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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-12-28 · Heft 52 (28.12.1900) · p. Seite 623

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 52 (28.12.1900)
Date
1900-12-28
Page
Seite 623 (sequence 13)
Language
German
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623 Im Elsaß haben die armen Juden, besonders aber ihre Frauen eine Redefreiheit, die man sonst nirgends antrifst. Sie schleudern den Reichen die herbsten Wahrheiten wie Pfeile ins Gesicht, Wahrheiten, die nicht selten in Bosheiten ausarten. Ihre Zunge wäre alles, was sie haben, sagen sie, und einem Jeden das Seinige! Als eitles Samstags Frau Reich mit mehreren Jüdinnen die Synagoge verließ und von Diesen aufs neue wegen des Schulmeisters Glückwünsche erhielt, alltwortete sie laut und ärgerlich: „Ich weiß nicht, warurn man mir immer so viel Gutes von Herrn Elias sagt. Ich bin wohl reich genug, um einen Lehrer für meine Töchter zu bezahlen, und im Ganzen kommen uns die Stunden des Herrn Elias sehr theuer. Freilich bin ich stolz auf meine Kinder, sie begreifen und lernen so schnell. Am Ende bin ich ihre Mutter, und dumm war ich nie, obschon ich keinen Elias zum Lehrer hatte. Der Apfel fällt llicht weit vom Stanune. Der Schullehrer, ben ihr alle auf unsere Kosten erhebt, wäre undankbar, wenn er nicht mein Haus den anderell vorzöge. Wie elend kam er ins Dorf, ein Killd hätte ihn doch umgeworfen! Dank sei es meiner Kost — denn im Reich'schen Hause wird, denke ich, nicht schlecht gekocht —, dank meiner Pflege, Herr Elias ist jetzt so gesund wie ein junger Hirsch! Er wächst sogar noch und die Schule hat sich eben nicht darüber zu beklagen." „Was Wunder," rief die arme Judenfrau, die man die Feißlerin hieß und die trotz ihrer Arrnuth nie Almosen von einem Bewohner des Dorfes angenommen hatte, „in Eurem Hause ist er wie ein Hahn in einem Hühuerhof." „Was wollt Ihr damit sagen, Lästerzunge?" fuhr Frau Reich ailf. „Ich," versetzte die Feißlerin mit einem tückischen Lächeln, „ich lästere nie, aber ich kenne das Dorf, wo Herr Seidel früher Schullehrer war und das er verlassen mußte, weil er ein junges Mädchen behext hatte, gerade in dem Hause, wo er wohnte. Ich hätte Euch dies rächt gesagt, große Frau, Ihr seid zu klug, zu stolz für uns arme Dorfweiber. Ich weiß aber, daß es zu spät ist. Ja, schließt nur den Taubenschlag, die Taubell sind ausgeflogen mit dem Täuberich!" Nach diesen Worten verschwand sie um die Ecke der Gasse. * * * Frau Reich war aii hämische Reden gewöhnt, diese aber gingen ihr doch zn weit, und als mm gar die Frau des Maire begütigend meinte: „Es ist alles Lüge und Bosheit, doch finde auch ich den Schulmeister nicht so häßlich wie Ihr und fürchte, er hat ein Auge auf Eure Heda, seht Euch vor —" war jedes Wort ein Dolchstich für die Mutter. Sie faßte sich jedoch und sagte laut: „Rur die Eifersucht und der Neid lügen aus Euch, nur weil Herr Elias Eure Töchter nicht mag, sie sind ihm zu häßlich. Und was kann erste lehren? Er giebt keinen Unterricht im Lügen und im Verleumden. Er ist viel zu fromm dazu, und meine Töchter sind zu brav und zn bekannt, um sich um Eure Bosheiten zu bekümmern." Glaubte sie selbst auch nicht ein Wort ihrer Rede, so erreichte sie doch damit ihren Zweck. Die Frauen entfernten sich, ohne zu antworten, und sie eilte zornroth