Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1901)
- Date
- 1901-01-04
- Page
- Seite 12 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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12 waS dieses Eitat bezwecken solle. Auffüllig ist die ausführliche Wiedergabe der biblischen Texte (der Verfasser nennt allerdings z. B. die zweieinhalb Seiten lange Geschichtserzählung von Saul eine kurze Beschreibung), die einen erheblichen Theil der Abhandlung einnimmt. Es ist dies allerdings eine Bequemlichkeit für diejenigen Leser, die den Text vergessen haben oder die bei der Schwierigkeit, sich ein altes Testament zu verschaffen, der Mühe des Nachlesens der angegebenen Stellen überhoben werden sollen. Unerfindlich ist bei einer Reihe solcher Citate sowie sonstiger Bemerkungen, was dieselben mit der Medizin zu thun haben. So z. B. S. 98: „An letzter (Nr. I.. 21, 14-16) Stelle wird der betreffende Jebusiter nicht Arawna sondern Ornan genannt" rc. Andererseits sind manche Verhältnisse geradezu entstellt, z. B. die conträre Sexnalempfindung. Die Verbote 13 II. B. 21 seien als Bednrfniß empfunden worden, denn sonst „wären sie gewiß nicht gegeben worden". Ja, das Vergehen gegen III. B. 20. 13 war jedenfalls „an einzelnen Orten geradezu epidemisch". Beweis: Das Vorkommniß in Sodom I. 19, 4. Sieht man nun im Einzelnen zu. was uns der gelehrte Verfasser Neues zur Aufhellung vieler strittiger Fragen bringt, so wird man gründlich enttäuscht. Schon ausfällig wirkt die ungemeine Verklausulirung selbst bei von Niemandem wegzuleugnenden Thatsachen; beiläufig auch gewisse Spöttereien über die Priester, „die gewiß gern einhe misten, was einzuheimsen war" (S. 25). Einige neue Hypothesen des Verfassers sollen dem Leser nicht vorenthalten werden zur selbstständigen Kritik: „Weshalb das Manna am fünften Tag für zwei Tage fiel, dafür", sagt der Verfasser, „vermag ich schlechterdings keinen Grund anzugeben." Aber (S. 36), es braucht all der Geschichte vom Mannaregen nicht alles in eitel Dunst und Nebel zu zerfließen. Die Produkte der Mannaflechte werden oft durch den Wind in großer Menge fortgeführt und fallen dann als Regen nieder. Das Weitere ist dichterische Phantasie. Bezüglich des Aussatzes resumirt der Verfasser seine Ansicht dahin, daß es sich bei ihm um verschiedene Ausschlagsormen gehandelt hat. Die Art des Befallen- und Geheiltwerdens bei Moses wirkt indeß „geradezu verblüffend". Interessant war es dem Referenten, daß seines Wissens noch nie darauf aufmerksam gemacht worden ist, wie unmöglich die Annahme der Ansteckuugsfähigkeit des biblischen Aussatzes ist angesichts der Thatsache, daß bei der Konstatirung durch den Priester die Aufforderung an die Familie vorausging, vorher alles aus der Wohnung zu entfernen. Hiobs Krankheit ist ziemlich dichterisch ausgemalt. Die Natur der Pest (bei Sanherib u. A.) feststellen zu wollen auf Grund des vorliegenden Materials sei ein eitles Unterfangen. Der Erzählung voll dem Sterben durch die Wachteln haste etwas Legendarisches an. Aber bei der vierten Plage ist „leicht einzusehen, daß irgend eine der stechenden Jnsektenarten auf einmal über alle Lebewesen gekommen ist und sie auch plötzlich wieder verlassen haben, da die Bedingungen für das Leben und die Vermehrung dieser Thiere aufhörten." Aber warum waren diese Bedingungen auf einmal vorhanden und auf einmal wieder nicht? Das hat der Verfasser bedauerlicherweise nicht in den Kreis seiner Erwägungen hineinzogen. Auch für das Aufhören des Sterbens durch die feurigen Schlangen hat der Verfasser eine ganz neue Erklärung (S. 108): „Die Giftigkeit des Schlangengiftes hängt noch von der Zeit ab. während welcher das Reptil nicht gebissen hat. Es ist also sehr wohl denkbar, daß die späteren Bisse, ohne daß die eherne Schlange dabei mitspielte, nicht tödtlich verliefen, weil die den Schlangen zur Verfügung stehende Gistmenge erheblich vermindert war." Bei der Krankheit Sauls meint der Verfasser: „Daß die Musik sie nicht günstig beeinflußt hat, geht ans der biblischen Darstellung zur Genüge hervor." Zum Schluffe das Resultat der Forschungen des Verfassers über die sechste Plage: „Daß dem Ofeuruß eine Bedeutung als Ursache nicht beigelegt werden