Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1901)
- Date
- 1901-01-04
- Page
- Seite 4 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Sitzung des Centraiausschusies des Verbandes deutscher Rabbiner. der Sitzung am 25. v. M. begrüßte zunächst der Vorsitzende, Rabbiner Dr. Maybaum. die Mitglieder des Ausschusses und O erstattete sodann namens des geschäftsführenden Vorstandes den folgenden Bericht: In dem abgelaufenen Jahr, über das wir Ihnen zu berichten haben, sind die Ausgaben, deren Lösung uns die Generalversammlung vom 1. und 2. Juni 1898 aufgetragen hat, soweit gefördert worden, daß wir nunmehr hoffen dürfen, mit der fertigen Lösung vor die nächste Generalversammlung treten zu können. 1. Schon im Januar d. I. cirkulirte bei den Mitgliedern des Vorstands der Entwurf einer Petition an das Abgeordnetenhaus der die Befreiung der preußischen Rabbiner von der Kommunalsteuer zum Gegenstand hatte, um, wie sich einer der Redner in der vorjährigen Centralausschuß-Sitzung ausdrückte, die Frage der Gleichstellung des Judenthums bei diesem Zipfel aufzurollen. Aber die meisten Mitglieder des Vorstands waren der Ansicht, daß eine günstige Aufnahme der Petition bei dem preußischen Abgeordnetenhaufe in seiner gegenwärtigen Zusammensetzung aussichtslos sei, und daß es sich daher empfehle, mit einem solchen Gesuch nicht an das Abgeordnetenhaus, sondern an das Ministerium heranzutreten. Die Erledigung dieser Angelegenheit wurde aber inzwischen wegen des eingetretenen Wechsels im Ministerium und infolge anderer dringenderer Aufgaben verschoben, und Sie können heute entscheiden, ob und in welcher Weise sie wieder in Angriff zu nehmen sei. 2. Ueber die Frage der äußeren und inneren Stellung des Rabbiners in der Gemeinde sind wir mit dem deutschisraelitischen Gemeindebunde, wie es uns von dem Centralausschnß in ,der Sitzung des vorigen Jahres aufgetragen wurde, in Berathung getreten. Wir haben dem Ausschuß des D. I. G. B. in einem Anschreiben die Schäden des gegenwärtigen Zustandes und die Wünsche des Rabbinerverbandes zur Hebung der materiellen wie der geistigen Stellung des Rabbiners dargelegt, und zum Zweck der Abhilfe den D. I. G. B. um eine gemeinsame Berathung ersucht. Diesem Ersuchen wurde seitens des D. I. G. B. in einem Schreiben vom 20. März 1900 stattgegeben, und schon am 7. Mai fand Hierselbst die gemeinsame Berathung statt, zu der außer dem Kollegen Auerbach-Halberstadt, der durch Krankheit verhindert war, sämmtliche Mitglieder des geschäftsführenden Vorstandes erschienen. Das Protokoll der Berathung zeigt, daß der D. I. G. B. in betreff der Hebung und Sicherung der materiellen Stellung der Rabbiner mit uns vollkommen einverstanden und dafür seinen Einfluß einzusetzen bereit ist. dagegen aber unserem Verlangen, daß bestehende Kultuseinrichtungen nur mit Zustimmung der Gemeindebehörde und des Rabbiners geändert werden können, sich nicht anzuschließen vermag. Aus unsere eindringlichen Vorstellungen entschloß sich zwar der Vorstand des D. I. G. B. die Frage nochmals in seinem Ausschüsse berathen zu wollen und uns über das Ergebniß Mittheilung zu machen, aber ans dieser Mittheilung, die uns am 18. November d I. zugegangen ist, ersehen wir leider, daß der Ausschuß des D. I. G. B. bei seiner bisherigen Ansicht beharrt. Er ist. wie gesagt, gern bereit, „die Forderung, daß die Anstellung der Rabbiner derart geregelt werden soll, daß dieselbe nach einen! höchstens drei Jahre dauernden Provisorium eine definitive wird", mit allen ihn: zu Gebote stehenden Mitteln zu fördern. Dagegen erklärt er sich blos bereit, der Gemeinde dringend zu empfehlen „bei Verhandlungen über religiöse Angelegenheiten den Rabbiner hiuzuzuziehen". Allein ihnen anzurathen, „bestehende Kultnseinrichtungen nur mit Zustimmung des Rabbiners abzuändern", könne er schon deshalb nicht unternehmen, weil er durchaus sicher ist, daß er bei der überwiegenden Mehrzahl der Gemeinden hierin schroffe Abweisung finden würde. Uebrigens erklärt sich der D. I. G. B. zunr Schluß bereit, auch diese Frage auf die Tagesordnung seines nächsten Geineindetages zu setzen und den Rabbinern Gelegenheit zu geben, die Vertreter der Gemeinde für ihre Ansicht zu gewinnen. Dies ist das Ergebniß unserer Verhandlungen mit dem D. I. G. B., und Sie werden nun zu befinden haben, ob wir das zuletzt erwähnte Anerbieten des D. I. G. B. annehmen, oder ob wir schon vorher andere Schritte unternehmen sollen. 