Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 52 (28.12.1900)
- Date
- 1900-12-28
- Page
- Seite 622 (sequence 12)
- Language
- German
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022 hoffte er auf Benutzung der damals unzugänglichen Handschriften. Diese ist unterdessen möglich gewesen: F. Jonas, der den Brief nach der Handschrift Pnblizirte (Schillers Briefe B. 5 S. 194 Stuttgart o. I. 1896) druckte Judenstadt und ich habe mich selbst von der Nichtigkeit der Lesart nach einer von der Direktion des Goethe-Schiller-Archivs in Weimar mir gesendeten Durchpausung überzeugt. Da infolge dieses Thatbestandes die oben mitgetheilten Erklärungen durchaus hinfällig sind, die an und für sich recht unwahrscheinlich klangen, so muß man nach einer anderen Deutung suchen. Zwei solche sind neuerdings versucht worden. Der gelehrte Goethekommentator G. von Löper (Zum Gocthe-Schillerschen Briefwechsel, Archiv für Litteraturgeschichte Band 8, S. 438 f.) verwarf die Bermuthung. daß ein Theil von Jena als Judenstadt zu bezeichnen sei, weil dort niemals eine so große Zahl von Inden gewohnt hätte,. daß ein bestimmter Stadttheil, wie etwa in großen Handelsstädten, von ihnen den Namen hätte führen können. Znr Erklärung der seltsamen Bezeichnung machte er auf ein im Jahre 1584 erschienenes lateinisches Gedicht aufmerksam, in welchem Jena mit dem hebräischen Worte jajiii gleich Wein zusammengestellt ist, und erklärte die briefliche Aenßerung so, daß die Dichter Von jenem Epigramm gehört haben möchten und danach die Stadt als eine bezeichneten, deren Name Von einem jüdischen Wort abgeleitet, also eine Jndenstadt sei. Das sehr Gezivungene dieser Erklärung liegt freilich auf der Hand, selbst wenn man zugeben wollte, was recht wenig ivahrscheinlich ist, daß die Dichter von dein schon damals wenig zugänglichen Buche, in welchem das lateinische Epigramm steht, wirklich etwas gesehen hätten. Der Herausgeber jener Zeitschrift, Schnorr von Carolsfeld, wies daher in einer Nachschrift zu jener Miscelle darauf hin, nachdem er betont hatte, daß W. Vollmer, der Vertrauensmann der Cottaschen Buchhandlung, der die Handschrift Schillers eiugesehen, wirklich Jndenstadt gelesen hätte, daß in einer 1886 erschienenen Schrift über Jena ein „ehemaliger Judengraben" erwähnt ivnrde. Daß es nun einen solchen wirklich gab lind daß Schillers i Garten und Gartenhaus an diesem sogenannten Jndengraben gelegen, konstatirte B. Litzmann (Schiller i»c Jena, 1889, S. 117), der den Kaufvertrag, den Schiller im März 1797 schloß, zum Abdruck brachte. Schiller bezog nun seinen Garten am 2. Mai 1797 und so durste, er, froh seines Besitzes, von seinem am Juden graben belegenen Garten in scherzhafter Weise Jena als Jndenstadt bezeichnen. Wie wenig freilich diese Bezeichnung wegen der dortigen jüdischen Bewohnerschaft ans Jena ziltrifft, ist bekannt genug. Viele Juden hat es in Jena überhaupt nie gegeben. Wenn gegenwärtig auch jüdische Dozenten, selbst ein Ordinarius dort leben und lehren, in der Goethe-Schiller'schen Zeit kgm derartiges nicht vor. Einige jüdische Studenten werden wohl immer dagewcsen sein. Statt aller Anderen mag der Mediziner David Veit angeführt werden, dessen enthusiastische Berichte ans Jena über Goethe ans dem Jahre 1795 (Briefwechsel zwischen Nahet und David Veit, Leipzig 1861, B. 2, S. 115 ff.) dem jüdischen Publikum bekannter sein sollten, als sie wirklich sind. Sehr zahlreich indessen können Inden auch in der Goethescheu Zeit nicht in Jena gewesen sein. Am 24. Juni 1816 schrieb Goethe an einen intimen Freund (Sulpiz Boisseree 1862, B. 2, S. 119): „In Jena darf nach alteil Gesetzen kein Jude übernachten. Diese löbliche Anordnung dürste gewiß künftighin besser als bisher aufrechterhalten werden," — eine Aeußernng, die zwar zeigt, daß gelegentlich Jllden nach der Musenstadt kamen, daß sie aber weder allzu hällfig dort lvaren, noch besonders gern gesehen wurden; den eben mitgetheilten Worten gehen wenigstens folgende voran: „Die sämmtliche Jndenschaft erzittert, da ihr griliimiger Gegner nach Thüringen kommt." Dieser hier angeführte große Judenfeind ist übrigens keiner der bekannten Antisemiten früherer Tage, sondern der Philosoph Fries, der damals 1816 in den „Heidelberger Jahrbüchern" Nr. 16 und 17. S. 241—264, zwei gegen die Juden gerichtete Schriften angezeigte hatte. Es waren dies die bekannte Schrift Rühs': „lieber die Ansprüche der Juden an das deutsche Bürgerrecht," II. Auflage 1816, und zum Schluß eine kleine Schrift: „Die Juden und ihre Gegner. Ein Wort znr Beherzigung für Wahrheitsfreunde." Der Rezensent stimnite vollkommen mit Rühs überein, ja, ging noch weiter als Dieser. Es heißt eimnal geradezu: „Das ist also das wichtigste Moment in dieser Sache, daß diese Judeilkaste mit Stilinpf und Stiel ausgerottet iverde, indenl sie offenbar unter allen geheimell und öffentlichen politischen Gesellschaften und Staaten im Staate die gefährlichste ist." Goethe las, wie seine Tagebücher zeigen, die Rezension am 29. Juni des genallllten Jahres lind besprach an demselben Tage mit seinem Freunde, dem Hofrath Meyer und dem Professor Riemer „die jüdischen Angelegenheiten". Der eben genanilte Jacob Friedrich Fries, 1773—1843, war ein seinerzeit sehr bekannter Philosoph, der im Herbst 1816 einem Rufe nach Jena folgte uird namentlich in den ersten Jahren aus die studeiltische Jngend großen Einfluß übte. Er lvnrde seiner freien Anschauungen wegen seines Amtes entsetzt und durfte, als er 1824 rehabilitirt wurde, für sein eigentliches Fach, die Philosophie, nur eine beschränkte Privatthätigkeit entfalten. Er gehörte zu den Theilnehmern am Wartburgfeste lind vertrat die spezifisch teutonische Anschauung, mit der sich Abneigung, ja gelegentlich offenes Auftreten gegen die Juden verband. Doch scheint er in besonderen Schriften seinen Widerwillen gegen die Inden nicht zum Ausdruck gebracht zu haben. Gewiß aber war er nicht der Mann, um etwa Jena znr Jndenstadt zu machen. EUILLETON Kronele. Eine Erzählung von Alexander Weill. JVI. lias hatte sich in dem kurzen Zeiträume von neun Monateir bei allen Dorfbewohnern beliebt gemacht. Seine Gesundheit hatte sich sichtlich gebessert, und seit seinem letzten Unwohlsein an jenem Freitag Abend, wo er seinen Jrrthum hinsichtlich Kroneles entdeckte, gewann sein Körper beständig an Stärke und sein Aussehen an Farbe. Die meisten Judenfrauen des Dorfes sagten der Frau Reich Schmeicheleien über Schmeicheleien, daß sie einen so gelehrten und braven Schulmeister in ihrer Häuslichkeit beherberge.