Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1901)
- Date
- 1901-01-04
- Page
- Seite 5 (sequence 9)
- Language
- German
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L sind. Diese Kandidaten bekleiden zum Theil schon rabbinische Aemler in den Gemeinden, welche sich neuerdings bei Anstellungen mit dem Versprechen zufrieden geben, daß das Rabbinatsdiplom nachträglich erbracht werden soll. Sodann ist der Fall bereits einmal vorgekommen, daß wir einen ehrenwerthen Kollegen aus Oberschlesien, der sich um Aufnahme in den Verband bei uns meldete, aus dem Grunde abgewiesen haben, weil er im Widerspruche mit dem Beschlüsse der Generalversammlung des R.-V. i. D. vom Jahre 1898 sich von einem einzelnen Kollegen zum Rabbiner hatte autorisiren lassen. Man kann darüber streiten, ob diese unsere Abweisung berechtigt war. Denn der Beschluß der Generalversammlung verbot nur die Autorisation, und der Kollege, der sich um unseren Beschluß nicht kümmerte, müßte vom Verbände ausgeschlossen, nicht aber jenem oberschlesischen Kollegen, der nun einmal schlecht und recht zum Rabbiner antorisirt ist, die Aufnahme verweigert werden. Jedenfalls aber erwächst uns hieraus die dringende Pflicht, so rasch wie nur möglich auf Abhilfe bedacht zu sein. Und nun erachte ich es zum Schlüsse als meine Pflicht, Ihnen zu berichten, daß ich in meiner Eigenschaft als Vorsitzender des Rabbiner- Verbandes aufgefordert wurde, die Einladung zur Besprechung über die beabsichtigte Einberufung eines Deutschen Judentages, welche übermorgen, den 27. cr., Hierselbst stattfinden wird, zu unterschreiben. Ich habe meine Unterschrift nicht verweigert, und ich habe dafür gesorgt, daß auch Kollege Horovitz zur Besprechung eiugeladen werde, aber ich erachte es für nothwendig, die Wohlmeinung des Ausschusses zu erkunden, um bei der Versammlung als Ihre Mandatare austreten zu dürfen. Es ist ja in den letzten Wochen vieles für und wider den geplanten „Judentag" vorgebracht worden. Wenn es sich blos darum handeln würde, daß wir alljährlich Zusammenkommen sollen, um — wie man sagt — „zu schreien", und unsere Klagen und Wünsche, von denen die politischen Blätter sonst keine Notiz nehmen, durch diese neue, gleichsam politische Institution in die Zeitungen und damit zur Kenntniß der Oesfentlichkeit und der Regierung zu bringen, so würden wir auch zu den Gegnern des „Judentages" gehören. Denn zugegeben, daß uns das „Schreien" nicht schadet, so ist es doch sehr fraglich, ob es nützen wird: so hoch wir auch das geistige und das wirtschaftliche Gewicht der deutschen Judeuheit anschlagen, es fehlt ihr die Brutalität der Zahl, die allein Eindruck macht. Aber es handelt sich hier ausgesprochenermaßen auch um die Organisation des Judentums, die zunächst in Preußen noch fehlt. Es sollen die bestehenden Institutionen-' der Gemeindebnnd, der Rabbinerverband, die Litteraturvereine, der Lehrerverein, der Bnei-Brith-Orden in Deutschland, der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens re. zusammengefaßt und in eine Organisation gebracht werden, welche aus freier Initiative das schafft und leistet, was die Regierung in Preußen für das Judenthum bisher zu leisten sich geweigert hat. Das ist in großen Umrissen der Plan, der den Einbernfern der Versammlung vorgeschwebt hat. und es ist, wie gesagt, für die Vertreter unseres Verbandes in der Versammlung von der höchsten Wichtigkeit, Ihre Wvhlmeinung in dieser Angelegenheit zu erfahren. Und nun schließen wir unseren Bericht über das abgelanfene Geschäftsjahr mit dem Wunsche, daß der Ewige, der Gott unserer Väter, unsere Berathung segnen möge, auf daß sie zu ihrem Theile zum Heile unserer Gesammtheit beitrage! NVDÜ21 12^2 N2212 1^' NWO1 "ION 'N'l 12'"N Hierauf erstattete Dr. Maybaum Bericht über die Ergebnisse seiner Thätigkeit für die Pensions- und Neliktenkasse. Man verständigte sich dahin, daß die Kasse für die preußischen unddieRabbiner inden deutschen Einzelstaaten bestimmt sein solle, in denen eine Regelung der Pensionsunb Reliktenverhältnisse für die Rabbineri nicht besteht. Ferner