3. Die bekannte Affäre in Könitz, die sich im Verlaufe der gerichtlichen Untersuchung und der aus ihr hervorgegangenen Prozesse immer mehr zu einer Anklage wegen Nitualmordes entwickelte und dadurch unsere gesammte Glaubensgemeinschaft aufs höchste interessirte und ausregte, hat auch uns. wie Sie sich denken können, vielfach beschäftigt. Trotz des Beschlusses in der Central-Ausschußsitzung des Vorjahres, dem schließlich auch das Londoner Komitee in einem Schreiben des Oberrabbiners Adler vom 4. Januar d. I. beigetreten ist, „eine Erklärung seitens der Rabbiner Deutschlands blos bereit zu halten, vorläufig aber noch nicht zu veröffentlichen", wurden wir in der Folge sowohl von Kollegen wie durch Zuschriften von hervorragenden Glaubensgenossen energisch aufgerufen, die Beschimpfung unserer Religion nicht noch länger ohne Protest anzugehören. Man glaubte die Zeit schon gekommen, wo die Rabbiner sprechen müssen. Diese Aufforderungen veranlaßten uns, mit Vertrauensmännern aus dem hiesigen Abwehrkomitee die Frage zu erörtern. Vorerst ließen wir Erklärungen in dieser Frage, welche von einzelnen Mitgliedern des Vorstands entworfen wurden, bei sämmtlichen Mitgliedern des Vorstands cirkuliren. sodann wurde aus Grund aller eingegangenen Bemerkungen und Abänderungsvorschläge von den Kollegen Horovitz. Werner und mir eine neue Erklärung ansgearbeitet. Aus Grund dieser Erklärung traten wir mit dem Vorsitzenden des hiesigen Abwehrkomitees in Unterhandlung. Das Ergebniß der Berathung war der Beschluß, auch diese Erklärung vorläufig uoch nicht zu veröffentlichen und nur dem Komitee zur Abwehr zur Verfügung zu stellen, den Zeitpunkt der Veröffentlichung aber diesem vertrauensvoll anheimzugeben. Dieser Beschluß erscheint wohl heute Jedem als gerechtfertigt, und wir danken Gott, daß wir es bisher nicht nöthig hatten mit diesen! allerletzten Mittel der Abwehr hervorzutreteu. 4. Auch die Frage der Gründung einer Pensions- und Reliktenkasse der preußischen, beziehungsweise der norddeutschen Rabbiner ist in dem abgelanfenen Jahre ihrer Lösung näher gebracht worden. Mit den Plänen, welche schon die jüngste Generalversammlung und seither den Centralausschuß in den alljährlichen Sitzungen beschäftigt hatten, war die Angelegenheit nicht wesentlich gefördert, es sei denn etwa die Förderung, daß wir immer mehr einsahen, daß vor allem ein Garantiefonds in allen Gemeinden Norddentschlands aufgebracht werden müsse, und daß wir uns erst, je nach Ergebniß der allgemeinen Sammlung, für den Weg entscheiden können, der für unsere Ziele als der gangbarste erscheint. Zu diesem Zweck wurde vom Kollegen Guttmann ein Aufruf an die Glaubensgenossen in Norddeutschland vorgelegt, dessen endgiltige Redaktion, weil er nicht in allen Punkten die Zustimmung des geschäftsführenden Vorstandes gefunden, Ihrer heutigen Beschlußfassung anheimgegeben wird. Da indessen dieser Aufruf nur dazu dienen soll, dem Rabbiner bei der von ihm Persönlich vorzunehmenden Sammlung in der Gemeinde die Arbeit zu erleichtern, so glaubte ich diese Erleichterung für die Sammlung hier in Berlin nicht erst abwarten zu sollen und sofort an die Arbeit gehen zu müssen, um im Laufe des Winters und des nächsten Frühjahrs bis zur bevorstehenden Generalversammlung des N. V. i. D. diejenige Summe zusammenzubringen, welche der Kopfzahl und Bedeutung der Berliner Gemeinde innerhalb der preußischen Judenheit angemessen ist. In dieser Absicht habe ich hier die Sammlung bereits in Angriff genommen, und der bisherige Erfolg berechtigt mich zu der Hoffnung, daß ich den Betrag, der bei einem Erforderniß von einer halben Million in der Berliner Gemeinde aufzubringen ist, nämlich die Summe von 150 bis 200600 Mark, Wohl erreichen werde. Nicht unerwähnt soll hier die dankenswerthe Unterstützung bleiben, die mir hierbei durch die hier erscheinenden jüdischen Zeitungen, die „Allgemeine Zeitung des Judenthums", die „Israelitische Wocheuschrist" und die „Jüdische Presse" zu Theil wurde, welche in warmherzigen Artikeln die deutsche Judenheit an die Ehrenpflicht gemahnten, die sie an den Invaliden und Relikten ihrer vornehmsten Vertreter zu erfüllen haben. Die Redaktionen dieser Zeitungen haben sich um die Rabbiner Preußens wohlverdient gemacht. Zu Punkt 4 der heutigen Tagesordnung, die Wahl der Prüfungskommissionen betreffend, will ich nur noch berichten, daß die Angelegenheit bereits in zweifacher Beziehung zu einer dringlichen und unaufschiebbaren Sache geworden ist. Erstlich haben sich bei mir mehrere Kandidaten schon gemeldet, die theils aus den bestehenden theologischen Anstalten ausgetreten sind, theils überhaupt keiner derselben angehört haben, und die sofort ihre Prüfung abznlegen bereit