kann, dürfte — soweit sich die Sache beurtheilen läßt — nicht zweifelhaft sein . . . Eine Erklärung dafür, warum lediglich die Aegypter . . . befallen werden, kann man vom ärztlichen Standpunkt nicht geben. . . . ausgesprochen ist (das Verschontbleiben der Israeliten) im biblischen Text nicht. Vielleicht habe es sich um sogenannte Nilbeulen gehandelt, wenigstens bei Menschen." Sanitätsrath Dr. Kornfeld. Kprerhsaal. Geehrter Herr Redakteur! §M^it großem Widerstreben trete ich in eine Polemik über technische Fragen ein. denn meine journalistische Erfahrung ist alt genug, um mich zu belehren, daß die Exegese von Moses Sofers Entscheidungen dem Lesepubliknm einer Zeitung sehr gleichgiltig ist. Und das mit Recht! Es ist ja in diesem Falle ganz belanglos, ob R. Moses gesagt hat. wie ich ihn interpretire: Zur Erlangung einer Räbbinatsstelle gehört Geduld und.Diplomatie, oder ob er, wie Herr Rabbiner Dr. Fink in der Nummer vom 23. November v. I. interpretirt, gesagt hat: Zur Abgabe einer gutachtlichen Entscheidung in Angelegenheit der Besetzung eines erledigten Rabbinats gehört Geduld und Diplomatie. Was ich sagte, erleidet dadurch keine Aenderung. Ich sagte: Obwohl die Stellung des Rabbiners in Amerika nicht so fest ist wie die seines Kollegen in Europa, und obwohl die Stellung des heutigen Rabbiners in Europa nicht das ist, was die seiner Vorgänger in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts und vorher war, so muß man sich doch von der Unabhängigkeit und dem Idealismus der Letzteren keine übertriebene Vorstellung machen. Trotzdem ich an meiner Anschauung festhalte, will ich aus Rücksicht auf das Lesepublikum von jeder Beweisführung absehen, da für mein Argument es darauf gar nicht ankommt. Nur darauf möchte ich aufmerksam machen, daß Herr Dr. Fink in meine Worte etwas hinein interpretirte, was ich nicht gesagt habe. Ich soll behauptet haben, „daß auch Moses Soser.. . . gewissen unlauteren Manipulationen bei Bewerbungen um Rabbinerstellen das Wort redet." Das habe ich niemals gesagt. Die Stelle, auf die sich Herr Dr. Fink bezieht (Nr. 44. S. 523), lautet: „Klassisch ist die höfliche Ablehnung Moses, der sagt: Znr Erlangung einer solchen Stelle gehört Zeit, Geduld und Diplomatie." Das hebräische Wort will ich nicht wiederholen, denn Ihr Setzer scheint es darauf abgesehen zu haben, meine Reputation zu ruiniren. Ist nun Diplomatie dasselbe wie unlautere Manipulationen? Ich kann ja nichts dafür, daß ich nicht schon 61 Jahre todt bin. Warum also meinen Worten einen Übeln Sinn unterlegen, während jedes Wort des „tobten Löwen" in apologetischem Sinne gedeutet wird? Allerdings hat R. Moses es sich verdient, denn auch er hat Jonathan Eibeschntzs komischen Schnitzer: Das Gesetz der Spannader gilt „für Ochsen und Kühe" statt „für Männer und Frauen" durch apologetische Künste umzudeuten gesucht (Joreh Deah, Nr. 69). Ob er der Heilige gewesen ist, zu welchen ihn die Legende der Preßburger Jeschiba gemacht hat, kann ich nicht wissen. Es ist mir jedoch sehr unwahrscheinlich, daß er, rvie Herr Dr. Fink sagt, seinen Nachkommen jede Bewerbung um ein Rabbinat untersagte und sie ganz und gar auf ihr persönliches Verdienst gestellt wissen wollte. Es ist jedenfalls sehr bezeichnend, daß er in dem, einen Tag vor seinen: Tode ausgestellten, Testament (2. Oktober 1839) die Mitglieder seines Rabbinatskollegiums benachrichtigt, er habe seinem ältesten Sohne Abraham Samuel Benjamin die Nabbinatsautorisation ertheilt, und „derselbe sei fähig, der größten und vornehmsten Gemeinde der Judenheit vorzustehen". Zugleich legt er es ihnen nahe, das Zeugniß mit zu unterschreiben, „damit seine Entscheidungen überall Giltigkeit haben sollen, wohin ihn der Herr berufen sollte". (Salomon Schreiber: Chut hameschulasch Pacs, 1887, p. 34, u). Das ist doch ein Wink mit den: Laternenpfahl. Hy de Park. Cincinnati 0., 9. November 1900. G. Deutsch. * Hochgeehrter Herr Redakteur! ^err Joseph Loewensohn Hierselbst starb nicht am 31. v. M., wie es irrthümlich im „Gemeindeboten" S. 2 heißt, sondern am 3. v. M., was ich zu berichtigen bitte. Inowrazlaw. 11. November 1900. Mit vorzüglicher Hochachtung Dr. H. Tietz. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.