Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1901)
- Date
- 1901-01-04
- Page
- [Seite] (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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65. Jahrgang. Nr. 1. Berlin, 4. Januar 1901. Der Gemeirr-ebole. Weikage zur „IMgemeinen Aeitung öes Iuöenlhrrms". Korrespondenten und Nachrichten. Deutschland. ^2 Berlin, 29. Dezember. Der hiesige Thierschn tzverein hat vor einiger Zeit ein agitatorisches Sendschreiben direkt an die Mitglieder der jüdischen Gemeinde verschickt — die jüngste Heldenthat des Herrn Behringer! Darauf hat nun das hiesige Rabbinat folgende Kundgebung veröffentlicht, die in diesen Tagen gleichfalls an alle Mitglieder der Gemeinde gehen soll: „Seitens des „Berliner Thierschutzvereins" wird, wie wir erfahreil, an die Mitglieder unserer Gemeinde ein Circularschreiben versandt, in welchem das beleidigende Ansinnen gestellt wird, in „öffentlicher Erklärung" ein Verbot unseres rituellen Schlachtverfahrens, des Schächtens. gutzuheißen und zu fordern. Wenngleich wir überzeugt sind, daß Keiner der Empfänger, ob er die Schächtvorschriften als verbindlich erachtet oder nicht, zu einer derartigen Vergewaltigung der religiösen Ueberzeugung seiner Glaubensgenossen die Hand bieten wird, halten wir uns dennoch, um der Irreführung des öffentlichen Urtheils vorzubeugen und der Verlästerung einer altgeheiligten Religionssatzung entgegenzutreten, zu nachstehenden Erklärungen kraft unseres Amtes für verpflichtet: Der Vorstand des Thierschutzvereius denunzirt unser rituelles Schlachtverfahren als einen „Verstoß gegen das Moralgesetz", als eine „Kränkung des sittlichen Bewußtseins". Dieses Gebühren richtet sich in den Augen der religiös Empfindenden aller Bekenntnisse von selbst. Wie sehr aber diese Behauptung der mehrfach wissenschaftlich und durch parlamentarische Beschlüsse festgestellten Wahrheit widerspricht, mag kurz folgendes beweisen: In dem seit sechs Jahren gedruckt vorliegenden Gutachten haben die hervorragendsten Vertreter der Physiologie und der Veterinärkunde. Leuchten der Wissenschaft und Männer der praktischen Erfahrung, ihr Votum zu Gunsten des Schächtens abgegeben. Um das Gewicht dieser Gutachten abzuschwächeu, behauptet der Vorstand des Thierschutzvereins, daß „eine Anzahl von Physiologen und Schlachthausverwaltern in dem Halsschnitt ohne vorherige Betäubung eine thierqnälerische Handlung nicht erkennen wollen", daß aber „viel zahlreichere Fachleute, ja ganze Fachkorporationen ihnen widersprechen". Dieser Verschleierung des wirklichen Thatbestandes gegenüber mögen Zahlen sprechen! Die „Anzahl" der Gutachter, welche sich zu Gunsten des Schächtens geäußert haben, beträgt zwei hundert drei undfunfzig, und nicht „viel zahlreichere", sondern kaum ein Zehntel so viel haben ihnen widersprochen. Die Ersteren bestreiten nicht nur, daß das Schächten eine thierqnälerische Handlung sei, sie erklären vielmehr mit Entschiedenheit, daß dasselbe eine durchaus humane und zweckmäßige, sehr Viele (darunter z. B. der Direktor des physiologischen Instituts der hiesigen Universität, Herr Geheimrath Professor Dr. Engelmann), daß es die weitaus humanste und zweckmäßigste Tödtnngsart sei, welche allgemeine Einführung verdiene. Unwahr ist ferner die Behauptung. daß nur „Physiologen und Schlachthausverwalter" sich für das Schächten ausgesprochen hätten. Vielmehr sprechen sich für dasselbe u. A. aus: vierzehn Direktoren und vierundzwanzig Professoren von Thierarzneischulen, hundertnndfünfzig praktische, zumeist beamtete Thierärzte, vierzehn Großschlächter und Metzgerinnuugen, also im eminenten Sinne „Fachleute und Fachkorporationen". Hinzugefügt sei. daß auch die oberste Medizinalbehörde in Preußen, die königliche wissenschaftliche Deputation für das Medizinalwesen, wie Herr Abgeordneter Dr. Lieber in der Reichstagssitzung vom 9. Mai 1899 mittheilte, sich *n einem Gutachten vom Jahre 1894 dahin ausgesprochen hat, daß die Schächtmethode vom technischen, hygienischen und Humanitären Standpunkte. also unter jedem Gesichtspunkte, den Vorzug vor allen anderen Schlachtarten verdient. Aus Grund dieses Gutachtens ist bekanntlich diese Methode in den Militärkonservenfabriken obligatorisch eiugeführt worden. Unwahr ist endlich