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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-01-04 · Heft 1 (4.1.1901) · p. Seite 11

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 1 (4.1.1901)
Date
1901-01-04
Page
Seite 11 (sequence 15)
Language
German
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II denen ich kein Wort verstehe, während Kronele den Hals vorstreckt, als wolle sie ihm das letzte Wort von den Lippen küssen, als verstünde sie dies alles besser als ich!" Kronele, die sich während dieser Antwort von ihrem Bette erhoben hatte, in dem sie fast angekleidet die halbe Nacht zubrachte, warf einen stolzen Blick auf ihre Schwester und wollte sich, ohne ihr zu antworten, entfernen. „Ich verbiete Dir, fortzugehen," sagte die Mutter. „Gut, ich bleibe." „Sieh' mich an, Kronele. Wirst Du mir die Schmach anthun, ein Bettelkind zu lieben?" „Mutter, Mutter!" schluchzte Kronele. Sie wollte antworten, nicht um sich, nur um Elias zu vertheidigen. Dann aber bedachte sie, daß eine Dorffrau, die nie ein Buch gelesen, immer taub für zarte Gefühle bleiben wird, und da sie anderseits Gott zu beleidigen fürchtete, wenn sie ihrer Mutter Vorwürfe machte, so zog sie es vor, zu dulden und zu schweigen. Ihr Stillschweigen aber erhöhte den Zorn der Mutter. Es wäre ihr lieber gewesen, ihre Tochter hätte alles abgeleugnet. „Wirst Du mir antworten?" kreischte sie. „Jst's möglich, daß ein frommes Judenkind über eine Goimsgeschichte sich die Augen roth weint! Ich glaubte, mir eine fromme Tochter erzogen zu haben, aber dieser Goi, dieser Gottesleugner hat mir das Herz meines Kindes verdorben! Wer weiß, er hat sie vielleicht gelehrt, ihre Eltern zu mißachten, weil sie nicht so geschickt sind als er. Aber der Sache wird ein Ende gemacht. Dieser Mädchenverführer muß mir zum Haus hinaus und heute noch!" „Mutter," antwortete endlich Kronele, „mir kannst Du sagen, was Du willst. Aber wenn Du Elias verleumdest, begehst Du eine Sünde. Nie hat mich Elias etwas Unrechtes gelehrt." „Ach," schne aufs neue die Mutter, „bist Du endlich da! Du wagst es noch, ihn zu vertheidigen und gegen wen? Gegen mich, gegen Deine Mutter? Wäre er doch an seiner Krankheit auf dem Dorfe gestorben, wo er ebenfalls ein ehrliches Judenkind bezaubert hat! Warum mußte er hierher und zu mir ins Haus kommen!" Und indem sie in immer größerer Erregung etwas suchte, um ihre Hände zu beschäftigen — denn zornige Menschen müssen im Zank wie Seiltänzer immer etwas in der Hand haben — rief sie: „Mit natürlichen Dingen geht es nicht zu, daß er Eindruck auf ein junges schönes Mädchen macht! Er hat Dich behext, Kronele, er hat Dir einen Liebestrank eingegeben! Es giebt Männer, die Weiber behexen, sie brauchen sie nur anzurühren. Ich weiß es sicher! Vielleicht hat er verzauberte Münzstücke oder Federn in seinem Buche gekästen." Und indem sie die zerstreuten Blätter des Buchs aufhob, näherte sie sich Kronele und schlug sie damit einige Mal aufs Haupt, indem sie rief: „Hinaus mit dem Hexenmeister, dem Goi! Vernichtet und zermalmet möge er sein, so wie ich hiermit im Namen Gottes sein Werk vernichte und zermalme!" Das arme Kronele zuckte nicht, antwortete nicht. Vor ihrer Ruhe verstummte endlich auch die Mutter, die nicht mehr wußte, was sie thun, was sie, sagen sollte, als Herr- Elias, der ihr Geschrei gehört, an der Thür erschien. Ein Blick belehrte ihn über den ganzen Vorfall. „Frau Reich," sagte er, „ich komme, um Abschied zu nehmen. Ich verreise, und zwar heute noch. Schon seit zwei Normten hat man mir eine