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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-01-11 · Heft 2 (11.1.1901) · p. Seite 15

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 2 (11.1.1901)
Date
1901-01-11
Page
Seite 15 (sequence 7)
Language
German
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15 Am 27. v. M. tagte hier eine van etwa sechzig Lheiluehmer» ans ganz Deutschland besuchte Versammlung israelitischer Delegirter. Sie setzte einen Ausschuß ein mit der Aufgabe: auf Grund der gepflogenen Vorberathungen und im Anschluß an den Centralverein Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens sowie die übrigen bestehenden jüdische» Institutionen einer neu einzubernfenden Versammlung weitere Vorschläge behuss Organisation einer dauernden Vertretung aller Juden Deutschlands zu unterbreiten. So viel für heute. Wir hoffen über die ganze Angelegenheit bald ausführliche Mittheilungen bringen zu können. * Der Theil der antisemitischen Partei, der sich um Liebermann von Sonnenberg schaart, hat nunmehr auch einen Unterschlupf gefunden. Es ist nämlich zu einer Art von Kartell zwischen Deutsch-Sozialen und Christlich-Sozialen gekommen. In dem Organ Liedermanns findet sich in der Neujahrsbetrachtung folgende Bemerkung: „Die christlich-soziale Partei ist in nähere Fühlung mit den Deutsch- Sozialen getreten, und es ist zu hoffe«, daß dies Verhältniß ein noch engeres werden wird, so daß sie nicht mehr als Sondergruppe gerechnet zu werden braucht." Dazu bemerkt das „Volk: Da diese Bemerkung mißverständlich ist und dahin gedeutet werden könnte, als wollten die Christlich-Sozialen ihren Namen aufgeben, so möchten wir sie dahin ergänzen, daß zwar bündige Abmachungen noch nicht bestehe», nach nuferer Ansicht aber nur ein Kartell unter dem Name» „Vereinigte Christlich-Soziale und Deutsch- Soziale" oder „Sozialmonarchische Vereinigung" sin der dann auch Konservative Platz hätten) in Frage kommen kann, und der gangbarste Weg zur Hebung der bedauerliche» Zersplitterung nahe verwandter Elemente sein würde. Die Hauptsache wäre dann, vor der Wahl gemeinsame Kandidaten aufzustellen, ohne Eifersucht, ob sie sich so oder so nennen, lediglich nach der Aussicht aus Erfolg, die sie wider gemeinsame Gegner biete». Stöcker und Liebermann v. Sonnenberg werden also jetzt zusammenmarschiren. In Oesterreich haben die Reichsrathswahlen für die sogenannte fünfte Curie eine Ueberraschung gebracht. Die christlichsoziale Partei hat einige Mandate und — was noch wichtiger ist — mehr als 75 000 Stimmen verloren. Optimisten fangen schon an, das Ende der Herrschaft Luegers zu prophezeien. Immerhin ist es möglich, daß der dumme Karl von Wien endlich zur Besinnung gekommen ist. Darauf deuten auch manche andere Symptome hin. Und das wäre allerdings der Anfang vom Ende. Geradezu kläglich ist der Ausfall der Wahlen für die Juden in Galizien. Da werden wieder die bekannten fünf Hausjuden des Polenklubs in den Reichsrath einziehen, — der sechste ist durchgefallen — die schon im altert Parlament saßen und auch dort so gut wie nichts für ihre unglücklichen Glaubensgenossen, die sie gewählt, gethan haben. Allerdings erfolgte diese Wahl unter den seltsamsten Verhältnissen. Man wird es in Deutschland kaum glauben, aber es ist doch eine feststehende Thatsache, daß in einzelnen Wahlkreisen die Juden für notorische Antisemiten gestimmt haben, in einzelnen Fällen hierzu sogar von ihren Rabbinern und Gemeindevorstehern direkt anfgefordert worden sind. Ein Wiener Blatt verzeichnet einige! derartige