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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-01-04 · Heft 1 (4.1.1901) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 1 (4.1.1901)
Date
1901-01-04
Page
Seite 3 (sequence 7)
Language
German
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3 liebe zu schreiben pflegten, anzubringen. Für uns hat dieser Bankkrach an sich weder Interesse noch Bedeutung; wir wissen sehr genau, daß es gute und schlechte Menschen, anständige Kaufleute und Betrüger unter den Anhängern aller Religionsbekenntnisse giebt; wir klassifiziren eben nicht die Verbrecher nach den Religionen wie unsere Gegner. Was aber diesem Falle eine über das Besondere hinausgehende Bedeutung verleiht und uns zwingt, auch an dieser Stelle darauf einzugehen, das ist die charakteristische Thatsache, daß die Urheber all dieses Unheils auch selbst diesen Anlaß benutzen, um gegen die Juden zu Hetzen. Daß sie Antisemiten sind, ist ja selbstverständlich, daß sie aber die Schuld all ihrem Zusammenbruch, die sie doch allein tragen, nnn gar auf die Juden abzuwälzen suchen, daß sie an das Mitleid ihrer politischen Gesinnungsgenossen appelliren, indem sie die Frechheit haben zu sagen, es sei all ihnen „ein finanzieller Nitualmord" vollzogen worden, das ist ebenso charakteristisch wie interessant für die Weltanschauung dieser Leute. Sie glauben auf mildernde Umstände rechnen zu dürfen, wenn sie auf die Juden schimpfen, aber das Manöver war zu plump und vermochte nicht einmal den weiten Kreis Derer zu täuschen, die bekanntlich nie alle werden. In jedem Falle aber bleibt die ganze Affäre dieses Bankkrachs eine werthvolle Episode in der Geschichte des Antisemitismus. 4 Die hochoffiziöie „Politische Korrespondenz" meldet neuerdings aus Kon stantinopel über die Circularnote des Sultans gegen die Agitation der Politischen Zionisten: Die kürzlich signalisirte Verfügung der Pforte, welcher zufolge sich die, sei es zu Handelszwecken oder als Pilger, nach Palästina begebenden Israeliten daselbst nicht länger als drei Monate anshalten dürfen, bildet, wie man uns aus Konstantinopel berichtet, die Fortsetzung einer seit Jahren eingeleiteten Aktion, die auf die Verhinderung der dauernden Niederlassung ausländischer Juden in der bezeichneten Provinz abzielt. Trotz der jedesmal wiederholten Proteste der Botschaften, die sich ans das im Anschlüsse an den Pariser Vertrag erlassene Gesetz berufen, welches den Angehörigen der fremden Staaten das Recht freier Ansiedlung in allen Theilen der Türkei zuerkennt, hat die türkische Negierung die betreffenden Anordnungen mehrere Male erneuert. In die Reihe dieser Maßregeln gehört auch das Verbot, demgemäß Israeliten überhaupt in Palästina keine unbeweglichen Güter erwerben dürfen, womit man auch für die Verhinderung von Bodenerwerb durch ausländische Israeliten eine Rechtsgrundlage gewinnen zu können vermeinte. Was die Gründe dieses Verhaltens der in konfessioneller Beziehung sonst durchaus toleranten Pforte betrifft, so sei dasselbe durch die seinerzeitigen Judenausweisungen ans Rußland und die Massenauswanderungen von Juden ans Rumänien veranlaßt worden, als deren mögliche Konsequenz die Ueberflnthung türkischer Provinzen durch Israeliten ins Auge gefaßt wurde. Diese Momente erfuhren jedoch, wie man in unterrichteten Konstantinopler Kreisen betont, eine beträchtliche Verstärkung durch die Eindrücke, die man von der zionistischen Bewegung empfing. Seit dem Anwachsen dieser Strömung ist von gewissen türkischen Persönlichkeiten an maßgebenden Stellen wiederholt die Aufmerksamkeit darauf gelenkt worden, daß der Zionismus politische Ziele verfolge, die an den ehemaligen Bestand des Reiches Judäa anknüpfen, somit den türkischen Staatslenkern keineswegs gleichgiltig sein