Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1901)
- Date
- 1901-01-11
- Page
- Seite 19 (sequence 11)
- Language
- German
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19 drmli steht im Dienst der Gemeinden, die Lehrer von ihm fordern, welche fähig sein müssen, Träger des überlieferten Kultus zu sein. Redner schloß: wenn die Marks-Haindors'sche Stiftung in solcher Weise ihre Aufgabe erfaßt und im Geiste der Jugend sie ausführt, dann wird auch von ihr das Wort des Psalmisten gelten dürfen: Noch blühen sie in ihrem Alter, denn saftvoll und jugend frisch sind sie. Nach dem Seminardirektor ergriff Herr Negierungs- und Schulrath Friedrich das Wort, um der Anstalt an ihrem Ehrentage die Wünsche der Vorgesetzten Behörde auszusprechen. Es berührte außerordentlich wohlthuend, als Redner betonte, Niemand könne so gut wie er beurtheilen. was die Stiftung geleistet. Er sei auf seinen Nevisionsreisen in manche jüdische Schule hineingekornmen, und da habe er denn immer, selbst in den kleinsten jüdischen Gemeinden Westfalens. Lehrer gefunden, die, aus der Marks-Haindorf'scheu Stiftung hervorgegangen, mit hohem Ernste ihre Aufgabe erfaßten und ihrem Berufe lebten und vortreffliche Resultate erzielt hätten. Er erkenne gern an, daß das ein hohes Verdienst der Anstalt sei, und so erwarte er denn auch für die Zukunft, daß die Seminarlehrer in demselben Geiste weiter arbeiten. Sie möchten in dieser Beziehung von den großen biblischen Vorbildern lernen. Als Elia im Sturmwetter gen Himmel fuhr, da rief Elisa aus: „Mein Vater, mein Vater, Israels Wagen und seine Reiter", und der große Geist Elias schien unersetzlich. Als aber später die Prophetenschüler zu Jericho die Wirksamkeit Elisas sahen, da sprachen sie: „Es ruht der Geist Elias auf Elisa!" Der große Lehrer lebt in seinem Schüler fort. So sollen auch die Seminarlehrer ihre Aufgabe erfassen: ihr Geist, der Geist den sie durch ihren Unterricht ihren Zöglingen eingeprägt, muß den letzteren in Fleisch und Blut übergehen, so daß sie ihn später in ihrem beruflichen Wirken bethätigen zum Segen der Gemeinden, die ihnen ihre Jugend zur Erziehung anvertraneu. Freilich müsse anderseits auch von den Kuratoren der Stiftung erwartet werden, daß sie die Zukunft der Anstaltslehrer so sicher stellen, daß dieselbell in ihrer Berufsfreudigkeit nicht durch die Sorge um ihre und der Ihrigen materielle Lage gehemmt und gelähmt werden. Wer in der Schule ein hohes Ziel erreichen wolle, dürfe nicht durch ungünstige äußere Verhältnisse von seiner Arbeit abgezogen werden. Es waren ernste, markige Worte, die der Schulrath an die Versammlung richtete und die ihren Eindruck nicht verfehlten. Zn wünschen bleibt nur, daß diese Worte auch in der weitesten jüdischen Oeffentiichkeit gehört, und beachtet werden. Das Kuratorium kann seine Ausgabe nur erfüllen, wenn die jüdischen Gemeinden ihrer Ehrenpflicht gegenüber der Stiftung gerecht werden. Die letztere muß so thatkrästige Unterstützung finden, daß sie ihre hohe Kulturaufgabe stets in vollem Maße zu erfüllen in der Lage ist. Man sollte endlich einsehen, daß es außer der Wohlthätigkeit, die uur die Armuth durch milde Gabeu lindert, noch ein anderes, um vieles höher stehendes Wohlthun giebt: das ist die Unterstützung solcher Anstalten, die zugleich kultursörderud wirken, und unter diesen nimmt die Marks-Hain dors'sche Stiftung gewiß einen Ehrenplatz ein. Nach dein Schulrath sprachen noch Herr Realschu llehrer Feiner-Hambnrg, welcher als Delegirter des deutsch-israelitischen Lehrerverbandes die Grüße des letzteren überbrachte und der Anstalt die Wünsche der deutsch-israelitischen Lehrerschaft in beredten Worten aussprach, sowie Herr I. S Leinberg-Münster als Vertreter der Synagogengemeinde Münster und des Verbandes der Synagogengemeinden Westfalens. Lebhafte Zustimmung fand in dm Ausführungen dieses Redners besonders der Satz: „Nicht die Stiftung ist den Gemeinden zu Dank verpflichtet, sondern umgekehrt: dieGemeinden sind derStLf 1 ung verpflichtet, lind