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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-12-28 · Heft 52 (28.12.1900) · p. Seite 619

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 52 (28.12.1900)
Date
1900-12-28
Page
Seite 619 (sequence 9)
Language
German
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CIO weiter Ferne geschleuderter Gummischuh, wodurch dem Herr« Verleumder handgreiflich bewiesen wurde, daß das Publikum noch im Stande ist, solche schwierige und Geistesgegenwart erfordernde Arbeit, wie Zielschießen, zu verrichten. Dieser Erfolg mit der Galosche schien das Publikum auf eine neue Idee gebracht zu haben. Der Aepfelregen hörte Plötzlich auf und wurde durch einen Gmnmischuhniederschlag ersetzt. Die Szene füllte sich allmälig mit Gummischuhen, die beim Fallen arge Verwüstungen anrichteten. Sie schonten nicht einmal die ehrwürdigen Häupter der Akteure. Hier brach die Geduld der Helden auf der Szene: der dicke Vorhang wurde herabgelassen — ein unverkennbares Zeichen, daß die Vorstellung zu Ende ist. Während das Publikum vorwiegend von den Gallerten und Balkons aus auf solche Weise mit den Szenehelden seine Rechnung machte, ereignete sich unten im Parterre folgendes. Ein greiser, in der russischen Gelehrtenwelt in hoher Achtung stehender Litterat erhob sich von seinem Sitze und richtete mit vor Altersschwäche zitternder Stimme einen Mahnruf an die anwesenden Christen. „Das Theater" sagte er nnter Anderem, „ist ein heiliger Tempel, wo das Aufwiegeln gegen Mitmenschen höchst unwürdig ist. Kunst und Denunziation haben miteinander nichts gemein!" Seine Worte machten einen tiefen Eindruck auf die Umstehenden. Man sah entrüstete Gesichter, geballte Fäuste erhoben sich in die Lnft. In diesem Moment erhob sich eine vornehm gekleidete Dame und rief mit lauter, vor innerer Erregung bebender Stimine: „Ich bin Russin und habe mit Inden nie verkehrt. Allein als Christin kann ich nicht gleichgiltig zusehen, wie von der Szene ans gegen eine ganze Klasse von Menschen gehetzt wird." Die Dame wurde umringt, mau drückte ihr die Hand und zollte ihr warme Anerkennung. Der greise Schriftsteller Mordowzetv saß auf seinem Platze ivie angewurzelt, bewegungslos, das greise Haupt zur Erde gebeugt, und Thränen flössen ihm aus den Augen, was auf die Zuschauer einen viel mächtigeren Eindruck machte als die schärfsten und beredtesten Worte. Ein junger, dem Petersburger Hochadel angehörender Osfizier sprang beim Anblicke der jüdischen Karikaturen auf der Szene von seinem Sitze auf und rief laut mit zorniger Stimme: „Das ist eine niederträchtige Beschimpfung einer ganzen Klasse unserer Mitbürger! Schluß! Schluß!" Ein derartiges Ereigniß in Rußland, dazu noch in Petersburg, steht in der Theatergeschichte als Unicum da, sowohl durch die muthige Selbstvertheidignng der sonst so indifferenten Residenzjuden, als auch durch die warme Theilnahme fremder, hochgestellter dem Judenthnm fernstehender Personen. Zum Schluffe sei noch erwähnt, daß zwei „erste Kräfte" des Maly Theater, darunter die beliebte Schauspielerin Jaworskaja, tut Vorhinein ihre Mitwirkung abgelehut hatten, was von den liberalen Blättern mit Anerkennung hervorgehoben wird. Auch die Polizei war bei diesen, Vorfälle nicht unthätig. Es tvurden zahlreiche Verhaftungen vorgenommen. Diesenr Untstande zufolge, und bei dem großen Interesse, welches in der Presse sowie irr allen Gesellschaftskreisen dem „Petersburger Theaterskandal" entgegengebracht wird, hat das Ereigniß bei Weitem nicht seinen Abschluß