die Behauptung des Vorstandes des Thierschutzvereins, daß beim Schächten ein „Nachschneiden der sich schließenden Blutgefäße unvermeidlich" sei. Die Fachmänner erklären übereinstimmend, daß diese Manipulation unnöthig ist und, wo sie etwa vorgenommeu werden sollte, zu einer Zeit geschieht, wo das Bewußtsein des Thieres bereits geschwunden ist und somit jede Schmerzempfindung aufgehört hat. Die Herren Dr. Laugmanu und Behringer erachten sich auch befugt, unseren Gemeindemitgliedern über die religiöse Verbindlichkeit der Schächtvorschriften Lehren zu ertheilen. Indem wir gegen diese Anmaßung nachdrücklich Verwahrung einlegen, weisen wir darauf hin, daß in einer vor mehreren Jahren durch den Druck bekannt gewordenen Erklärung mit uns ausnahmslos alle Rabbiner Deutschlands ohne Unterschied der religiösen Richtung die unverbrüchliche Verbindlichkeit jener Vorschriften betont haben. Gegenüber dieser einmüthigen Kundgebung hat der Thierschutzverein nur das völlig vereinzelte Gutachten des verstorbenen Rabbiners Leopold Stein anznführen gewußt. Aber selbst dieser würde einem zwangsweisen Verbote des Schächtens, das thatsächlich einer schweren Gewissensbedrückuug vieler Tausende von Glaubensbrüdern gleichkäme, niemals das Wort geredet haben. Wir geben der zuversichtlichen Erwartung Ausdruck, daß kein Mitglied unserer Gemeinde zu der vom Vorstande des Thierschntzvereins geplanten Gewisseusknechtung seine Zustimmung ertheilt hat. Sollte dies aus Unkenntniß des Sachverhalts dennoch geschehen sein, so mahnen wir an die Pflicht und bitten zugleich, die Unterschrift schleunigst z urü ckzu ziehen und jede wie irgend geartete Benutzung derselben auf das Nachdrücklichste zu verbieten." §2 Berlin, 30. Dezember. Gestern Abend fand in Cassels Hotel die neunte Generalversammlung des Vereins für jüdische Geschichte und Litteratnr statt. Der Bericht des Vorstandes konstatirte das erfreuliche Vorwärtsstreben auch irn abgelausenen Jahre. Namentlich die Fortbildungskurse haben an Theilnehmern gewonnen; ebenso steige der Besuch der Vorträge und Vortragscyklen von einem Male zum andern. Der Verein hat gegenwärtig 672 zahlende Mitglieder; an manchen Vortragsabenden seien aber gegen 800 bis 1000 Znhörer anwesend. In der Debatte über den Bericht wurde von Herrn Dr. Kastan ein Antrag betreffend die Feier des Chanukafestes eingebracht, der nach kurzer Debatte, an der sich die Herren Dr. Schäser, Klausner und Heinrich Meyer Cohn betheiligten, angenommen wurde. Dem Kassenbericht, erstattet voll der Revisionskommission (Jnstizrath Basch, Willibald Löwenthal) war zu entnehmen, daß der Verein im abgelausenen Jahre 7877,41 Mark an Einnahmen und 7480,49 Mark an Ausgaben aufzuweisen hat. Bei der hierauf folgenden Vorstandswahl wurde auf Antrag des Herrn Oscar Berlin der bisherige Vorstand mit Akklamation wiedergewählt. Derselbe besteht aus den Herren: Dr. G.Karpeles. Dr. H. Hildesheimer, Dr. M. Levin, Professor Philippson, A. Katz, M. Heymaun. Venus Levy, Oberlehrer Dr. Schäfer, W. Bambus, Heinrich Fränkel. Da keine Anträge Vorlagen, wurde hierauf die Generalversammlung geschlossen. — Aus den auswärtigen Litteraturvereinen wird uns berichtet: In Memel und Tilsit sprach Dr. Moritz Stern-Berlin über das erste Jahrtausend der deutschen Judenheit, in Wongrowitz Dr. Joseph Feilchen selb-Posen über Religionsgespräche im Mittelalter, Rabbinatsverweser Nischkowsky über jüdische Sekten mit besonderer Berücksichtigung des Chassidismus, in Plöschen Dr. Karl Pinn über die Romantik des jüdischen Martyriums; in Breslau sprach Prof. Philippson über die Judentaufen und in Glog au über fürstliche Plünderer und jüdische Opfer, in Eiseil ach Dr. GeorgHnth über Juden in Sibirien, Landrabbiner Dr. Salzer über die Namen der Juden, in Hamburg Kantor Z i w i - Elberfeld über den Ursprung und die Entwickelung der jüdischen Musik, in Gelsenkirchen - Wattenscheid Dr. med. Ruff- Karlsbad überLeid und Freud im jüdischen Hause, Dr. Samuel-Essen über die leitenden Gedanken in dem ethischen Mischnatraktate: Sprüche der Väter; Lehrer Lilienfeld-Steele: Der Kaufmann von Venedig, geschichtlich und kritisch beleuchtet, Dr. Leimdörfer - Hamburg über Akiba. der tragische Heros der Rabbinen. Außerdem sind für die jungen Leute besondere