Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1901)
- Date
- 1901-01-04
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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„Nun sag, Wladiwoy, waS hast Du erlebt in der langen Zeit, seit wir uns nicht gesehen? Was ist vorgegangen in Deutschland? Hat der Herzog sein Land wieder zu Lehen genommen?" „Freilich, freilich! Aber denke Dir, Szymon, der Kaiser ist todt!« „Der Kaiser? Kaiser Heinrich? Unmöglich!" „Ja, ja! So jung er auch war! Kaiser Heinrich ist gestorben. Und so plötzlich! Alle glauben an Vergiftung. Sieh' nur, Szymon. Wir hatten uns alle in Goslar eingefnnden, der Herzog und wir Polnischen Edelleute. Und außerdem waren noch sehr viele Fürsten und Edelleute da aus anderen Ländern, ja einige aus Ländern, von denen ich mein Leben lang nie etwas gehört habe. Und da belehnte der Kaiser unseren Herzog wiederum mit Polen, und wir mußten Alle, Einer nach dem Anderen, schwören, daß wir ihm ewige und unverbrüchliche Treue halten würden. Dann nahm der Kaiser den Arm unseres Herzogs, ging in die Kirche, und wir Alle folgten ihm. Am nächsten Tage sollte der heilige Vater aus Rom kommen, und der Kaiser hatte einen glänzenden Empfang vorbereitet. Als aber der Papst ankam, begann es plötzlich stark zu regnen, und das Fest mußte unterbleiben. So ritt dann nur der Kaiser mit seinem Gefolge — auch ich war darunter — dem heiligen Vater entgegen, und wir begrüßten ihn vor dem Thore der Stadt." „Wie? Du hast den heiligen Vater gesehen, Wladiwoy?" „Ich habe ihn gesehen, und ich Hab ihm auch den Pantoffel geküßt! Und das thaten wir Alle, nur der Kaiser umarmte ihn und küßte ihn auf die Wange. Doch Tags darauf ergriff den Kaiser ein heftiges Fieber. Er ließ sich auf seine Burg im Harz bringen, und bald danach war er todt." „Das war ein gar gewaltiger Herr, Wladiwoy! So einer kommt nicht so bald wieder!" „Und schön und stattlich war er von Ansehen. Er sah wirklich aus wie ein Kaiser." „Doch wer herrscht jetzt in Deutschland?" „Der König ist ein Kind, ein sechsjähriges Bübchen. Er heißt auch Heinrich. Die Regierung aber führt die Wittwe, die französische Agnes." „Hurrah, Freund! Wenn das so ist, dann ist's aus mit der deutschen Oberherrschaft! Polen ist wieder frei! Polen ist frei!" „Das sagte auch der Herzog auf der Heimreise, Szymon. Und er fügte hinzu, jetzt, wo er vor Deutschland Ruhe habe, jetzt werde er erst anfangen, gewisse Leute zu zügeln, die ihm stets Widerstand leisten, und die nichts im Reiche gescheheil lassen." „Ha, ha, der alte Herzog Kasimir. Damit meint er ja uns, die Szlachta!" „Wen anders als die Szlachta! Aber er wird Wohl seinen Meister finden an uns, der alte, närrische Herzog!" „Was glaubt denn dieser Herzog? Sollen wir vielleicht allen seinen Befehlen gehorchen? An den Hof ziehen, wenn er befiehlt, in den Krieg ziehen, wenn er befiehlt? Was wäre es denn dann mit unserer gepriesenen Freiheit? Was wäre es mit der Freiheit, auf die wir so stolz sind, wenn wir solches geschehen ließen? Nein! Ehe der Herzog das erreicht, ist längst der Stamm Boleslav Grobrys verdorben!" „Sollte es der Herzog wirklich wagen, Szymon, sollte er eS wirklich versuchen, uns in unserer Freiheit zu beschränken, so empören wir unS