Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1901)
- Date
- 1901-01-11
- Page
- Seite 14 (sequence 6)
- Language
- German
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14 bewußtsein, au reiner ungetrübter menschlicher Bildung sollen sie uns kein Haar breit rauben." Und genau denselben Ton haben Me Kämpfer für die Emanzipation aus unserem Lagerangeschlagen. Mit Recht konnte Rießer am Abend seines Lebens, die Worte Tassos mvdifizirend, sagen: „Und wenn der Mensch in seinem Zorn verstummt, gab mir ein Gott zu sagen, wie ich zürne." Die Behauptung, daß die Juden ihre Emanzipation erschlichen und erkrochen hätten, beruht ans vollständiger Unkenntniß der geschichtlichen Thatsachen. Alsbald ist in einem Wiener Blatte eine Zusammenstellung aller wichtigen Aeußerungen der Emanzipationskämpfe nach dieser Richtung hin gemacht worden, aber wir haben nicht gehört, daß Nordau seine Behauptung bewiesen oder widerrufen hätte. Jni Gegentheil, er hat sie in den folgenden Artikeln der Serie von Aufsätzen über die politische Gleichberechtigung der Juden noch durch andere Behauptungen ergänzt und verstärkt, die eine nicht minder entschiedene Zurückweisung erfordern. Das, was viele Einsichtige seit Beginn der antisemitischen Bewegung befürchtet und mit allen Mitteln zu verhindern suchten, das erhebt Nordau geradewegs zu einer sittlichen Forderung. Wenn man die Befürchtung ausgesprochen hat, daß die modernen Juden durch den Antisemitismus in ein Ghetto zurückgedrängt werden sollen, so erklärt Nordau, der Meister der Antithese : Gerade das wollen wir; die Juden sollen ins Ghetto zurück: freiwillig wollen wir in das Judenviertel hineinschlüpfen, nicht gezwungen, „damit wir dort unsere Volks- und Mittelschulen und bei wachsendem Reichthum und Gemeiugeist später auch Fach- und Hochschulen unterhalten, jüdische Kunst- und Eewerbeausstellungeu veranstalten, Museen, Theater, Akademien gründen und jüdischen Größen öffentliche Denkmäler setzen." Wir sollen es also mit einem Worte dahin bringen, wohin derAntisemitismus uns gewaltsam schleppen will: in das Ghetto zurück. Man würde eine solche Aeutzerung aus dem Munde eines modernen, auf der vollen Höhe der Zeitkultur stehenden Mannes nicht begreifen, wenn man nicht immer und immer wieder daran denken müßte, daß sie von einem Manne ausgeht, dessen ganze litterarische Arbeit sich mit Vorliebe in Antithesen bewegt. Weil der Jude, wenn er gleichberechtigt wäre, den Haß der christlichenMehrheit gegen sich erwecken würde, wie Nordau meint, darum soll er lieber auf die Gleichberechtigung von selbst verzichten, und weil die Rumänen selbst auch nicht alle frei seien, darum sollen die Juden in Rumänien vorläufig auch auf die geringste Freiheit, auf dik Freiheit des Lebens, verzichten. Eine seltsame Logik fürwahr! Aber auch dieser Vorschlag ist nicht neu. Am 1V. Dezember 1849 hat der bekannte ultramontane Professor Sepp in der bayerischen Kammer unumwunden erklärt: „er spreche als treuer Freund der Juden gegen die Emanzipation, weil, wenn letztere durchgehen sollte, das schutzlose Volk sich durch Verjagen oder Todschlagen der Juden selber helfen würde." Man sieht, es ist genau dieselbe Logik, von der Nordau ein halbes Jahrhundert später ausgeht. WäHvend Sepp die Rückkehr zum Faustrecht des romantischen Mittelalters verkündet, preist uns Nordau ein selbst gewähltes modernes Mittelalter an. Aber schon früher, noch vor