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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-01-04 · Heft 1 (4.1.1901) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 1 (4.1.1901)
Date
1901-01-04
Page
Seite 2 (sequence 6)
Language
German
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2 allgemein anerkannt worden, und es handelt sich nur noch darum, die nöthige materielle Basis für diese beiden Pensionskasseu zu schaffen. Vergessen wir nicht, daß die geiftigejFrische, die warme Berufssreudigkeit unserer Rabbiner und Lehrer nur dann gewahrt bleiben kann, wenn diesen die hierzu unerläßlichen materiellen Bedingungen durch die Einsicht der Gemeinden und durch die Opferfreudigkeit Einzelner geboten und gesichert werden. Der Orden Benai Brith hat im Laufe der letzten Jahre an Ausdehnung in Deutschland erheblich gewonnen. Auch in diesem Jahre wurden mehrere ansehnliche Logen in großen Gemeinden Nord- und Süddeutschlands begründet. Der Orden ist ein wichtiger Faktor innerhalb des deutschen Judenthmns geworden. Auch seiner harren im neuen Jahre große Aufgaben. In erster Reihe steht das galizisch-rumänischc Rettungswerk, für welches die deutschen Logen bisher schon Erhebliches geleistet haben. Wichtiger aber als alles ist die ethische Erziehung, für die der Orden zunächst die Kreise seiner Mitglieder, dann aber auch ganz Israel gewinnen will. Es liegt in der Natur dieser Organisation, daß der Orden, fern von dem Gewühl der Straße, im stillen, ruhigen Wirken seine Ziele verfolgt, die von ihm angestrebten Aufgaben aber sollen ganz Israel umfassen, und an dem Segen, der aus den Tempeln des Ordens ausströmt, soll die ganze Judenheit theilnehmen. Wir kommen nun last not least zu den Litteratnrver einen. Noch immer entstehen neue Vereine in deutschen Gemeinden, in denen bis dahin außerhalb der Synagoge auch nicht ein Wort über Judenthmn und jüdisches Geistesleben gesprochen worden war. Die Bewegung ist also noch immer im Fortschreiten. Auch die bestehenden Litteraturvereine erfreuen sich reger Theilnahme. Kaum zwei oder drei sind wegen Mangels an Theilnahme aufgelöst worden. Die Zahl der Vereine wird sich bald auf 150 erstrecken, und ihr Netz breitet sich von einem Ende des deutschen Reiches bis zum anderen, von Memel bis nach Metz aus. Gerade aus dieser Theilnahme aber erwächst den Leitern dieses Werkes eine große und verantwortungsvolle Aufgabe. Auch hier kann durch Konzentration aller Kräfte Bedeutendes geschaffen werden. Der Kreis der Arbeiten muß erweitert werden, die einzelnen Vorträge müssen durch Vortragscyklen ergänzt und überall Fortbildungskurse und Bibliotheken begründet werden, die es dem Einzelnen ermöglichen, sich weiter zu bilden. Außerdem aber muß man auch hier als letztes Ziel an ein Unternehmen denken, welches durch Verbreitung guter populärer Schriften und durch Förderung der wissenschaftlichen Litteratur die Gedanken und Anregungen sesthält, welche in den Vorträgen, Diskussionen u. s. w. gegeben wurden. Wie man sieht, haben alle unsere Vereinigungen schwere Aufgaben im kommenden Jahre zu löse», aber für jede einzelne gilt der Satz ans den Sprüchen der Väter: „Nicht dir liegt es ob, selbst das Werk zu vollenden, aber du bist nicht befugt, dich ihm zu entziehen." Wenn jeder Einzelne unter uns willig und freudig seine Kräfte in den Dienst der Gesammtheit stellt, und zwar aus reinem Pflichtgefühl ohne persönliches Interesse und ohne Nebenabsichten, nur im Interesse der Gesammtheit und „um Gottes Willen", dann können wir trotz aller drohenden Stürme mit Zuversicht den kommenden Tagen entgegensehen. Me Woche. Berlin, 3. Januar. ie „Kölnische Volkszeitung", die man doch wohl als das Hauptorgan des Centrums ansehen darf, fällt über die antisemitische