nach Hause. Auf dem Wege beschloß sie. noch heute hinter die Wahrheit des Geredes um jeden Preis zu kommen. Darum hielt sie an sich und belauschte nur während des Mittagstisches alle Blicke des Schullehrers und ihrer jüngeren Tochter. Ueber Kronele war kein Wort gefallen und sie selbst dachte nicht an sie — sie dachte nnr, zornglüheud, an „ihre Heva". Nach dem Mittagessen gab gewöhnlich Elias den beiden Töchtern Religionsunterricht. Seit seiner Anwesenheit im Hause hatte Heva auf ihre Samstagssvaziergäuge im Wäldchen verzichtet. Da sie Braut war, machte sie keine Ansprüche mehr aus die Herzen ihrer jungen Bewunderer. Kronele verbrachte gewöhnlich ihre Samstagsnachmittage bei Frau Sommer. Kaum hatten die Töchter ihre Bücher herbeigeholt, so sagte die Mutter: „Kinder, es ist dies vielleicht die letzte Stunde, die Herr Seidel Euch giebt. Lernt also schnell, was ihr zu lernen habt." Bei diesen Worten spitzte Heva den Mmid >vie ein verwöhntes Kätzchen in die Höhe. Frail Reich, die ihr Auge nur auf sie gerichtet, bemerkte den tiefer» Eindruck nicht, den ihre Worte auf Kronele machten. „Herr Elias Seibel," sagte sie dann, „Sie ivissen, ich sage alles offen und gerade heraus. Aufrichtig, ivarum haben Sie das Dorf verlassen, ivo Sie doppelt so viel verdienten als hier bei uns? Gesundheitshalber? O nein. Sie waren nicht so krank. Man hat mir andere Dinge erzählt!" Elias erividerte, ohne zu zögern: „Werthe Frau, es ist wahr, außer meiner Krankheit, die leider eine allzu große Wahrheit ist, gab es noch eine andere Ursache meines Fortznges. Ich hatte das Unglück, von einem überspannten Mädchen geliebt zu werden. So geckenhast dies klingt, so wahr ist es doch." „Ich habe mir sagen lassen," versetzte Frau Reich, „daß Sie diesem Mädchen Unterricht gaben, so wie meinen Töchtern; Sie wohnten im Hause ihrer Eltern und — frei heraus — man behauptet. Sie Hütten sie mit geheimen Zaubereien ganz für sich eingenommen." „Wohl," antwortete Elias lächelnd, „mit rechten Dingen geht es nicht zu, wenn ein Mädchen mich liebt; entweder ist sie bezaubert oder thöricht." „Ei. wenn sie verliebt war, warum haben Sie sie denn nicht geheirathet?" „Ich?" versetzte Elias. „Ich, ein armer Schullehrer, ein Mädchen heirathen, das ein Vermögen von 20 000 Franken besitzt! Ich hätte sie ihren Eltern abzwingen und verführen müssen, und bis jetzt hat sich, Gott sei Dank, Elias Seibel nicht die geringste Unehreuhaftigkeit vorzuwerfen. Und bin ich auch arm an Geld, so bin ich doch reich an Ehre." Ein Beifallslücheln flog über die Lippen Kroneles, die gebeugten Hauptes diesem Gespräche stumm zuhörte. „Was Sie da sagen," antivortete die Mutter, „beweist mir, daß Sie sich kennen und keine übertriebene Meinung von sich haben. Man giebt einem Schullehrer seine Tochter nicht mit freier Hand. Ich will Sie nicht beleidigen, Herr Elias, ich glaube sogar, daß Sie eine Frau glücklich machen können, aber die Welt bleibt Welt und ein Schulmeister bleibt ein Schulmeister." „Was kümmert uns all das?" rief endlich Heva. „Die Mutter hat sich von bösen Worten erzürnen lassen, ivahrscheinlich von der Frau May, weil ihre Töchter vor Neid fast vergehen, wenn ich die Lieder von Herrn Elias singe und auf der Guitarre spiele. Herr Elias behext mich nicht, ich liebe den Vetter, ineinen Bräutigam."

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