft in Swielicze, wo der Ueberfall Konrads den schönen Empfang zu Nichte machte. Ueber ein Jahr war seit jener Zeit verstrichen, seit jenem Unglückstage ihrer Ankunft. Wie nur dieser unbesonnene Jüngling hierher kam! Noch kurz vor ihrer Abreise hatte sie ihn vor dem Schlosse des Vaters gesehen, wie er unter ihren Fenstern stand und tieftraurig und vorwurfsvoll zn ihr hinausblickte. Und damals, bei ihrer Ankunft in dem neuen fernen Heim war er wieder da und brachte tollkühn um ihretwillen sein Leben in Gefahr. War er ihr ans dem Fuße gefolgt? War er ihr nachgezogen von Thüringen her, wo das heimathliche Schloß sich erhob, bis hierher, nach Swielicze? Wer er unter die Sklaven Szoltans gegangen, mn ihr, die er so liebte, stets nahe zu sein? War er doch von jeher ein heißblütiger, stürmischer Jüngling gewesen und hatte ihr daheim oft genug zugeschworen, er werde sich das Schwert in die Brust stoßen, wenn seine treue heiße Liebe nicht Erhörung finde. Und jetzt hatte er sich in jammervolle Sklaverei gestürzt um ihretwillen, war ein Leibeigener geworden, was doch nicht viel mehr ist als ein elendes Lastthier! Ja, er war »vohl ihres tiessten Mitleids würdig, der unglückliche Jüngling, der das goldglänzende Wamms des Edelmannes mit den» härenen Gewände der Sklaven vertauscht hatte, um seiner geliebten Bertha nahe zu sein. Mitleid empfand sie für ihn, für den Gespielen ihrer Kindertage, sogar tiefes, inniges Mitleid, aber lieben — nein lieben konnte sie ihn nicht, ebenso wenig »vie ihren Gatten. Ob sie überhaupt lieben könne? Wirklich und wahrhaftig lieben mit ihrem ganzen Sein, mit jeder Faser ihres Herzens? O, sie könnte es wohl, aber da müßte der Mann kommen, den sie ersehnte, das Ideal, das sie sich gebildet hatte in den Träumen ihrer Mädchentage, der große, edle, ritterliche Mann, kein unreifer Jüngling und kein — Doch was war das? Von» Dorfe heraus erscholl ein seltsames ungewöhnliches Geräusch und, stärker, immer stärker werdend, schlug es wie das Tose» brandender Meereswogen an Berthas Ohr.

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