gefunden. Ueber das Weitere werde ich berichten. P. S. Alt den Kundgebungen im Theater nahmen auch zahlreiche Universitätsstudenten Theil, von betten einige verhaftet wurden. Das Eingreifen der Polizei erfolgte in sehr schroffer Weise. Die Studenten hielten att deit folgenden Tagen größere Protestversammlungen in der Universität ab und viele stellten den Besuch der Vorlesungen ein. Ant schwarzen Brett in der Universität ist eilte Bekanntmachung, welche vom Rektor und den Dekaneit aller vier Fakultäteit nnterzeichitet ist, angeschlagen. Darin werden die Studenteit ermahnt, feine Versammlungen mehr abzuhalten und sie werden aufgefordert, die Vorlesungen wieder zu besuchen und abzuwarten, bis die Angelegenheit auf gerichtlichem Wege seinen Abschluß gefunden hat. Jit weiten Kreiselt der Studentenschaft herrscht Erregung. Dell Blättern ging am 8. Dezember eilt Cirkular der Ober-Preßverwaltung zu, in dem ihnett aufgetragen wird, über das Theaterstück tntd die erste Aufführung desselben nichts z>t veröffentlichen. Blätter aus dem Nachlasse von Prof. Dr. H. Stein thal. ((£§ ist nur wenig bekannt, das; der sel. Steinthal in der Zeit der antisemitischen Hochfluth sich mit einem Mahn- und Trosteswort an die deutschen Juden zu tuenden die edle Absicht hegte. Die Schrift sollte den Titel fuhren: „Schema Jisroel!" Leider kam die Absicht nicht zur Ausführung. Aber einige Kapitel aus dieser Schrift erschienen in den Jahrgängen 1890—1894 dieses Blattes und finb gewiß noch in Aller dankbarer Erinnerung. Nun sind durch einen glücklichen Zufall im Nachlasse des theuren Meisters das Vorwort und das Schlußwort jener Schrift aufgefunden worden, und wir wollen nicht säumen, diese Schriftstücke den Lesern mitzutheilen als ein hehres Vermächtniß unseres verewigten Führers und Lehrers an seine Glcmbensgemeinde, die er liebte mit allen Fasern seiner reinen Seele, lind die auch sein Andenken immerdar hoch in Ehren haltet! wird! Die Red) Vorwort. er Sturm, der in diesen Tagen sich über Israel zu erheben drohte, scheint scholl beschwichtigt, und ein ruhiges Wort, das ein für Gott erglühter Jude an seine Stammes- und Glaubensgenossen richten will, dürfte heute die günstigste Zeit finden. Denn wenn die Gefahr vorüber, aber die Erinnerung darall noch lebhaft im Gemüthe sitzt, wenn das Gefühl der Unsicherheit noch durch alle Newell leise nachzittert: dann ist der Mensch wohl am empfänglichsten für ein Wort treuer Ermahnung. Wir habell keinen jüdischen König und keinen Priester mehr: das bedauert für heute wohl auch der Jllde nicht, welcher au die wörtliche Erfüllung der messianischell Verheißung in der Zukunft glaubt. Wir haben aber, und sogar seit noch lällger, allch keinen Propheten mehr (Psalm 74, 9), das wiegt schwerer und ward oft und viel voll ben Juden bedauert. Indessen, Gott giebt alles, was nöthig ist zur Zeit, wo es nöthig ist. Was Propheten sagen können, haben die Alten gesagt, und der Kern ihrer Redell ist uns durch die treue Anhänglichkeit unserer Voreltern bewahrt. Dieses ihr Wort gilt für alle Zeiten. Es bedarf also nur der liebenden Hingabe an dasselbe: denn damit ergiebt sich, was lloch fehlt, von selbst, nämlich die Anwendung ans die Gegenwart. Ich bin kein Prophet und kein Sofer, ich bin nur der letzte der Acharonim, d. h. ein Sohn der Gegenwart. Zu unsereil Feiilden reden ist nicht nur deswegen nutzlos, weil sie uns nicht hören wollen, sonderll scholl deswegen kaum thunlich, weil sie das, was sie laut und vernehmlich ans-

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