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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-01-04 · Heft 1 (4.1.1901) · p. Seite 6

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 1 (4.1.1901)
Date
1901-01-04
Page
Seite 6 (sequence 10)
Language
German
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6 nur in der skrupellosen Anwendung der schon zum Erbrechen oft widerlegten antisemitischen Theorien haben sie ihre Meister übertroffen. Es gehört wirklich kein Muth dazu, einer durch nationale Redensarten erhitzten Menge den Judenhaß als nationale Abwehr zu predigen. Wenn der „Postep"-Redakteur gegen die Mameluken gedonnert hätte, in dem Augenblick wäre ihm der Beifall der Menge ebenso reichlich zu Theil geworden. Muth gehört nur dazu, unter solcher Flagge dem Antisemitismus, dem widerwärtigen Geschäftsantisemitismus, das Wort zu reden. Das ist spezifisch polnische Kampfesweise, das ist antisemitische Ehrlichkeit, die sich selbst am Besten richtet. Die eigenartige Kampfesweise überhebt uns indessen nicht der Nothwendigkeit, das Treiben ihrer Helden näher zu charakterisiren. ES ist eine Folge jener Agitation, die sich unter der Etikette „volksfreundlich" bei den kleinen Leuten beliebt zu machen wußte. Sie wollten die Vormachtstellung des polnischen Adels brechen, diese seltsamen Volksparteiler, sie waren gegen die Bevormundung des Volkes durch die Geistlichkeit, mit anderen Worten, sie untergruben langsam den Glauben an die Autorität zweier in der ganzen Polnischen Geschichte als Führer anerkannten Gesellschaftsklassen. Dann aber, als das Niveau der polnischen Propaganda abgrundtief gesunken war, dann machten sie ihren Frieden mit den von ihnen erst befehdeten Elementen. Daun hetzten sie auf die Juden. Demagogisch hörten wir dieses Treiben in seinen Anfängen von besseren Polen nennen. Vielleicht, daß die Bezeichnung nicht ganz richtig war; jedenfalls ist das eine richtig, daß der polnische Antisemitismus sich aus Leuten rekrutirt, die zuerst gegen ihre eigenen Autoritäten zu Felde zogen. Für die Naturgeschichte des Polnischen Antisemitismus ist seine Entstehung recht interessant. Nur hiermit kann man sich seine, auf gut deutsch gemeinen Angriffe auf die Juden erklären. Für die Naturgeschichte des Polenthums ist es aber nicht weniger interessant, daß auf jener Seite das weitere Vordringen der Hetzer noch begünstigt wird. Nun hat ja die Geschichte deS deutschen Ostens zur Genüge gelehrt, daß auf die nationale Stellung des Judenthums polnische Sympathien oder Antipathien ohne Einfluß geblieben sind. Für die nothwendige Kräftigung des Deutschthums im Osten ergeben sich aber aus der Mauserung der Polen einige Fingerzeige. L.?b. Talmitoleranz und echte Toleranz. Von Dr. Bernhard Münz. Vorarbeiten zu meiner im Vorjahre erschienenen Biographie des verstorbenen Tiroler Sängers Adolf Pichler vermittelten mir die Bekanntschaft einiger seiner Landsleute, welche einen Platz im Gemälde deutschen Geisteslebens beanspruchen dürfen und wahrscheinlich einen klangvolleren Namen hinterlassen hätten, wenn sie au den Brennpunkten der Litteratur aufgetaucht wären. Zu ihnen gehört sein ehemaliger Lehrer?. Alois Flir,') welcher 1859 in Rom als Iläitore ckella s. kiota konmim starb. Sein Name war nicht in weiteren Kreisen geläufig, er hat nicht durch hervorragende litterarische Leistungen geglänzt, aber er war in Tirol -> Soeben ist über ihn eine ausführliche Monographie aus der Feder des?. Franz Anton Languaster in dem Verlage der Wagner'schen Universitätsbuchhandlnng