können. Der hierdurch im Hinblick auf die zionistische Bewegung genährte Argwohn konnte die Pforte in der auf die Verhinderung einer größeren Jndeneinwanderung gerichteten Tendenz selbstverständlich nur bestärken, was sich in dein Umstande deutlich genug ausspreche, daß es mit allen erwähnten Maßregeln speziell auf die Fernhaltung der Israeliten von Palästina abgesehen ist. Nach der „Frankfurter Zeitung" haben infolge dieses Circularerlasses mehrfache Konferenzen der Botschafts- und Gesandtschaftsdragomane in Konstantinopel stattgefnnden, welche aber ein Ergebniß nicht gehabt haben. Rußland sei geneigt, sich auch offiziell auf die Seite der Türkei zu stellen, während fast alle anderen Staaten eine abwartende Haltung einnehmen und voraussichtlich aus einen konkreten Fall warten, um aus ihrer Reserve herauszutreten. Nur Italien hat sofort gegen das gesetzwidrige Circular der Pforte mit Entschiedenheit protestict. Die Thatsache, daß der Antisemitismus sich nunmehr auch in Belgien eingenistet hat, ist das sicherste Zeugniß dafür, daß kein Land der Welt mehr gegenüber dieser Völkerseuche auf Immunität Anspruch erheben kann. Der belgische Antisemitismus ist freilich nur eine Spielart des französischen, aber er hat doch seine besondere Färbung. Ein Rechtsanwalt in Brüssel Namens Picard, den die Lorbeeren Drumouts nicht schlafen ließen, gerirt sich als Vertreter dieser Bewegung, die bisher allerdings noch nicht den geringsten Erfolg aufzuweisen hat, die aber doch von den belgischen Juden nicht wird unterschätzt werden dürfen, wenn sie nicht denselben Fehler begehen wollen, der über unsere Glaubensgenossen in anderen Ländern so viel Unheil gebracht hat. Gerade die Fälle, die man vielleicht dagegen anführen wird: die Adresse an den Papst und die große Volksversammlung in Brüssel, an der alle politischen Parteien sich betheiligt haben, scheinen uns vielmehr der beste Beweis dafür zu sein, daß man auch in Belgien schon die Nothweudigkeit empfindet, sich gegen das Eindringen der antisemitischen Seuche zu wehren. Ueber die Beni Israel in Bombay wird dem „Jewish Chronicle" von dort geschrieben, daß Lord Curzon, der Vizekönig von Indien, gelegentlich seines Besuches des Rajah von Cochin auch die dort seit 300 Jahren bestehende Synagoge besucht habe. Bei dieser Gelegenheit richtete der Vorstand der Gemeinde im Namen der sogenannten „weißen Juden" von Cochin an den Vizekönig eine Adresse, in welcher u. a. mitgetheilt wird, daß die Juden von Cochin nach der Zerstörung des zweiten Tempels nach Indien gekommen sind und sich zunächst an der Malabarküste niedergelassen haben. Mit der Entdeckung des Seeweges nach Indien und dem Eindringen der Portugiesen an der Westküste von Indien hat sich ihre Lage sehr wesentlich verschlimmert. Theils dadurch, theils weil in ihrer eigenen Mitte Zwistigkeiten ausgebrochen waren, zog ein Theil von ihnen gegen Cochin, wo sie vom Rajah sehr gut ausgenommen wurden. Derselbe schenkte ihnen nahe bei seinem Palast ein umfangreiches Grundstück, auf dem sie die Judenstadt sowie die noch jetzt bestehende Synagoge errichteten. Gegenwärtig zählt die Gemeinde von Cochin ca. 200 Seelen, die sich vom Handel ernähren. Ihre Bildung ist nicht sehrhoch, weil „wir," so heißt es in der Adresse, „als Juden unseren Knaben unmöglich die Erlaubniß ertheilen können, den Sabbath zu verletzen, und an diesem Tage an der Universität von Madras zur Aufnahmeprüfung zu erscheinen." Das ist, man muß es gestehen, zum Mindesten eine sehr seltsame Motivirung, und der Vizekönig von Indien hätte die Herren wohl auf ihre Glaubensgenossen in England selbst verweisen können, die bei aller Strengglüubigkeit sich doch auch alle Güter der Kultur und Bildung «»geeignet haben.

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