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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-01-11 · Heft 2 (11.1.1901) · p. Seite 18

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 2 (11.1.1901)
Date
1901-01-11
Page
Seite 18 (sequence 10)
Language
German
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Judenschast daraus erwachsen. Der Mangel einer speziell jüdischen Besserungsanstalt für minderjährige Personen jüdischen Glaubens mache sich dabei ganz besonders bemerkbar, und es sei erfreulich, aus einer Mitteilung des D. I. G. B. zu ersehen, daß sich ein Ehepaar in Berlin bereit erklärt habe, ein Schloß in Pommern dafür zur Verfügung zu stellen. Herr Stadtrath Eichelbaum legte es zum Schlüsse noch einmal Jedem dringend ans Herz, in seinen Kreisen nach verwahrlosten oder in Gefahr der Verwahrlosung befindlichen Kindern zu forschen und sie der Fürsorge des Staates bezw. der freiwilligen Organisation der Judenschaft Deutschlands zu überantworten. In der sich anschließenden Debatte^. wurden?noch verschiedene Einzelheiten des Gesetzes und speziellen Vorbedingungen zur Unterbringung der Kinder in jene beabsichtigte Anstalt besprochen. Nach Erledigung einiger interner Angelegenheiten erfolgte die Neuwahl d es V erba n dsa u ss chu ss e s. Derselbe besteht für das Jahr 1901 aus den Herren: Stadlrath I. Eichelbaum - Insterburg, Verbandsvorsteher, Stadtrath S. Magnus-Königsberg, Rechtsanwalt Schey- Allenstein, Dr. med. Kamnitzer-Allensteiu, Rechtsanwalt Cohn- Tilsit, S. Davidsohn - Lhck. E. Jacoby-Nastenburg, H. Elösser-Insterburg, B. Holz-Insterburg, D. M. Jacoby-Bartenstein, I. Hertz-Verdauen. N. Lnblinski-Johannisburg und Julius Lazar-Königsberg. — Zum Kassenkurator wurde Herr B. Holz-Insterburg wiedergewählt, — zu Mitgl iedern des Sch iedsgerichts des Verbandes die Herren: Rabbiner Dr. Olitzki-Allenstein, Stadtverordneter Eichelbaum-Jnsterburg und Rechtsanwalt Schey-Allenstein. zum Stellvertreter E. Jacoby- Rastenburg. Damit war die Tagesordnung der 17. Generalversammlung erschöpft. Der Vorsitzende schloß die Versammlung mit herzlichem Dank für die bewiesene rege Antheilnahme an den Verbandsarbeiten. Die Versammlung erwiderte mit einem begeistertem Hoch auf den allverehrten Verbandsvorsitzenden. Um fünf Uhr vereinigten sich die Mitglieder und Gäste des Verbandes noch einmal zu einen! gemeinsamen Mahle. Herr Konsul Litten weihte die so begonnenen heiteren Stunden durch ein Hoch auf Se. Majestät den Kaiser. Herr Rechtsanwalt Scheh sprach auf die gastliche Gemeinde Königsberg, Herr Rechtsanwalt Holz auf den Verband. Herr Rabbiner Dr. Ehrlich toastete auf den Verbandsausschuß, Herr Rabbiner Dr. Beermann auf das Judenthum, Herr- Prediger. Stnrmann auf die Gründer der Pensiouskasse, die Herren Rechtsanwalt Schey und Waisenhaus-Inspektor Peritz. Toast reihte sich an Toast. Dazwischen erfreute Herr Oberkatttor Birnbaum die Festtheilnehmer durch herrliche Gesangsvorträge. So schloß ein fröhlicher Abend den arbeitsreichen, ernsten Tag. Möge er der Judenschaft Ostpreußens in all ihren gemeinsamen Bestrebungen zum Segen gereichen. Nie Jubelfeier der Marks-Haindorf'schen Stiftung. Münster, 28. Dezember 1900. (g^^er gestrige Tag wird in der Geschichte der Marks-Haindors'schen Stiftung.einen Ehrenplatz einnehmen, denn die an ihm abgehaltene Feier des 75 jährigen Bestehens der Anstalt nahm einen in jeder Beziehung glänzenden Verlauf. Frühere Schüler des Seminars waren von Nah und Fern herbeigeeilt, um durch ihre Theilnahme an dem Feste ihr Interesse für die Stiftung zu bekunden und zugleich alte, liebe Freunde nach jahrelanger Trennung wiederznsehen. und wenn auch die Zahl der auswärtigen Gäste relativ keine allzugroße war, so vermochte doch selbst diese an sich bedauerliche Thatsache der frohen Festesstimmung keinen Eintrag zu thun. Eröffnet wurde die Feier um 12 Uhr Mittags durch einen offiziellen Festakt in der Aula, an welchem als Vertreter des Oberpräsidenten und des Provinzialschulkollegiums Herr Negieruugs- und Schulrath Friedrich, als Vertreter der städtischen Behörden Herr Oberbürgermeister Iungeblodt und Herr Stadtrath Greve theilnahmen. Lebhaft bedauert wurde allgemein, daß der Oberpräsident seine ursprüngliche Absichhpersönlich der Feier beizuwohnen, nicht ausführen konnte; erwürbe, wie er unmittelbar vor dem Feste dem Kuratorium mitthellte, durch eine plötzlich nothwendig gewordene Dienstreise am Erscheinen verhindert. Eröffnet wurde das Fest in der Aula durch mehrstimmigen Gesang des Seminarchvrs, worauf der Präses des