zwar um dessentwillen, was dieselbe seit ihrem Bestehen gewirkt und geleistet, und diese Dankesschuld ist eine so große, daß sie selbst durch materielle Opfer nicht ganz abgetragen werden kann." Wirkungsvoll abgeschlossen wurde der Festakt in der Aula durch mehrstimmigen Gesang des Seminarchors. Nachmittags 2^2 Uhr fand im Hotel Voormann ein Festessen statt, bei welchem Herr Dr. Man sbach-Müuster den Kaisertoast ausbrachle. Ernste und heitere Reden wechselten in reicher Fülle ab und gabeu dem Mahl eine treffliche Würze. Abends 8 Uhr begann in den Sälen des Lortzingtheaters der Festko mmers, welcher unter außerordentlich starker Betheiligung auch seitens der Mitglieder der Synagogengemeinde Münster mit ihren Damen einen glänzenden Verlauf nahm. Das Präsidium wurde von Herrn Tvchterschuldirektor Dr. Löwenberg-Hamburg in meisterhafter Weise geführt. Besonders gefielen die während des Abends von den Seminaristen zum Vortrag gebrachten Gedichte und Lieder sowie ein kleines Theaterstück, in dem die Verdienste der Marks-Haindors'schen Stiftung in sinniger Weise gerühmt wurden. Zahlreiche Telegramme waren eingelaufen, in welchen die Freunde der Anstalt ihrem Interesse sür dieselbe freundlichen Ausdruck gaben. Das ganze Fest hat einen herrlichen Verlaus genommen und wird Allen, die an ihm theilgenommen, in schöner Erinnerung bleiben. »AM Usch etwas zur jüdischen Frauenfrage. Eloesser bemängelt, daß ich die Erwerbsverhältnisse der jüdischen Frauen mit denen der jüdischen Männer verglichen habe. Dieser Vergleich ist von mir zunächst gezogen worden, weil ihn Fräulein Eloesser als wesentlich bezeichnet hat. Sie glaubte auf eine ungünstigere Lage der jüdischen Frauen daraus schließen zu können, daß in der Bevölkerung überhaupt die Zahl der arbeitenden Männer und Frauen sich ungefähr verhalte wie zwei zu eins, bei den Juden wie vier zu eins. Demgegenüber wies ich nach, daß das Manko im Wesentlichen nicht auf Berufe des Mittelstandes entfalle, sondern auf Dienstboten und Haudelsfraueu. Fräulein Eloesser hält nunmehr diese Berechnungsweise für falsch, als normale Zahl für die jüdischen Frauen habe man in jedem Beschüftigungszweige ein Prozent der überhaupt beschäftigten Frauen anzusehen. Bevor ich auf diese Anregung eingehe, möchte ich einige allgemeine Bemerkungen vorausschicken. Wenn es im Verhältnis; weniger beschäftigte jüdische Frauen giebt als beschäftigte Frauen in der Bevölkerung überhaupt, so bedeutet das nicht eine geringere Möglichkeit, sondern eine geringere Nochwendigkeit des Erwerbs. Ein Rentier ist nicht ein Mensch, dem Gelegenheit zur Arbeit fehlt, sondern ein Mensch, für den die Nöthigung zur Arbeit nicht vorhanden ist. Ein Rentier ohne Rente würde bald Hungers sterben. Die Thatsache, daß die Zahl der erwerbsthätigen jüdischen Frauen, wenn sie auch den Bevölkerungsdurchschnitt nicht erreicht, immerhin eine verhältnißmäßige Zunahme erkennen läßt, wird denn auch allgemein nicht als eine Verbesserung, sondern als eine Verschlechterung ihrer Lebenslage angesehen. So heißt es in der amtlichen statistischen Korrespondenz: „Sehr merkwürdig ist, daß vielleicht der jüdischen Bevölkerung wirthschaftliche Nachtheile erwachsen sind, die durch die gesteigerte Erwerbsthätigkeil der Angehörigen ausgeglichen werden solle»."'.» Die Wahl des Berufs wird wesentlich durch Abstammung beziehungsweise Wohnort bestimmt. Die Juden sind Städtebewohner und betreiben daher überwiegend städtische Berufe; sie sind daher z. B. in der Landwirthschaft nur schwach vertreten. Es wäre, nachdem die jüdischen Männer nur in geringer Zahl in diesem Berufe thätig sind, nicht normal, sondern anormal, wenn in landwirthschaftlichen Berufen die jüdischen Frauen ein volles Prozent der thätigen Frauen ausmachen würden. Der von mir in Nummer 42 auf Forderung h s. Antisemitenspiegel. II. Auflage. S. 217. Bei dieser Gelegenheit sei ans den Spiegel ansmerksain gemacht, der soeben in zweiter, stark vermehrter Auflage bei A. W. Kafemann in Danzig erschienen ist.