Bewegung folgendes charakteristisches Urtheil: Eine antisemitische „Jubiläumsversamrulung" zur Erinnerung an die erste große Antisemilenversamnilurig vom 17. Dezember 1880 in den Reichshallen am Dönhoffplah ist am Montag hier abgehalten worden. Anwesend waren verschiedene antisemitische Reichstagsabgeordnete und Führer fast aller Schattirungen. welche die antisemitische Bewegung aufweist. Herr Stöcker hatte sein Fernbleiben brieflich entschuldigt. Die Geschichte der letzten 20 Jahre, soweit sie die antisemitische Bewegung betrifft, weist fast nur Zänkereien, Spaltungen Mißgriffe aller Art und viel Radau aus; ein Theil der früheren Führer ist verschollen, verdorben, gestorben. Einigen Führern soll ein gewisser Idealismus nicht abgesprochen werden, aber es befanden sich darunter auch recht unsympathische und zweifelhafte Persönlichkeiten. In der Jubiläumsversammlung wurde denn auch anerkannt, daß der Mangel an Einigkeit und der Charakter mancher Führer der Bewegung viel geschadet habe. Man müsse in Zukunst wenigstens die Parole befolgen: Getrennt marschiren, vereint schlagen! Den Ausgangspunkt der so kläglich gescheiterten Berliner Bewegung bildete die berühmte Eiskellerversammlnng vom 3. Januar 1878, in welcher Stöcker zum ersten Male dem damaligen Abgott der Berliner Sozialdemokratie, Most, entgegentrat und den Grundstein zu seiner christlich-sozialen Partei legte; daran schlossen sich die heftigen Auseinandersetzungen zwischen Stöcker und Missionsdirektor Wangermann und Most in stürmischen Massenversammlungen, an deren Schluß die Anhänger Stöckers das Lutherlied, die Sozialdemokraten die Arbeitermarseillaise sangen. Am Saalausgang aber verkündete auf der sozialdemokratischen Seite ein großes rothes, an einer Stange geschwungenes Plakat, daß hier „Meldungen zum Massenaustritt aus der Landeskirche" entgegengenommen würden. Stöcker wurde damals selbst von liberalen Blättern, wie der „National-Zeitung", als muthiger Mann gefeiert, der sich in die „Höhle des Löwen" gewagt habe. Als Stöcker aber bedenkliche sozialpolitische Seiten im Judenthmn entdeckte, schlug die Stimmung um. Er sei ein „Hetzprediger", hieß es. Radikale Antisemiten, die Henrici Nuppel, u. s. w., traten auf den Plan. Stürmische Massenversammlungen mit der Parole „Inden raus!" folgten. Antisemitische Kneipen mit dem Thürschild: „Inden ist der Eintritt verboten!" wurden gegründet. Nach und nach verliefen sich die Gewässer, Ahlwardt kam mit den „Judenflinten". Sie erwiesen sich als blind geladen. Jetzt ist man beim sogenannten „Dresch"-Grafen Pückler angekommen, der vom „Verhauen" der Juden alles Heil erwartet und dessen Zuhörer wenigstens so vernünftig sind, der Prügelparole keine Folge zu geben. Eine solche Bewegung kann nicht mehr ernst genommen werden. Wenn nun aber das rheinische Centrumsorgan all diese historische Rückschau die Bemerkung knüpft, daß trotz jener Bewegung das Judenthmn heute mächtiger denn je sei und sich bei diesem Antisemitismus augenscheinlich „ganz wohl fühle", so ist dies einer jener bekannten Sätze, mit denen man in den betreffenden Kreisen böse gewordene Leser zum Schluß wieder nach berühmten Mustern versöhnlich zu stimmen sucht. Glauben wird's ja doch kein vernünftiger Mensch. ö Der Zusammenbruch einiger Banken, bei denen kein einziger Jude betheiligt war, und an dem nur streng konservative und gut kirchliche Männer die alleinige Schuld tragen, hat die Konservativen und Antisemiten einigermaßen aus dem Konzept gebracht, und es ihnen unmöglich gemacht, wenigstens vorläufig ihre Tiraden über die „mamnwnistische Judenwirthschaft", über den unheilvollen Einfluß des „Börsenjudeuthums", die sie gerade um diese Zeit mit besonderer Vor-

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