Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-12-28 · Heft 52 (28.12.1900) · p. Seite 621

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 52 (28.12.1900)
Date
1900-12-28
Page
Seite 621 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228365-3228418--57133-3293488
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

621 Euer Erwerb und euer Genuß sei wohlgefällig in den Augen Gottes und in den Augen der Menschen! * * * Ich lege es euch ans Herz, immer zu bedenken und euch gegenwärtig zu halten, daß ihr die Kinder Abrahams, die Nachkommen des Propheten - Volkes seid, und alle unsere Glaubensgenossen Brüder, die für einander bürgen. Der Vorwurf, den sich irgend Einer unter uns zu Schulden kommen läßt, trifft nicht blos ihn, sondern unsere Väter im Grabe, alle unsere Glaubensbrüder im Leben. Deine schlechte Handlungsweise schmäht nicht nur dich, sondern verdirbt den Namen aller deiner Brüder. Wir Juden bilden eine von der Natur und von der Geschichte geschaffene Freimaurerschaft; und was hier in sittlicher Beziehung gewiß höchst anregend wirkt, daß nämlich der Unterschied, den die gesellschaftlichen Zustände schaffe»:, ausgehoben »vird, u»»d der Niedere neben dein Höheren als Gleicher steht, das sollte doch unter den Juden in noch viel weiterem Umfange und in viel tieferer Weise geschehen. Denn »vir »vareu einst ein Volk und sind jetzt ein religiöser Verein, eine Gesellschaft vor Gott. Zu uns gehört, wer unter uns geboren ist, ohne jegliche Wahl, gleichviel ob er reich oder arm, gebildet oder ungebildet ist. Nun soll aber doch »venigstens Jeder, der sich seiner vortrefflichen Glaubensgenossen freut oder gar rühmt, danach streben, sich solcher Männer, neben denen er vor Gott steht, würdig zu zeigen. Das Wort dieser Männer »vird in den Augen der Welt nothwendig finken, ive»»n man neben ihnen ganz Univürdige findet. Es liegt auf ihnen die Last der Bürgschaft für die Sittlichkeit ihrer Genossen: »virst du ihnen diese Last erschweren? Müßte es nicht »vie feurige Kohlen auf deine»»» Haupte brennen, »venn der Blick deines tvürdigen Glaubensgenossen dich vor Gott, vor der offenen heiligen Lade, vor der aufgerolltei» Tora mit Verachtung treffen müßte? Wenn Israel am Versöhnungstage und in» täglichen Gebete spricht und an die Brust klopft: „Wir haben gefrevelt", muß es dir da nicht die glühende Schaniröthe ins Gesicht treiben, daß vielleicht dein Nachbar in» Gvtteshause, der nie gefrevelt, ein Bekenntniß ablegt, zu den» du ihn durch deine Handlungsiveise zwingst, daß er sich deiner Thateu schuldig bekennt? Wenn du dich jemals zu»»» auserlvühlten Volke zahlst, schämst du dich nicht, daß du dich so benimmst, als iväre dein Volk ausivühlt nicht zum Segen, sondern zum Fluche? Sagt nicht, das sei übertriebe»»; die Juden selbst, und' die Besten darunter an» »»»eisten, übertreiben die Fehler, die Schlechtigkeit ihrer Stammesgeiioffcn ans Liebe. Zugestehen aber müßten ja doch Alle, daß diese Fehler in einer «lehrhundertjährigen Geschichte »»nd selbst heute noch ihre Entschuldigung finden, vbivohl he»»te in anderen Umstünden, »velche aber nicht so leicht »vegzuschaffen oder zu überivinden seien: sagt das nicht! Mangel erklären bietet kau»»» eine Entschuldigung, und »vern» dies, so doch gewiß keine Rechtfertigung. Wollt ihr euch verurtheilen lassen als schuldig unter »nildernden Umständen? Manche»»» erschiene solch »nildes Urtheil doppelt schmerzhaft, nicht anders als das Lob in den Worte»»: ehrlich, obivohl ein Jude. Das ist auch noch nichtJdealismus und enthältnicht die ideale Forderung, daß ihr ein sittlich vollkominenes, ein „heiliges Bolk" seiet. Wenn es so »veit gekvinmen »väre, daß man sagte: „ein Schurke, obivohl ein Jude", so »väre das zivar ein Zeugniß, daß i»n allge»»»einen das Schlechteste aus Israel geschwunden, verbannt »väre; aber dainit »vüren »vir doch noch fern von einem idealen Zustande, und »vir hätte»» a»»ch dann immer »»och mit allein Eifer an unserer Reinigung zu arbeiten, um, nicht vor Menschen, sondern vor Gott, dem Gotte unserer Väter, rein zu erscheinen. Nachwort. Die Hoffnung und Voraussetzung, »nit welcher ich diese Blätter zu schreiben begann, sind in der kurzen Zeit, die seitdem verstrichen, schon »vieder zu Nichte geivorden: der Stur»»» hat noch nicht ausgetobt. So könnte es n»a»»cheii» wohl- »»»einenden Manne bedenklich erscheinen, daß ich diesen Ruf an Israel ergehen lasse. Ich meine dagegen, daß der Haß gegen Israel noch lange nicht schwinden, also auch noch lange nicht aufhören »vird, sobald die Gelegenheit günstig erscheint, loszustürmen. Doch »vir stehen unter den» Staatsgesetz, und gegen unsere äußere Stellung verinöge»» alle jene Ausbrüche der gröberen oder feineren Rohheit nicht das geringste. Meine Worte aber, obtvohl sie ihre »unnittelbare Veranlassung in den Angriffen der Feinde haben, sind doch von einer solchen Bederltung, daß sie nicht aus F»»rcht, der Geg»»er könne sich auf sie berufen, zurückgehalten »verden dürfen. Das »väre »vahrlich der schlimmste Erfolg unserer Hasser und Neider, »venn sie es uninöglich machten, daß ein Jude ein liebevolles, aber ernstes Wort an seine Brüder richte, daß Israel auf seine Propheten hingelviesen werde. Wie es immer um uns her toben inag, beherziget die Worte Gottes, an die in diesen Blättern gemahnt »vird, „da»»üt das Böse aus deiner Mitte gebannt werde." Jena, „die Iudenstadt"? Von Prof. Dr. L u d >v i g Geiger. u» 16. Mai 1797 schrieb Schiller an Goethe: „Es ist recht schön, daß Sie Ihr Gedicht, das hier angefaugen »vurde, auch hier vollenden. Die Judenstadt darf sich »vas daraus einbilden." Das Gedicht, auf das in den obigen Worten angespielt »vird, ist „Hermann und Dorothea", das »virklich in Jena vollendet und Schiller stückiveise mitgetheilt wurde. Warunr heißt Jena aber die Judenstadt? H. Düntzer (Schiller und Göthe, Uebersichten u»»d Erläuterungen zum Briefwechsel, Stuttgart 1859) nahm als erster Anstoß an dieser Bezeichnung. Er erklärte das Wort zuerst „als Theil Jenas, »vor!»» das Schloß liegt", nahm aber in den Zusätzen zu jenem Buche die Erklärung zurück und vermuthete, Goethe habe Jedenstadt geschrieben, und darunter eine aus drei Theilen zu einer verbundenen Stadt verstanden. Er meinte, diese Ableitung sei z»vischen den Dichtern z»»r Sprache gekommen, und einer von ihnen hätte Jena als die Stadt charakterisirt, die Jeden in sich aufzunehmen geneigt sei. Man könnte, so meinte er ferner, auch an Innstadt denken, »veil das Schloß in dem Goethe seinen Wohnsitz attfzuschlagen pflegte, im Jnnern der Stadt gelegen sei, »vährend Schiller in einem Garten der Außenstadt »vohnte. Für eine vollkommen zuverlässige Deutung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.