Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1901)
- Date
- 1901-01-04
- Page
- Seite 10 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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10 Kronele. Eine Erzählung von Alexander Weill. VII. e tiefer und je ruhiger der Fluß, desto heftiger wird er, wenn sein Lauf gewaltsam gehemmt wird. Sv war es mit Kronele. Sie wußte nicht, daß sie Elias liebte und hatte sich noch keine Rechenschaft abgelegt, weder von der Sehnsucht ihrer Seele nach-einem Blicke von ihm, noch von dem instinktartigen Vergnügen, Stunden lang in seinem Zimmer zu bleiben und in seine Bücher sich zu vertiefen. Sie fühlte sich glücklich, ohne es zu wissen, und dies Glück war ebenso rein als unschuldig. In ihrer Unwissenheit glaubte sie, es würde immer so bleiben; seit aber die Mutter gedroht, Elias aus dem Hanse zu weisen, erlitt ihre Seele eine Erschütterung, die sie in ihren letzten Tiefen bewegte. So ist der Mensch. Er fühlt sein Herz nur, wenn es ihm nicht mehr angehört, und sein Glück in den, Augenblicke des Entschwindens! Kronele fand keine Ruhe mehr. Der Schlaf selbst floh sie. Wenn die Mutter schon zürnte, weil sie argwöhnte, Elias liebe Heva, was würde sie erst sagen, wenn sie die Wahrheit wüßte, daß ich ihn liebe, dachte sic oft. Sie wollte daher ihr Herz gewaltsam ersticken mit all den Gefühlen, von denen es überströmte. Diese Gefühle waren aber so heftig, daß sie aus den Körper zurückwirkten und dem armen Mädchen eine Röthe über die andere in das Gesicht jagten. In Gegenwart ihrer Mutter konnte sie sich Gewalt anthun und schien ruhig, wenn auch blässer als gewöhnlich, allein in Gegenwart ihres Gewissens konnte sie sich nicht verhehlen, daß sie liebe, daß sie umsonst alle ihre Seelenkräfte gegen diese Liebe aufbiete, nnd dieser Gedanke, diese Entdeckung ihrer Willensohnmacht gegen ihr eigenes Herz machte sie errötheil, so oft sie sich in einem Spiegel betrachtete. Wie oft wünschte sie, frei von sich selbst zu sein! Wie oft versuchte sie seit dem letzten Auftritt zwischen ihrer Mutter und dem Schulmeister durch langes Herumirren in dem Walde, auf den Wiesen und den Dörfern sich selbst und das Bild, das sie verfolgte, zu vergessen! Ja, sie mied sogar ihre Herzensfreundin Frau Sommer, weil diese in ihrer Seele las, was sie so gern auslöschen wollte. Jeden Morgen fand sie andere Ausrede, um das elterliche Haus zu verlassen; bald galt es, eine arme Verwandte in der Ferne zu trösten, bald mußte sie in die Stadt, uni die von Elias verlangten Bücher und Lieder zu kaufen, ja sie wußte sogar von ihrer Mutter die Erlaubniß zu erhalten, nach Straßbnrg zu gehen, wo sie bei einer Tante über Nacht blieb und mit ihr verschiedene Einkäufe für die Aussteuer Heffes machte. Alles vergebens! Kaum ivar sie aus dem Hanse, so trieb sie es mit derselben Gewalt wieder zurück, und kaum wieder im Hause, wollte sie wieder von hinnen. Nicht einmal schlafen konnte sie mehr. Oft weckte sie mitten in der Nacht ihre glückliche Schwester und sprach ihr von dem schönen Wetter und von deren baldiger Heirath. Heva aber, die ihrem zukünftigen Glück ruhig entgegensah, bat ihre Schwester, sie schlafen zu lassen, damit sie ja — ihre Nosenfarbe