Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 52 (28.12.1900)
- Date
- 1900-12-28
- Page
- Seite 618 (sequence 8)
- Language
- German
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618 den Rabbiner aus der Reihe der Beamten ausscheidet. Vergißt er denn, daß bei Normirung der Gehälter eben jene 31t erwartenden Sporteln mit in Anrechnung gebracht werden, und daß bisweilen diese Wahrscheinlichkeitsrechnung nicht zum Vortheile der Rabbiner ausfällt? Ich möchte den Rabbiner sehen, der es nicht mit Freuden begrüßte, daß alle diese „Accideuzieu" au die Gemeindekassen abgeführt würden und er entsprechend höher sein Gehalt normirt sähe! Es sei hier übrigens bemerkt, daß bei einzelnen Casualien in manchen Gemeinden die Bezahlung aus der Gemeindekasse erfolgt. Dell Charakter des Beamten kann dem Rabbiner auch nicht der lXmftanb nehmen, daß die Mitglieder des Rabbinerstarldes nicht gleichmäßig dotirt sind. Der Vergleich mit beu Richtern paßt schon aus dem Grunde nicht, weil vergessen wurde, in Betracht zu ziehen, daß der Richter nicht ewig Richter bleibt, und er, wenn er in eine höhere Stellung aufrückt, auch selbstverständlich in feinem Gehalte eine entsprechende Aufbesserrlllg erfährt. Die Rabbiner haben aber keine alldere Karriere 31t machen, als eben aus einer kleineren nach einer größeren Gemeinde berufen zu werden, lvomit dann allerdings auch entsprechend größere Einnahmen verbunden sind. Der Fall, daß die in einer und derselben Gemeinde anltirenden Rabbiller ungleich gestellt sind, paßt mit Rücksicht ans seine Seltenheit nicht in den Kreis dieser Erörterungen. Wer kann denn überhaupt erst daran zweifeln, daß ein Rabbiller ein Beamter sei! Die Genleinde wählt ihll und behandelt ihn auch in aller: Fragen als solchen. Wie wellig zutreffend ist es auch, gegen die Fundirung der Pensionskasse zu eifern durch den Hillweis: „Anwälte ulld Aerzte haben für ihre Hilfskassell sich llicht an die Oeffentlichkeit um Hilfe gewendet." Es trifft das letztere wohl zu, es ist dies aber auch völlig begründet: der Stand der Aerzte und Rechtsanwälte bedelltet an inib für sich eine Macht und besitzt bcunit anch die Mittel. Die Rabbiller hingegen sind beschränkt an Zahl und vermögen deshalb llicht, aus eigellen Mitteln die Hilfskasse zu begründen. Wir sind vielmehr der Ueberzeugung, daß das begonnene Werk die weitgehendste Förderung verdient, von Laien nicht weniger als voll Rabbinerll, llnd je früher dieser Plan realisirt wird, desto eher wird ein Institut ills Leber: gerufen, das berufen ist, zum Segen und Heile der gesammtell jüdischen Gemeindell Deutschlands 31t wirken. Eine Beeinträchtigung des Ansehens des Rabbinerstalldes ist bcnnit keineswegs verbundeil, vorausgesetzt, daß die Begründung der der Kasse als Akt des Rechts und der Billigkeit ailerkannt wird. Dahill sollten alle Jene arbeiten, denell das Wohl des Judenthnms Herzenssache ist. M. L. Brief aus St. Petersburg. Von A. Mirsky. Jtu seltener, äußerst charakteristischer Fall ereignete sich am 7. d. M. in Petersburg, der unablässig die öffeut" liche Meinung beschäftigt und die gesauunte russische Presse in spalteulangen Artikeln don sich reden läßt. Da ich mit der Sachlage genau vertrant bin, >vill ich Ihnen in folgendem eine genaue Darstellung des interessanten und, wie Sie sehen werden, für uns Juden bedeutsainen Vorfalles bieten. Ein wegen unlauterer Ausführung (arge Verleumdung und dergleichen) abgestraftes