in Innsbruck erschienen. gekannt und geachtet, denn er hat in der vormärzliche» Zeit als Professor der klassischen Philologie und Aesthetik an der Universität zu Innsbruck vielfach anregend und befruchtend gewirkt, durch Umgang und zündenden Vortrag das geistige Leben seines engeren Vaterlandes wesentlich gefördert. Er war ein Mann, der seine Hörer mit der Liebe zum Idealen durchglühte, so daß der Mittelmäßige einen Augenblick in den Himmel Platons ragte, der die Schranken der Zunft niederriß und die Jugend vor dem Altar des Guten, Schönen und Rechten selbstlos ohne Seitenblick auf den Futterkorb opfern lehrte. Die lange Reihe seiner sich aus allen Ständen und Berufsarten rekrutirenden Zuhörer, die er an sein warmes Herz gezogen, erinnerte sich den» auch dankbar der herrlichen Stunden, die sie bei ihm verbracht; sie erkannte es dankbar an, daß mit Mir an der Universität in Tirol eine neue, nie dagewesene Aera begonnen hatte. Am 23. Juni 1844 schrieb er Pichler, der damals in Wien dem Studium der Medizin oblag, einen Brief, welcher zum Theil reproduzirt zu werden verdient, weil er ein Dokument schöner Menschlichkeit ist. Er lautet: „. . . . Ihre Weltansicht ist von der meinen zwar vielseitig nicht nur verschieden, sondern mit ihr im Gegensätze. Doch das verschlägt nichts. Ein Jeder strecke sich nach seiner Elastizität, ein Jeder trage die Nase wie sie ihm gewachsen, ein Jeder suche das Wahre und Gute »ach seinem Vermögen. Sie sind in Ihren Jahren weit toleranter, als ich in diesem Alter war. Wer nicht mit mir stand, stand gegen mich, und mit wildein Hochmuthe hielt ich Jeden für dumm und bornirt, der nicht pantheistisch dachte. Sie scheinen diesen Paroxysmus der Tölpeljahre längst überwunden zu haben. . . . Die geistige Entwickelung durchläuft ihre Stadien wie die physische: eine energische Natur stockt nicht zu lang auf einen untergeordneteil Punkte; ihr eigenes Leben treibt sie weiter; es bedarf der Handlanger nicht; ich taste null hinein in ein strebend Wesen, und jedem Pedanten, der so etwas versucht, ruft man mit Recht zu: „Rühre nicht Bock, denn da brenichs!" . . . Meine größte Wonne ist meine Ueberzeugung, und diese Ueberzeugnng in strengen Gedanken immer mehr zu entfalten und zugleich auszuleben und mich damit zu identifiziren, das ist mein seligstes Streben. Was ich bisher gelegenheitlich geschrieben, ist eben nur Gelegenheits- Schmarren. Ueberhaupt hat nur das Einzelne, aus seiner Ganzheit, der es angehört, und wo es allein seine Stelle und Verständlichkeit hat, herausgerissen, einen sehr geringen Werth. Nach einem Modelle des Ganzen drängt mein Innerstes; die Arbeit wirkt im Stillen — ungesehen und nnbelauscht. Unseren Studenten ein Lehrer zu sein, ist nicht meine Absicht; nur Wachrufer Manchen zu werden, genügt.Der Katholizismus sowie die Religion überhaupt kann für das Subjekt keine Wahrheit und kein Leben sein noch werden ohne innerste Freiheit. Intoleranz ist der Mord der Religion. Ich bin aus Katholizismus tolerant, aber wohl auch zugleich aus tausend andereil Motiven. Ehre sei Gott nicht bloß in den Höhen, sondern überall, und Friede den Menschen, die eines guten Willens sind, wenn auch von irrender Ansicht." Der Schreiber dieser von Toleranz, Milde und Liebe durchwehten Zeilen war nach Absolvirung des Gymnasiums im Jahre 1826 nach Wien gegangen, um Medizin zu studiren, um sich in die „Reiche der Natur zu vertiefen". Auf Empfehlung des Humanitätsprofefsors Raphael Khüeny ward ihm ein

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