Alle, stürzen ihn und erheben einen von nnS auf den Thron. Ich glaube, wir haben genug Männer iil der Szlachta, die der Herzogskrone würdig sind. Da ist der Wojwod Graf Jaromir, da der Canzellarius Graf Szitichnew und noch viele andere könnte ich aufzählen." „Oder gar — denke Dir — wenn einer von uns Herzog würde! Hei. das wäre ein lustiges Leben! Da könnten wir Krieg führen und rauben »ind plündern nach Herzenslust! Wladiwoy, das wäre köstlich!" „Da ist zum Beispiel Szoltan von Sevilicze, wahrhaftig ein kluger Kopf, ich sage Dir, klug genug, um Herzog zu sein. Er kann sogar, glaube ich, lesen und schreiben, und nicht blos das, auch deutsch versteht er, und als wir mit dem Herzog in Deutschland waren, hat er mir oft übersetzt, was der Kaiser und die anderen deutschen Herren gesprochen haben." „Was fällt Dir ein, Wladiwoy? Liegt denn etwas daran, ob man lesen und schreiben oder deutsch sprechen kann? Nein mit dem Schwert muß man gut dreinhauen können, und einen offenen Kops muß man haben: dann taugt nian zum Herzog! Doch ich will nichts Schlechtes reden von Szoltan. Er ist wirklich ein kluger Mann. Denn während nur diese vermaledeiten Sklaven immer aufs Strengste bewachen müssen, behandelt er sie so, daß sie niemals einen Aufstand wagen." „Da hast Du doch Unrecht, Szymon! Denn gerade jetzt haben sie einen Aufstand gewagt. Wie nämlich Szoltan mit seiner Gattin, die er aus Deutschland mitgebracht —" „Er hat sie also initgebracht? Wie sieht sie aus, Wladiwoy?" „Eine schöne Frau, fürwahr eine schöne Frau! Aber wie alle diese deutschen Frauen: schlank und blond. Nichts Schwarzes, wie ich's an unseren Polinnen liebe. Doch höre, als Szoltan sich diese Frau heimbrachte, erwarteten ihn vor dem Schloß die Bauern und Knechte von Swielicze, und auch die Sklaven waren dort aufgestellt worden. Und siehe da, als Szoltan kommt und seine deutsche Frau den Bauern zeigt, stürzt plötzlich so ein höllischer Sklave hervor und gerade auf sie los. Und sogleich beginnt ein allgemeiner Tumult, und es gelingt einigen von den Leibeigenen zu entwischen." „Hat man sie nicht wieder eingefangen?" „Nein, sie gingen verloren. Aber der größte Theil wurde doch überwältigt, und auch dieser eine freche Hund, der auf Bertha — so heißt nämlich die Gattin Szoltans — losgestürzt ist, wurde gefangen und in Ketten gelegt. Als ich auf meinem Weg nach Swielicze kam. erzählte mir Szoltan das alles. Ich fragte ihn, ob er diesen Menschen tödten lassen wolle. Er sagte aber: „Nein, tödten will ich ihn nicht. Denn was ist das für eine Strafe für einen solchen Menschen? Ein Streich und aller Schmerz ist vorüber. Nein! Martern will ich ihn, und arbeiten soll er nicht wie einer, sondern wie drei Sklaven!" „Es lohnt sich wahrhaftig gar nicht, Sklaven zu halten, Wladiwoy. Man hat ja nur Mühe und Verdruß mit ihnen, und läßt man ihnen nur wenig Freiheit, so zünden sie uns das Haus über dem Kopfe an. Hätte ich nur mehr Bauern in meinem Dorfe, ich würde alle diese Sklaven iiicineu Hunden zum Fräße vorwerfen! Dvch siehe da, Wladwoy, hier trennen sich unsere Wege." „Leb wohl. Szymon. Auf Wiedersehen am Hofe des Herzogs!" „Auf Wiedersehen!" Und sie trieben ihre Rosse an und jagten nach verschiedenen Richtungen auseinander. (Forts, folgt.)