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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-01-04 · Heft 1 (4.1.1901) · p. Seite 7

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 1 (4.1.1901)
Date
1901-01-04
Page
Seite 7 (sequence 11)
Language
German
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7 Hofmeisterposten bei der jüdischen Familie Trebisch angetragen, welche aus einer Wittwe und drei Söhnen bestand, von denen zwei der Obhut des Erziehers anvertraut werden sollten. Mir nahm die Stelle an, fühlte sich in ihr behaglich, wurde mit der Familie und seinen Zöglingen von Tag zu Tag vertrauter und verblieb in seiner Stellung beinahe fünf Jahre, nämlich bis zu seiner Abreise von Wien im Juli 1831. Doch hatte er noch geraume Zeit vor derselben mit dem Studium der Medizin gebrochen und seit 1829 die Vorlesungen an der theologischen Fakultät besucht, an der er auch großen Fleiß und Eifer auf die Erlernung der hebräischen Sprache wendete, wozu die Traditionen der Familie Trebisch den Anstoß gaben. Beachtenswerther erscheint die Begründung der Berufswahl. „Mein Grundsatz des Lebens ist," schrieb er an einen Freund," dem die neu eingeschlagene Bahn mißfiel, „sei selber gut und wirke nach Kräften, daß auch Andere — so viel nur möglich — gut werden. Daher habe ich das innigste Streben und Bedürfniß nach einem Stande, wo ich diesem Grundsätze am meisten entsprechen kann. Dieser Stand ist für mich vorzüglich der Priesterstand, wo mir die mannigfaltigsten Wirkungskreise offen stehen gegen jedes Alter und gegen jeden Stand, als Praktiker und Schriftsteller ... Was den Gehorsam betrifft, so werde ich gern leiden, wenn man mich in Unvernünftigem beschränkt; beschränkt man mich aber in Vernünftigem, so werde ich nicht ermangeln, meine Freiheit mannhaft zu behaupten und lieber ganz hinwegzugehen, als ungerecht gefesselt zu leben!" Was sollen wir nun dazu sagen, daß der freimüthige, freisinnige, jede Ueberzeugung achtende Flir, kaum, daß er in der Heimath, dem Lande der Glaubenseinheit angelangt ist, seinem Hochgefühle darüber Ausdruck giebt, daß er wieder unter Katholiken lebt? Und welcher Art sind die Früchte der Erziehung des Mannes, der sich damit rühmt, daß er sich Niemandem aufdrängt? Es dürfte doch Wohl schwerlich ohne sein Zuthun geschehen sein, daß die Brüder Leopold und Ferdinand Trebisch zu m Katholizismus übergingen. Jener empfing die Taufe in der St. Margareth- Kapelle zu Piaus und nahm aus Liebe zu seinem ehemaligen Lehrer den Vornamen Alois an. Er machte sich späer durch seine Schrift: „Die christliche Weltanschauung" (Wien 1852) als Gesinnungsgenosse des Wiener Philosophen Anton Günther bekannt. Der jüngere Bruder kam nach Vollendung seiner Studien von Wien nach Innsbruck, verkehrte aufs engste mit Flir und ließ sich unter seiner Beihilfe am Weihnachtstage 1842 dort taufen. Pichler bemerkte aus diesem Anlasse: „In Innsbruck sind alle närrischen Weiber in Trebisch verliebt, weil er sich neugewaschen so gut ausnimmt. Möge ihn der heilige Geist überschatten, daß sie ihn nicht zu einem Heiligen hinaufschwärmen und er anstatt den Flammen Gehennas, allen Teufel» des Ultramoutanismus und Fanatismus verfalle, wie sie bereits einige seiner Freunde und Verwandten geholt." Der lose Schalk hätte den frommen Frauen zu Innsbruck gern ein paar Schelmliedchen aufgepelzt; der Spaß hatte aber ein Ende, da er erfuhr, daß sich bei dem Konvertiten die Keime einer gefährlichen Krankheit zeigen. In der That starb er schon am 9. März 1843 in den Armen seines geistlichen Vertrauten. Der bemittelte und dankbare Schüler bedachte seinen Lehrer