Fälle, indem es berichtet: ' „daß in Brody jüdische Wahlmäuner in der fünfte» Kurie für den antisemitischen Fürsten Sapieha, daß in Chrzanow die jüdischen Wahljmänuer in, Aufträge des Rabbiners für den antisemitischen Volksschullehrer Wojtyga. daß schließlich in Lemberg Juden für die klerikalen Kandidaten Pientak und Dulemba gegen die bekannten judenfreundlichen Demokraten Nomanowicz und Rutowski eingetreten sind, und daß alle diese Ungeheuerlichkeiten nur deshalb geschehen sind, weil die unterstützten Kandidaten vom Centralwahlkomitee ernannt waren." Dell Schluß, zu dem das Blatt kommt, daß die galizischen Juden ihrer Vertreter würdig seien, können wir aber nicht beistimmen. Wir meinen vielmehr, daß die Massen in Galizien so in materiellem Elend nnd geistiger Noth schmachten, daß auch solche Erscheinungen ivie die eben erwähnten leicht erklärlich sind, und daß es eine Hauptaufgabe der Gesammtjudenheit bleiben muß, das Rettungswerk in Galizien durchzuführen. Die Noth unter den Juden Rußlands nimmt, wie uns von dort geschrieben wird, in diesem Winter überall erschreckende Dimensionen an. Es leiden die jüdischen Arbeitermassen in den großen Städten an Arbeitslosigkeit, die aus den mannigfaltigsten Gründen gerade in diesem Winter in den verschiedenen Großgenieinden einen bis dahin noch nie gekannten Umfang erreicht hat. So feiern in Odessa die jüdischen Hafenarbeiter, die Getreideverlader und Sortirer sowie die zahlreichen kleinen Getreidemakler infolge des durch die Mißernte der beiden Vorjahre eingetretenen Rückganges des Odessaer Getreideexports. In Lodz nnd in Bialystock sind Tausende von jüdischen Webern schon seit vielen Monaten ohne Beschäftigung; die Noth in Warschau, welche infolge der vor einem Jahre ausgebrochenen Handelskrisis entstanden ist, beschränkt sich nicht mehr auf die unteren Klassen der jüdischen Bevölkerung, sondern hat weit über diese hinaus den Mittelstand ergriffen, und gar mancher Jude, der noch vor kaum zwei Jahren zu den Wohlhabenden zählte nnd Wohlthätigkeit üben konnte, leidet bitteren Mangel und muß in nicht seltenen Fällen selbst die Hand ausstrecken. Um das Maß voll zu machen, herrscht gegenwärtig in Rußland überall strenge Kälte, welche bei den schier unerschwinglichen Kohlenpreisen für die Juden in den großen Städten den Winter zu einer wahren Kalamität ausarten läßt. Schlimmer noch als in Odessa, Lodz, Bialystock und Warschau geht es jetzt den Juden in den Gouvernements Cherson nnd Beffarabien, deren Widerstandskraft durch die eben überstandene Hungersnoth völlig gebrochen ist. Daneben macht sich die Noth in allen übrigen Städten und Städtchen des Ansiedelungsrahons in so hohem Grade fühlbar, daß zahlreiche jüdische Gemeinden sich nicht mehr zu helfen wissen und die Negierung um Hilfe bitten müssen. Diese hat aber in den Ueberresten der Judensteuer („Karobka") für diese Zwecke eine reichlich fließende Quelle zur Hand. Alljährlich bleiben nämlich aus dieser Steuer Hunderttausende von Rubel zurück, die sich in den Kassen der Regierung anhäufen und dort auf die Herren Beamten einen unwiderstehlichen Reiz ausüben, diese durch die Besteller,mg der nothwendigsten Lebensmittel von den Juden zu spezifisch jüdischen Zwecken aufgebrachten Summen zu Zwecken zu verwenden, welche mit dem Judenthume nicht das Geringste gemein haben. 4- Die Gerechtigkeit erheischt es, daß wir auch die Vertheidigung der Zionisten gegen die Meldung von dem erneuten Einwanderungsverbot in Palästina an dieser Stelle mittheilen.

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