gute Stelle in Afrika angetragen. Nicht allein ist mir das afrikanische Klima empfohlen, sondern man bietet mir auch 1000 Francs jährlich mehr an als hier. Ich hatte es erst abgeschlagen, nach reiflicher Ueberlegung aber habe ich mich entschlossen, die Stelle anzunehmen, und ich gehe, um meine Mutter von diesem Entschluß zu unterrichten. Ich komme nicht wieder, werthe Frau! Ein Kommissionär wird meine Sachen abholen. Ich bin Niemanden im Dorfe etwas schuldig, es sei denn Ihnen, Frau Reich, für Ihre fast mütterliche Gastfreundschaft, die ich nie vergessen werde. Leben Sie wohl! Meine Mutter wird Ihnen in meinem Namen für alleS Gute danken!" (Forts, folgt.) Frtterarifche Mittheilungen. ------ Im Laufe des Monats Januar werden die Schriften des 16. Jahrganges im hebräischen Litteraturverein Mekize-Nirdam i m zur Versendung gelangen, und zwar: 1. Pentateuchkommentar HD von Menachem b. Salomo im Jahre 1130 verfaßt, erster Theil, zum D "lit kritischen Anmerkungen und ausführlicher Einleitung heransgegebeisvon Salomon Buber. 2. Diwan Jehuda ha Levis, Anmerkungen. 5. Lieferung. 3- N1NN8- Fortsetzung. 2. Lieferung. 4. Die Abodah ^12 mit den dazu gehörigen Pijutim vor- und nachher nebst Kommentar des Abudraham. Diejenigen Mitglieder, welche den Jahresbeitrag mit 10 Mark noch nicht entrichtet.haben, wollen dies gefälligst schleunigst nachholen. Diejenigen, welche dem Verein neu beitreten wollen, erhalten die erste Lieferung des gratis und die früher erschienenen Lieferungen des Diwan zum ermäßigten Preise. Berlin, Auguststraße 51. Dr. A. Berliner. 4 — Dr. W. Ebstein. Geh. Med.-R. und o. Professor: Die Medizin im alten Testament. 177 S., nebst Anhang lCitate und eine Reihe litter. Angaben). Ferdinand Enke, Stuttgart 1900. Die „auf Urkunden sich stützende Uebersicht über die medizinischen Verhältnisse zur Zeit des alten Testaments und seiner Apokryphen" — dem Verfasser sind sie gleichwertig — trägt das übrigens nicht Goethe'sche. sondern Pope'sche Motto: Das eigentliche Studium der Menschheit ist der Mensch. Es soll dies jedenfalls eine Entschuldigung dasür sein, daß der Herr Verfasser sich mit solchen Sachen beschäftigt, bezw. seine Leser dafür interessiren will. Die Bibel, sagt der Verfasser, kann besonders auch da, wo sie sich mit mediziuischen Verhältnissen befaßt, meist nicht anders als symbolisch genommen werden! Der Verfasser versichert, daß er des Hebräischen nicht mächtig ist — die Medicin der Araber, Griechen u. s. w. ist sonst von Gelehrten aus dem Studium der Ursprache bearbeitet worden — und von der Benutzung des Talmuds u. a. abgesehen hat. Für welches Publikum die Abhandlung bestimmt ist, hat er leider nicht angegeben. Da er z. B. zu dem Ausdrucke „polymorph" in Klammern: vielgestaltig hinzuzufügen nöthig findet, ist es klar, daß es nicht für Mediziner, oder wenigstens auch für Andere geschrieben hat. Daß sie nicht für Diejenigen bestimmt ist. denen die von Moses überlieferte Tradition und das Gesetz heilig ist, ist klar?) Wenn aber der Verfasser eine Ansicht Burels abdruckt, daß „Pharao sich bei der Sarah eine venerische Krankheit zugezogen habe, so daß bald der ganze Hof angesteckt war", und ferner, „daß die Unfruchtbarkeit der Sarah auf Syphilis zu beziehen war", obschon er meint, soweit er die Sache übersähe, fände er nichts vor im alten Testament, was uns berechtigte. all Syphilis zu denken, so muß man sich in der That fragen. *) S. 176: Derartige Gesetze sind natürlich nicht für die Ewigkeit bestimmt.

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