mit dem namhaften Vermächtnisse jährlicher 600 fl. RW. und dieser gewann dadurch, wie er sich äußerte, eine unabhängige Lage. Als Abgeordneter der Oberinnthaler in der deutschen Nationalversammlung zu Frankfurt a. M. war Flir ein energischer Vorkämpfer für die Erhaltung der Glaubenseinheit Tirols, welche durch die aufgestellten Grundrechte von der Freizügigkeit, Gewissens-, Kultus- und Religionsfreiheit, die allen Deutschen auf deutschem Boden gewahrt sein sollten, ernstlich gefährdet war. In einer Sitzung des katholischen Klubs, an der vier Bischöfe Deutschlands theilnahmen, schildert er mit kräftigen Worten, „wie das Land Tirol Berücksichtigung seines heiligsten Interesses vom übrigen Deutschland erwarten muß und wie es die Glaubens- und Kultusfreiheit mit rücksichtsloser Gewalt sich nicht werde aufdrängen lassen." Doch am Schluffe erklärte der Vorsitzende v. Radowitz unter tiefem Bedauern, daß die Katholiken des übrigen Deutschland in der Panlskirche die Sache Tirols nicht zu der ihrigen machen können, ohne ihre eigene Sache zu schädigen. Bekanntlich erreichten die Tiroler nur so viel, daß man in der Nationalversammlung die protokollarische Erklärung einbrachte, nach welcher das Gesetz von der Kultus- und Religionsfreiheit in Tirol unter schonender Berücksichtigung der eigenartigen Verhältnisse des Landes durchgeführt werde. Ein echter Liberaler, ein Liberaler vom Scheitel bis zur Zehe, war hingegen Pichler, bei dem sich jederzeit das Wort mit der That deckte, die That nie hinter dem Worte zurückblieb. Seine Antwort auf Flir's Schreiben enthält sein Glaubensbekenntniß. Sie lautet: „Sie halten mir Ihre gewonnenen Ueberzeugungen entgegen, ich beneide Sie darum nicht — keineswegs aus Geringschätzung, sondern weil sich Eines nicht für Alle schickt und jede Pflanze das Recht eigenen Wuchses und eigener Frucht hat. Was ist, ist gut, wenn es lebt; nur der Todte gehört zu den Todten. Ihre Ueberzeugung ist katholisch; ich habe Roms Dogmen den Rücken gewendet; Sie sind selig im Glauben, in der Hoffnung auf das Jenseits; ich will stark und entschlossen im Diesseits stehen: Sie sind ein Christ, ich bin ein Heide. Ich habe nichts abgestreift was echt, sondern mir dieses zu erhalten gewußt als den Grund, auf dem ich weiter bauen muß, will ich nicht wurzellos in der Luft hängen. Bleiben Sie wie Faust mit Ihrer philosphisch-theologischen Helena in ruhiger Behaglichkeit; meine Natur schnellt mit Enphoriens Sohlen in die Höhe. „Nach einem Modelle des Ganzen" drängte auch mein Innerstes, jetzt um so mehr, wo ich allmälig soweit erstarke: außer meiner Subjektivität auch dem Objekte sein volles Recht zu wahren. Sie sind „ans Katholizismus tolerant." Ich bin es aus Humanität und der allmälig gewonnenen Erkenntnis;, daß jedes Individuum als solches das Recht hat, seine Weltauschaung zu haben. Das Sehen ist ein allgemeiner Begriff, allein jedes Wesen sieht nach seinem Auge. Von Toleranz aus Religion mag ich nichts wissen, am wenigsten von jener aus Katholizismus. Wär's nur nicht jetzt der Ultramontanismus, dieser hochmüthige Antisthenes im Bettlerkleide der Demuth, der mit einem Stoßseufzer die Augen verdreht und pharisäisch ausruft: Liebes Jesulein, erleuchte die Verblendeten, und wenn du sie nicht erleuchtest, gieb mir Macht, sie zu Ehren der Unbefleckten zu braten." Und wie es hier mit der so eindringlich betonten Toleranz bestellt ist, erhellt aus seinen zahlreichen Werken, um nur ein Beispiel anzuführen, aus dem herrlichen, für die Gleichberechtigung aller Menschen erglühenden Gedichte: „Die Vertreibung

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