Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1901)
- Date
- 1901-01-11
- Page
- Seite 21 (sequence 13)
- Language
- German
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21 ihrer aufmerksam machen, daß es sich bei diesen Berufen : Eisenbahn-Kassirerin. Telephonistin rc. nicht um die Entfaltung der Persönlichkeit handelt. Es sind Stellen, die bei recht schwerer und die Nerven sehr allgreifender mechanischer Arbeit eben doch nur den Träger der Stelle ernähren sollen. Die Jüdinnen sind also nicht nur insofern besser daran, als eine kleinere Zahl von ihnen zu arbeiten genöthigt ist; auch das ist zweifellos, daß ihre Thätigkeit im Durchschnitte eine angenehmere ist und sich mehr in Berufen vollzieht, bei welchen die Möglichkeit für die Entfaltung der Persönlichkeit weit mehr gegeben ist. Wie viele von den Lehreriunen und Erzieherinnen im Staats- oder Gemeindedienste stehen, ist aus der amtlichen Statistik nicht zu ersehen. Wahrscheinlich handelt es sich bei den jüdischen Lehrerinnen in höherem Maße als bei den Lehrerinnen überhaupt um private Thätigkeit. Ob es sich bei den angestellten jüdischen Lehrerinnen nur um Ueberlebende aus der Aera Falk handelt, wie Fräulein Eloesser meint, könnte nur eine eingehende Untersuchung feststellen. Oberlehrer sind meines Wissens nach dem Abgang Falls in größerer Anzahl angestellt worden als vorher, da vorher wenig Juden daran dachten, dem Lehrerbernfe sich zu widmen. Ungünstigsten Falles handelt es sich hier nicht um so viele Stellen, daß sie ökonomisch für die Lage des jüdischen Mittelstandes in Betracht kommen. Wie Fräulein Eloesser zu der Behauptung kommt, ich suchte den Beweis zu führen, „daß uns Juden an Rechten auch nicht ein Gramm zu wenig zu Theil geworden ist, und daß sich demgemäß die Lage der jüdischen Frauen nicht normaler gestalten konnte", ist mir völlig unverständlich. Ich bitte die Sätze anzugeben, in welchen dieser offenbare Unsinn gesagt sein soll. Es war überhaupt nicht meine Aufgabe, zu beweisen, sondern Sache der Gegenseite. Denn wer etwas behauptet, hat zu beweisennicht wer etwas bestreitet; Band 103 der amtlichen Statistik hätte meiner Gegnerin, ebenso zur Verfügung gestanden wie mir. Wenn ich durchaus nicht leugne, daß die Feindseligkeit gegen uns sich gelegentlich auch gegen jüdische Frauen kehrt, so behaupte ich trotzdem und glaube einen zwingenden Beweis geliefert zu haben, daß die Jüdinnen sich durchschnittlich in einer besseren Lage befinden als ihre christlichen Schwestern. Dies wäre ans den Verhältnissen der jüdischen Familie: besseres Familienleben, selteneres Vorkommen von Trunk und Mißhandlungen rc. von vornherein anzunehmen. — Es ergiebt sich aber auch aus biologischen Thatsachen: geringere Kinderzahl, geringere Kindersterblichkeit, größere Lebensdauer. Es geht dies endlich ganz zweifellos aus den von mir angeführten statistischen Daten hervor. Die Frauenfrage ist hier weit weniger eine Frage drS Mangels an Brod, als eine Frage des Mangels an Thätigkeit; die Frauen haben den Trieb, sich nützlich zu machen, wozu das Haus bei der jetzigen wirthschaftlichen Entwicklung nicht genügend Gelegenheit giebt. Würde dieser unbewußte Idealismus auch unserer Religionsgemeinschaft sein Wohlwollen zürnenden, so wäre das sehr erfreulich. Es wäre z. B. aus religiösen und sozialen Gründen höchst wichtig, darauf hinzuarbeiten, daß in einer Anzahl jüdischer Häuser jüdische Erzieherinnen Anstellung