einigte man sich dahin, einen Aufruf zu verfassen und den Rabbinern in der von diesen gewünschten Zahl zugängig zu machen, der der Pensionskasse Gönner zuführen soll. Der Bericht über die mit dem Gemeindebund wegen der Stellung des Rabbiners in den Gemeinden gepflogenen Unterhandlungen stellte fest, daß im Gemeindebund der Wille vorhanden sei. den Wünschen der Rabbiner Befriedigung zu verschaffen. Allgemein war die Hoffnung, daß die Schaffung der Pensions- und Reliktenkasse manche vorhandene Mißstände beseitigen werde. Die aus dem vorigen Rabbin^rtag beschlossene Einsetzung einer Prüfungskommission soll nach einem Antrag des Dr. Cohn-Kattowitz m der Weise zur Erledigung kommen, daß je ein konservatives und liberales Mitglied des Verbands beauftragt werden soll, dem nächsten Verbandstag die Liste für eine konservative und eine liberale Prüfungskommission vorzuschlagen, und daß die Verbandsrabbiner bei der endgiltigen Einsetzung sich der Abstimmung enthalten können, auch keine Verantwortung für die Thätigkeit der Kommission aus dem anderen Lager übernehmen. Als Ort des nächsten Verbandstags wurde einstweilen Frankfurt a.M. in Aussicht genommen. Der Vorstand soll hierüber wie über den Termin definitiv Bestimmung treffen. In der vierten Nachmittagsstunde war die Tagesordnung erschöpft. Polnischer Antisemitismus. -'ls kürzlich in einer stark besuchten Versammlung der Polen ein Redner — es war der Redakteur des antisemitischen „Postep" — mit Stentorstimme in den Saal schrie: „Nicht die Deutschen sind die größten Feinde der Polen, sondern die Juden," da fand dieser wackere Herr nicht nur keinen Widerspruch, sondern er erntete sogar Beifall bei seinen Zuhörern, unter welchen das kleinbürgerliche, kritiklose Element überwog. Das geschah in Posen, als die Polen über ihre angebliche „Unterdrückung" Klage führen zu müssen glaubten und auf der Tagesordnung stand: „Vortrag über den Erlaß des Ministers Studt, betreffend das Verbot der Ertheilung des Religionsunterrichts in polnischer Sprache, resp. unsere Stellung dem ministeriellen Verbot gegenüber." Der kenntnißreiche Pole sprach dann weiter: „Namentlich hier in Posen sei dies — die Feindschaft der Juden gegen die Polen — in hervorragendem Maße der Fall. Nicht der Deutsche habe die Absicht, den Polen materiell zu Grunde zu richten sondern der jüdische Kaufmann und Großindustrielle sei es, der vermöge seines großen Kapitals die materiell schwachen Polen erdrücken wolle. Selbst der Handelsrichter sei ein Jude" u. s. w. u. s. w. So sprach mit dem Brustton der Ueberzeugung ein Mann, dessen thatsächliche Bedeutung weit überschätzt würde, wollte man sich mit ihm in Diskussionen einlassen. So sprach dieser Mann aber zu einer Volksmenge in einer mit religiösem Gruße eröffneten Versammlung, die dazu bestimmt war, für ein vermeintlich gutes Recht der Polen einzutreten. Er sagte es wohlweislich in dem Augenblick, als der nationale Chauvinismus der kleinen Leute entfacht war, als die Kampfstimmung der Polen, die ja so leicht zu erzeugen ist, ihren Höhepunkt erreicht hatte. — Es war noch keine Stunde nach seiner Rede vergangen, da beschloß die Versammlung mit Zustimmung, wenn nicht auf Anregung des braven Kämpen, eine Bittschrift an den Erzbischof zu richten — an denselben Erzbischof, der dem Blatte des Redners vor noch nicht gar zu langer Zeit seine Mißbilligung wegen der Haltung der Geistlichkeit gegenüber ausgesprochen hatte, an denselben Erzbischof, der schon oft auf die Nothwendigkeit eines friedlichen Zusammenlebens der verschiedenen Konfessionen hingewiesen hatte. Der Beschluß wurde ebenso lebhaft begrüßt wie die judenfeindlichen Reden. Polen war wieder einmal auf billige Weise gerettet worden. Der „Postep"-Redakteur aber, wenn ich so sagen darf, schwamm in Wonne. Nichts wird den Polnischen Antisemitismus besser illustriren als die obige Zusammenstellung aus einem Versammlungsbericht. Nichts die Kampsesweise der Drahtzieher der judenseindlichen Bewegung unter den Polen besser beleuchten. Die Polen sind gelehrige Schüler ihrer deutschen Meister gewesen,