Individuum Namens Efsro», dem durch seinen wenig schmeichelhaften Ruf jede Aussicht auf Eriverb genommen wurde, nahm seine Zuflucht zu den längst erprobten Mitteln: zur Taufe und zum Pamphleteschmieden gegen seine gewesenen Glaubensgenossen. Ter sattsam bekannte Herausgeber der „Noivvje Wrenija", Herr Suvorin, nahm den Couvertiten in Schutz und ließ ihn ein Drama „Die Kinder Israels" alias „Die Schmuggler" schreiben, welches sich als Hetzmaterial gegen die Juden sehr gilt eignet. Herr Suvorin bereitete in seiner sauberen, leider aber sehr gelesenen Zeitung das Publikum auf das „großartige" Drama vor, welches in seinem Theater gegeben werden svllte. Das „Maly Theater" der sogenannten Litteratur- und Kunstgesellschaft ist nämlich Eigenthum des Herrn Suvorin. Am vergangenen Freitag sollte das Petersburger Publikum mit diesem Stück beglückt werden. In der jüdischen wie auch in der christlich-liberalen Gesellschaft wurde schon einige Tage vor der Vorstellung ein leises, mit Mühe zurückgehaltenes Murren bemerkbar, was dem Herrn Suvorin nicht entging. Er ließ nun die Vorstellung um 3/48, d. h. fast eine Stunde vor dem üblichen Beginn, anfangen, ohne davon in den Annoncen zu berichten, damit das pfeiflustige Publikmn zu spät koimne. Es ivurden nur Diejenigen davon verständigt, deren Ainvesenheit erwünscht war. Allein der schlaue Plan mißlang völlig. Um 3/48 waren alle Plätze besetzt. In, Moment, ivo der Vorhang aufgezogen wurde, begann vom Parterre und den Gallerien aus eine ohrenbetäubende Katzenmusik, so daß kein Wort von der Szene hörbar war. Man sah mehrere Figuren in altmodisch jüdischer Tracht sich auf der Bühne bewegen, und aus den Bewegungen war zu schließen, daß sie etwas sprachen oder sangen. Das wilde Schreien, Pfeifen und Stampfen mit den Füßen hielt unablässig gegen sieben Minuten au, bis der Vorhang fiel. Dann trat im Saale verhältnißmäßige Ruhe ein. Man glaubte, daß die Vorstellung nicht mehr fortgesetzt werden würde. Plötzlich ging der Vorhang wieder auf, und dieselben Figuren erneuerten ihre Pantomimen; das Publikum erneuerte seinerseits die Katzenmusik. Auf die Szene wurden Aepfel, Eier, Gummischuhe und andere verschiedenen Zweigen der vaterländischen Industrie augehörende Gegenstände geschleudert. Volle fünf Minuten dauerte der im Programm nicht vorgesehene „Niederschlag auf der Szene" an. Endlich wurde der Vorhang hastig herabgelassen. Die übliche Tafel „Entreakt" wurde ausgehängt. Das Publikum wartete in den Zuschauerräumen. Da erschien der Regisseur KarpowaufderAvantszene und richtete an das Publikum folgende Worte: „Meine Herren! Ich ersuche Sie. die Piece bis zu Ende anzuhöreu und erst dann Ihr Urtheil zu füllen." Ein neuer Ausbruch von Lärm, Miauen und Pfeifen folgte aus diese Worte. „Hinaus Karpow!" hörte man ungestüm schreien. Die Akteure ließen nicht nach. Zum dritten Male wurde der Vorhang ausgezogen. Da erneuerte sich der „Niederschlag" diesmal mit furchtbarer Wucht. Ein dichter Regen von faulen Aepfeln prasselte auf die Szene herunter. Einer der „Muthigen" von der Bühne, der Akteur Sewersky, erschien in der Mitte der Szene, wies mit der Rechten auf das lärmende Publikum und schlug sich dann dreimal auf die (eherne) Stirn, womit er sagen wollte, daß die Leute da oben nicht ganz bei Sinnen sind. Er wurde sofort für seine schmeichelhafte Aeußerung tüchtig belohnt. Gerade auf dieselbe Stelle an der Stirn, wo er mit dem Finger zeigte, fiel ein von