Sepp, hatte Bruno Bauer in denDentschenJahrbüchern die Religion der Juden und ihr Streben nach Gleichberechtigung, von einem ganz verschiedenen Standpunkt aus, aber fast mit denselben Gründen angegriffen. Die Freiheit, so argumentirte er, könne nur in einem ans rein philosophischen Grundsätzen errichteten Staate gedeihen. Christenthum sowohl als Judenthum müßten untergehen, bevor die reisgewordene Menschheit die Freiheit erringen könne. Die Juden aber müßten ebensowohl an den Schmerzen theilnehmen, die das christliche Volk zu beklagen habe, und können darum nicht ein freies Bürgerrecht beanspruchen; nur wer sich seinem philosophischen Staate anschlösse, könnte die Freiheit erringen. Und wiederum von einem ganz anderen Standpunkte ans kam sechs Jahre später Karl Marx, der doch von Geburt selbst Jude war, in den Deutsch-französischen Jahrbüchern zu demselben Resultate: So lange die Deutschen nicht alle Freiheiten besäßen, hätten die Juden nicht das Recht, für sich selbst auch nur die geringste Freiheit zu verlangen. Man sieht, die Idee ist nicht ne», und Sepp wie Bruno Bauer, Karl Marx wie Max Nordau gehen im Grunde genommen von derselben Theorie ans, wenn sie auch sehr verschiedenartige Ziele verfolgen. Am weitesten ist natürlich das Ziel Nvrdaus von dem der Anderen entfernt, denn seine Meinung geht doch wohl dahin, daß wir nur deshalb uns in ein Ghetto verkriechen sollen, um uns unseres Golus bewußt zu werden, um es in Europa recht ungemüthlich zu finden und endlich aus freien Stücken den Zug nach Palästina zu unternehmen, der ja in dem „Judenstaat" bis auf die Einzelheiten der Fahnen und Wappen auseinandergesetzt wird. Wir glauben nicht, daß Nordau auch selbst bei seinen Anhängern mit dieser Logik Glück haben wird; selbst die Zionisten haben schon viel von ihren Forderungen nachgelassen. Die Majorität der europäischen Juden aber wird mit aller Entschiedenheit antworten: Nichts vom Ghetto, nichts von Reaktion und Rückkehr zu den alten Zuständen! Wir halten fest air den Errungenschaften der Kultur und Emanzipation. Und wenn wir auch genau wissen, daß diese in vielen Beziehungen nur theoretische sind, so müssen wir um so eifriger und entschiedener auf unserem Standpunkt verharren und mit aller Kraft dafür eintreten, daß sie auch praktisch zur Wahrheit werden. Nur im freien Spiel der bewegenden Kräfte, nur in der freien Entfaltung aller unserer Fähigkeiten, nur im Wettkampf mit allen anderen Völkern und Weltanschauungen können wir unser Ziel erreichen, können wir unsere Menschenwürde behaupten, können wir die große Aufgabe, die uns geworden, die heilige Mission, die wir zu erfüllen haben, i» vollem, reinem und ungetrübtem Sinne erfüllen. Mit aller Entschiedenheit aber verzichten wir, selbst um den Preis, mit dem man uns locken möchte, heute und auch, wenn die Zeiten noch trüber werden sollten, ein für allemal — auf ein Glück im Winkel! Are Woche. Berlin, 10. Januar. die politischen Blätter ging in diesen Tagen eine gleichlautende Mittheilung über den Judentag, die. Wahres mit Falschem vermengend, eine an sich unerhebliche Aeußerung, noch dazu aus dem Zusammenhang ge-s rissen, in den Vordergrund stellte und dadurch irrige Ansichten über die Frage erwecken mußte. Thatsächlich ist die Idee des Judentags keineswegs aufgegeben, sondern vielmehr erweitert worden, wie aus der folgenden Mittheilung zu entnehmen ist, die uns von betheiligter Seite zugeht: