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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-12-28 · Heft 52 (28.12.1900) · p. Seite 620

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 52 (28.12.1900)
Date
1900-12-28
Page
Seite 620 (sequence 10)
Language
German
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620 sprechen, gar nicht wirklich meinen, das aber, was sie im Sinne haben, nur unwillkürlich verrathen. Sie sagen uns: werdet deutsch, werdet wie wir; aber das wünschen sie nicht. Sie ivünfchen uns Alle nur so zu sehen, daß sie uns verachten könnten. Gerade, das; sie das nicht könne»;, das schmerzt und erbittert sie. Sie thnn, als sprächen sie wohlwollend und patriotisch, und verklagen die Schlechtesten unter uns, »vährend sie die Besten von uns herzlich hassen. So zeigen sie uns unsere Pflicht, ihnen jeden Vorlvand nehmen. Wir müsse»» dahin gelangen, daß Jeder unserer Feinde mit Bileam, »venn auch »viderivillig, sagen i»»uß: „Man erblickt nichts Böses in Jakob und sieht kein Unrecht in Israel." Unsere Fehler sind derartig, daß sie offen vor Aller Augen liegen. Darum dürfen »vir arrch offen von denselben reden; sie sollten nicht versteckt »verdei», sondern abgethau. Dazu sollen die folgenden Worte »»»ithelfen. Gebt ihnen Gehör, beherziget sie, bethätiget sie! Ich rede zu allen Juden, ohne Rücksicht auf die verschiedenen Auffassuirgen des Judenthums; ich rede von dem, »vas jeder Jude, seine Ansicht »uöge sein »vie sie »volle, zugestehen muß, von dem, »vas die Jndenheit einigt. Ich r»»fe: xvw Höre Israel! Sollte es aber in Israel Männer geben, denen nicht die Sittlichkeit, sondern die Ceremonie in erster Linie steht, »velche das Band der Einheit, das die Sittlichkeit »»»» uns schlingt, durch die Cerenionie zerrissen glauben, so rufe ich Israel zu: J1KH rni?n “pna Scheidet euch von dieser Geineinde, »vie sich Israel von der Rotte Korahs schied! Mögen sie sich nennen, »vie es ihnen beliebt, mögen sie ihre Väter nennen, »vie sie »vollen, mögen sie sich mit ihren» Eifer und ihren» Märthrerthuil» trösten, »vie sehr sie »vollen — sie gehe» uns nichts »»»ehr an. Bilden »vir auch eine zunächst auf dem Blute beruhende Genossenschaft, so gehört doch nur der uns an, de»»» das Gebot der Liebe z»» Gott und zum Nebe>»n»e»sche>» a»»sschließlich und rücksichtslos das Wesentliche, das Verbindende und Umschlingende ist. Schlußwort. Wehe dem. der sein Hacis bauet mit Ungerechtigkeit. Deine Augen und dein Herz sind aus nichts gerichtet, denn auf deinen Gewinnst und uns Unterdrückung und Geivaltthat. Jer. 22. 13. 17. — — die da schnappen nach den» Stäubchen Erde ans dem Kopfe des'Armen, und den Weg der Gebeugten hindern sie; und der Mann und sein Vater gehen zur Dirne, uni zu ent»veihen meiiren heiligen Namen. Auf gepfändeten Kleidern strecken sie sich aus neben jeden» Altar, und Wein der Gebüßte»» tri»»ken sie im Hause ihres Gottes. Amos 2, 7. 8. Und sinnet nicht Einer des Andern Unglück in eurem Herzen und falschen Schlvur beliebet nicht. Sach. 8, 17. Hoffärtig sind die Töchter Zions. Ies. 3, 16. Kraftlund Würde ist ihr jder »vackeren Frau) Gewand .. . Sie beobachtet die Wege ihres Hauses, und Brod der Trägheit ißt sie nicht. Spr. 31, 25. 27. Weder bin ich Prophet, noch ist es mein Beruf, Sitte zu predigen; aber ich liebe meine Glaubensgenossen »vie der Prophet , »rnd »vie der Sittenprediger, ich liebe sie Alle und Jeden, Mann und Frau, auch Diejenigen, deren Wandel die stärkste Rüge verdient. Fragt mich nicht, »ver die Letzteren seien; fraget nicht, »velche, Fehler am härtesten getadelt »verdei» »nüsse». Glaubet, daß sich der Fehler viele finde»» unter den Reichsten »vie unter den Aerinsten und »»nter denen, die ein mittleres Verrnögen besitzen, »»nd daß jeder Fehler Tadel verdient; aber Keiner schelte den Andren, sondern Jeder arbeite an der eigenen Besserung. Je nach seiner Stellung, nach seiner Lage, feinem Geschäft, seinen Gewohnheiten »nögen dem Einen diese, den» Andern jene sittlichen Mängel, Vergehungen, Laster nahe gelegen sein; nvthtvendig »verden sie unter keinen Ui»»ständeu. Ein altjüdisches Sprichwort sagt: „Ernähren soll sich der Mensch, aber nicht sich tödten," d. h. er soll sich nicht so ernähren, daß er darüber,sein sittliches Selbst tödte, seine »vahre Persönlichkeit verliere. Es muß jeden edlen Juden tief betrüben, zu sehen, »velche falsche Schätzung des Reichth»»ms heute i»ni»»er inehr um sich greift. So war es ehemals nicht. Unter unseren Vätern war Jeder davon durchdrungen, daß großes Vermögen nicht Achtung erivirbt, und daß dem, der wenig besitzt, die gebührende Achtung vor seine»»» Wissen »»nd seiner Redlichkeit und seiner Wohlthätigkeit nicht geschmälert »verden darf. Der Reichste »vich bescheiden vor den» durch Gelehrsamkeit oder Wirksamkeit »vürdigeren Manne. Schon ein alter Römer hat gesagt: „Des Geld macht alles gleich; so viel du hast, so viel bist du." Das Wort ist von keinen» Jude»» geschaffen; es stainmt aus einer Sklavenseele, welche ihr Alle so tief verachten solltet, daß sich Nieinand ihr Wort aueignen dürfte. Dagegen ist es eine triviale Wahrheit (aber das Trivialste, »venn es wahr ist, »unß ausgesprochen und Tag für Tag »viederholt »verden): der Werth des Menschen liegt in» Geist, in» Charakter, im Gemüth und ist unabhängig von den Marktpreisen und vom Kurszettel. Dein Charakter erhöht dich oder setzt dich herab, möge»» deine Papiere fallen oder steigen. Wie verachtest du den, der sich taufen läßt, der einen Preis hat! Du siehst ihn »vie eine feile Dirne an. So siehst du dich thatsüchlich selbst an, »venn du Werth darauf legst, daß der viel Geld haben müßte, der dich auszahlen wollte. Den Besitz zu»»» Maßstabe der Achtung Anderer und der Selbstachtung inachen, heißt alleiual, sich als verkäuflich hinstellen. „Das Geld macht alles gleich" ist auch in dein Sinne nicht »vahr, als dürftest du alles kaufen, erwerben, genießen, »vas sür Geld zu haben ist, du eben so »vohl »vie ein Anderer, »veil du wie der Andere das genügende Geld hast. Das ist nicht »vahr; es giebt Gesetze der Schicklichkeit, von denen sich kein sittlicher Mensch lossprechen »vird, und »velche verbieten, das zu besitzen, zu genießen, »vas an sich nicht »»nerlaubt iväre, aber sich für dich nicht schickt. Du darfst nicht Kleider tragen »vie die Könige, obivohl du solche bezahlen kannst, denn es schickt sich nicht. Noch aber habe ich die Hauptsache nicht erivähnt. Das Geld hat seinen Geruch nicht n»»r je nach dem Gebrauche, der davo»» geinacht »vird, sonder»» auch je nach der Quelle, aus der es stammt. Es giebt Gelder, die nicht ii» das Haus Gottes gebracht werden dürfen. N»»r verdientes Geld hat guten Geruch; verdient aber ist dasjenige Geld, »velches dir als Entgelt dafür gezahlt »vorden ist, daß du Jeniand einen Dienst ertviesen, ein Wohl gethan hast, dasjenige Geld, »velches eine Gegenleistung für eine Leistung deinerseits ist nach Recht und Gebühr In den» Sinne »vünsche ich, daß ihr Alle recht reich, daß ihr Alle Millionäre »väret, »venn euer Reichth»»»» das Maß eurer Leistungeil sür eure Mitbürger »väre, »venn er zeigte »vie viel Gutes ihr euren Nebenmenschen gethan habt!

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