finden. Selbstemanzipation muß der Anfang jeder Emanzipation sein, und die jüdischen Frauen dürfen die Gleichberechtigung von Außenstehenden nicht erwarten, welche sie selbst ihren Glaubensschwestern nicht zu Theil werden lassen. O. Barkochba in -er Dichtung. Von Dr. M. Lev in. I. (fT^ie Kämpfe, die das jüdische Volk während seines Staatslebens zu führen hatte, waren national-religiöser Natur. Der Kampf für die staatliche Unabhängigkeit und Freiheit war zugleich ein Kampf für die Erhaltung der Religion. In Betracht kommen hier nur die Kämpfe des zweiten Staatslebens: die Makkabäerkämpfe gegen die Syrer und die Zelotenkämpfe gegen die Römer. Während jedoch den Makkabäern in der Synagoge ein ehrendes Andenken eingeräumt ist, wird den Zeloten keine Erinnerung zn Theil. Die Zeloten hatten eben keine bleibenden Erfolge, und so ward nur ein Gedenktag der Zerstörung Jerusalems eingesetzt. Immerhin hat der Geschichtsschreiber, ohne es gerade zu beabsichtigen, den ersten Zeloten, wie Juda dem Galiläer, Eleasar b. Anania, Johannes von Giskala. Simon bar Giora, Eleasar b. Jair ein rühmliches Denkmal errichtet. Für den letzten Zelotenführer, als welchen wir Barkochba ansehen müssen, hat sich auch kein Josephus gefunden. Die Parteileidenschaften stempelten ihn zum „Lügensvhn", und nur Akiba war es, der ihn als einen „Sternensohn" feierte und bis zum Tode ihm treu blieb. Wie der Dichter oft das zu ergründen und zn ergänzen hat, was sich dein Historiker entzieht, so hat sich endlich die Dichtung dem in der Geschichte schwebenden Charakterbilde Barkochbas zngewandt. Doch die Meisten bringen nicht die geschichtlichen Triebkräfte und Thatsachen zur Geltung; der Charakter wird nur von Wenigen getroffen; von den Meisten wird eine dem jüdischen Volksgeiste völlig fremde Gestalt gezeichnet. Die Zeitlage bildet nur den Hintergrund, vor dem sich rein persönliche Händel, Liebe, Eifersucht, Rache in vst phantastischer Weise abspielen.'! Von den ersten Arbeiten sind zu nennen: Ludwig Storchs Roman: DerJakobsstern(Frankfnrt 188«-1838).denich leider nicht auftreiben konnte; ferner der Anlaus zu einem Epos von Saloinon Ludwig Steinheim (Klein's Kalender, Breslau 184-3—1845); endlich bietet uns Emil v. Borbergers Barkochba (Leipzig 1857) eine Reihe von Bildern. Wenn wir von der Schilderung einer Nömerschlacht und dem Gesänge Betar absehen, kommt hier der Held weder als Volksmann noch als messianischer König zur Entfaltung. So edle Töne sonst in den Gesängen angeschlagen werden, so klingt doch der Schlußgesang in eine von List getragene rachesprühende Dissonanz aus. Severus feiert eben im ödverlaffeneu Salem ein wildes Gelage: Da tritt herein zum Saale ei» hohes Kriegerbild. Vom Scheitel bis zur Sohle in schwarzes Erz gehüllt. Von schwarzen Adlersedern ist seine Stirn umwallt. Wohl kennt ein jeder Römer die düstre Hochgestalt. Barkochba kommt direkt vom verpesteten Schlachtfeld, wo er den Keim der Seuche eingesvgen. Arglistig bittet er den stolzen Sieger um Gnade, indem er ihm die verborgenen Tempelschätze verspricht. Severus giebt ihm den Ariedenskuß, worauf ihn alle Führer und Feldherren umarmen. Plötzlich treten die Augen gräßlich aus ihren Höhlen, und den blauen Lippen Barkochbas entringen sich die Worte: y Von meinem im Jahre 1892 erschienenen Trauerspiel: Barkochba muß ich hier absehen, da ich es ans den« Buchhandel zurückgezogen, um es einer völlig neuen Bearbeitung zu unterwerfen.