Kuratoriums, Herr Rentner Josef Stern, die Erschienenen Ln warmen Worten begrüßte. Die eigentliche Festrede hielt Herr Seminardirektor Dr. Spanier. Dieselbe war nach Form und Inhalt so vortrefflich und bot der anregenden Gedanken so viele, daß sie auf die Versammlung einen ungewöhnlich tiefen Eindruck machte und es wohl verdient, auch an dieser Stelle eingehender gewürdigt zu werden. Zunächst gab Redner einen Ueberblick über die Geschichte der Anstalt; er wies auf das hohe Verdienst Professor Haindorfs hin und gedachte des thatkräftigen Beistandes, den die Behörde dem Werke zu allen Zeiten habe angedeihen lassen. Allsgebildet sind von der Stiftung bis jetzt 340 Lehrer, dem Handwerk und anderen nützlichen Berufen Angeführt etwa 360 junge Leute. Diese Zahlen sprechen eine deutliche Sprache, und mit Recht durfte Redner hervorheben, daß, wenn selbst in der kleinsten und abgelegensten Gemeinde Westfalens der jüdische Jargon, dieses Ghetto der Sprache, so gut wie ganz geschwunden sei, hierin zweifellos eine Wirkung der Stiftung erblickt werden müsse. Und wenn die Juden unserer Provinz an opferwilligem Eintreten für das Vaterland, an treuer Hingabe für Kaiser und Reich sich von Niemand beschämen lassen, so dürfe sich die Anstalt auch das ein wenig zum Verdienste anrechneu, denn sie habe diese Gesinnungen, wenn auch nicht begründet, so doch gewiß gesteigert. Des Weiteren besprach Redner sodann eingehend die Ausgaben, welche die Marks- Haindorfffche Stiftung wie jede jüdische Lehrerbildungsanstalt in der Gegenwart zu erfüllen habe: Sie müsse deutsche Lehrer jüdische!! Glaubens heranbilden. Um dieser Aufgabe gerecht werden zu können, bedürfe sie der Jugendfrische. Das Seminar ist alt, aber es darf nicht altern und veralten, es muß jung bleiben, muß im Geiste der Jugend wirken. Ihm muß das eignen, was die Jugend vor allem anszeichnet: Idealismus, Produktivität und Frohsinn. Unter Zugrundelegung diese Sätze entwickelte Redner nunmehr seine Anschauungen über die jüdische Lehrerbildung in der Gegenwart. Es waren köstliche Gedanken, die er hier vortrug. Besonders treffend erschienen uns seine Ausführungen über die Erziehung zur Vaterlandsliebe. Die Liebe zur Heimath versteht sich immer von selbst; sie ergiebt sich eigentlich auch immer von selbst. An uns ist es nur. den Patriotismus zu verinnerlichen. Seine stärkste Stütze erhält er in der tiefen Liebe zu deutscher Art, wie sie sich in Geschichte, Sage und Dichtung offenbart. Es liegt eine unerschöpfliche Segensquelle in dem, was deutsche Gelehrte erforscht, deutsche Dichter und Künstler geschaffen, und soweit es in eines Jeden Kraft steht, muß er aus diesem erquickenden Born trinken. Von solchen Gesichtspunkten aus und in solchem Geiste muß auch die jüdische Lehrerbildung geleitet werden. Dann kann Niemand unter uns unsicher gemacht werden in dem Gefühl seiner Zugehörigkeit zum deutschen Volke. Mögen unsere Feinde immerhin Fremdlinge in uns sehen,' wenn wir uns nur als gute Deutsche bewähren. Denn ist man wirklich Deutscher, so hört man ja nicht auf es zu sein, weil der Haß es wünscht. Wir rufen stolz unseren Feinden das Dichterwort entgegen: Ihr könnt mir das Gefühl nicht rauben. Das freudig-stolz die Brust mir schwellt; Trotz euer: Deutschland über alles. lieber alles in der Welt. Von hohem Interesse waren auch die Ausführungen des Redners über die berufliche Vorbildung des Lehrers überhaupt. Es würde den Rahmen dieses Referates weit überschreiten, wollten wir eingehender darauf zurückkommen. Deshalb sei nur noch Einzelnes hervorgehoben: Das Seminar darf kein zusammenhangloses Vielwissen vermitteln, sondern ein innerlich verdautes, organisch verbundenes, geistig vollständig beherrschtes Wissen. Vor allen Dingen muß der junge Lehrer zu der Ueberzengung kommen, daß er nur die Grundlage besitzt, auf der weiter zu bauen feine Pflicht ist. Ein solcher Lehrer, der die Bedeutung des erworbenen Wissens nicht selbstgefällig überschätzt, sondern eifrig an seiner Fortbildung arbeitet, wird wohl nicht zu den Halbgebildeten gerechnet werden. Ferner verlangt Redner, daß ein religiöser Geist in dem Seminar herrsche. Das gemeinsam verrichtete Gebet und das ganze Anstaltsleben überhaupt soll den religiösen Sinn der Zöglinge heben. Ein gründlicher Unterricht muß in die Geschichte des Jndenthnms und ln das Verständniß der religiösen Urkunden einführen. Tiefe Kenntniß auf diesem Gebiete weckt Liebe. Vor aller! Dir,gen darf das Seminar keiner extremen Richtung dienen,

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