nicht verliere! Seit zwei Tagen schlief der junge Reich wegen einerleichten Krankheit in der Bräutigamsstube. Abends begab sich Elias zu ihm und las ihm aus einem Buche vor, um ihm die Zeit angenehm zu vertreiben. Kronele, die zufällig in die Stube trat, um ihrem Bruder eine Arznei zu bringen, hatte bemerkt, daß Elias, sobald er sie sah, sein Buch schloß und das Lesen unterbrach. Sie hatte zugleich an dem Einband des Buchs erkannt, daß es nicht der Bibliothek des Schulmeisters angehöre. Gegen zwei Uhr in der Nacht, als das gute Kind vergebens sich alle Mühe gegeben, einzuschlafen, erhob sie sich, warf ein Nachtkleid über sich und schlich in das Zimmer ihres Bruders, wo Elias' Bibliothek war. Welche Unbesonnenheit! Aber Kronele war ein — Mädchen. Von Neugierde brennend nach dem Buche, das er in ihrer Gegenwart bei Seite legte, fühlte sie noch überdies das Bedürfniß, zu lesen, in der Hoffnung, sich selbst zu vergessen. Sie fand das Buch auf dem Tische, nahm es und lief wie ein Gespenst davon. Als sie die Treppe Hinabstieg, zitterte sie an Leib und Seele. Jetzt erst fühlte sie, wie sie gefehlt hatte. Zum ersten Male iil ihrem Leben. Aber alle Gefahr war vorüber. Sie lag aufs neue neben ihrer Schwester und las in dem Buche. Es war die Geschichte von Paul und Virginie. Wen Gott liebt, den straft er gleich nach einer Übeln That. Kronele hatte gegen drei Uhr in der Nacht ihr Buch zu lesen begonnen — gegen sechs Uhr — es tagte schon, trat ihre Mutter, die seit einiger Zeit wegen der Gesundheit ihrer Tochter besorgt war, in die Schlafstube und überraschte Kronele lesend und schluchzend im Bette. „Gütiger Gott!" rief die Mutter, „was geht vor? Warum brennt das Licht bei Hellem Tag und warum weinst Du, Kronele?" Daß sie poetische Thränen über einen Roman vergoß, hätte Frau Reich nie geglaubt, nicht einmal begriffen. Einmal im Jahre nur, am neunten Tag des Monats Ab, dem Zerstörungstag Jerusalems, setzte sich Frau Reich auf die Erde, las im Josephus im jüdischen Deutsch die Greuelszenen dieser Zerstörung und weinte bittere Thränen. Sie gerieth daher in großen Zorn, als Heva ihr sagte : „Mutter, ich glaube, Kronele ist närrisch. Da liest sie schon seit drei Stunden ohne Unterlaß, und seit drei Stunden höre ich nichts als Weinen und Schluchzen. So dauert es schon seit drei Wochen." Der Mutter, die trotz mancher Worte über Kronele bis jetzt an nichts glauben wollte, wurde es hell vor den Augen. Sie entriß das Buch den Händen ihrer Tochter, zerriß es, lies aus dem Zimmer und holte ihr kleines, noch schlaftrunkenes Töchtercheu. „Nicht wahr, mein Schatz," sagte sie zu dem Kinde, „Du hast mir gestern gesagt, Kronele betrachte den häßlichen Elias?" „Ja, Mutter," sagte die Kleine, indem sie die Augen verdrehte, „so macht sie ihm Augen." Heva und die Mutter lachten laut auf, obschon Frau Reich gar keine Lust zum Lachen hatte. „Und er, mein Engel, was macht er?" Und das neunjährige Mädchen stieß einen Seufzer aus und sagte: „So schnauft er." „Heva," sagte die Mutter, „was denkst Du davon?" „Ich, Mutter?" versetzte diese, „ich denke blos an Leon und habe nichts zwischen Elias und Kronele bemerkt. Ich weiß nur, daß uns Herr Seibel oft Vorlesungen hält, von