Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 52 (28.12.1900)
- Date
- 1900-12-28
- Page
- Seite 616 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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810 Schulen und versichern mir, wenn sie mich besuchen, daß sie nur den mohamedanischen Namen tragen, im Innern ihres Herzens gute Juden sind. Seit meiner Ankunft hat sich die Lage der Juden insofern verbessert, als sie nicht mehr von den Subalternbeamten geplagt werden. Uebrigens giebt es hier auch eine gewisse Anzahl von Israeliten, zumeist Aerzte, die sich schämen, sich als Juden zu bekennen. Doch seit der Gründung unserer Schulen, seitdem die jüdischen Kinder eine bessere Erziehung erhalten, hat das nachgelassen, und auch sie schicken ihre Kinder in unsere Schulen. Sie werden sich gewiß freuen, zu erfahren, daß so Ihre Schulen indirekt dazu beitragen, eine große Anzahl von Juden, die sonst in dem Namen „Juden" ein Unglück sahen, dem Judenthnm zu erhalten." * Ueber die Juden in Kanada hat Mr. A. Lazarus, Rabbiner der jüdischen Gemeinde zu Toronto, in einem vor Kurzem erschienenen Sammelwerk über Kanada einen Artikel veröffentlicht, dem wir nachstehende interessante Daten entnehmen: Die ersten jüdischen Einwanderer kamen schon sehr frühzeitig aus Frankreich und England nach Kanada herüber, so daß schon unter den ersten europäischen Allsiedlern zahlreiche jüdische Namen figurireu. In den großen Kriegen, welche später zwischen Frankreich und England lim den Besitz von Kanada gesührt wurden, haben auf beiden Seiten auch Juden in erheblicher Anzahl gesochtell. Einer dieser Kämpfer. Nanlens Aaron Hart, war Oberst im englischen Dienste und wurde liach Beendigung des Krieges wegen großer Tapferkeit vor dem Feinde zum Baronet erhoben. Dessen Neffe, Henry Joseph Hart, war der erste Schiffsrheder Kanadas, der mit eigenen, zum ersten Male in Kanada selbst erbauten Schiffen die Produkte des Landes nach Ellgland herüberbrachte. Der Sohn des Baronet Aaron wurde 1807 zunl Mitglied des kanadischen Unterhauses gewählt. Da er sich jedoch weigerte, den christliche!, Eid zu leisten und die Verfassung nach dem jüdischen Ritus beschwor, setzten es seine Gegner durch, daß seine Wahl kassirt wurde. Aber Mr. Heskiel Hart wurde von seiner, Wählern zum zweiten Male ins Unterhaus geschickt. Die Opposition brachte nun einen Gesetzentwurf ein, durch welchen den Juderl das passive Wahlrecht abgesprochen wird. Der Entwurf wurde auch in den beider, ersten Lesungen angenommen, da löste die Regierung das Parlament auf. Der Konflikt wurde erst 1831 und zwar zu Gunsten der Juden entschieden. In, Jahre 1768 wurde in Montreal von portugiesischen Juden die erste jüdische Gemeinde gegründet. Acht Jahre später wurde daselbst die erste jüdische Synagoge von Kanada errichtet. 70 Jahre darauf wurde in Montreal von deutschen Juden eine zweite Synagoge erbaut, zu der 1896 ein Tempel mit Orgel hinzukam. Die Zahl der Juden in Kanada, durch Auswanderer aus Deutschland und Rußland erheblich verstärkt, betrug 1891 über 6000 und dürfte gegenwärtig ca. 10 000 erreicht haben. Der größere Theil von ihnen lebt in Montreal, eine weitere jüdische Gemeinde besteht seit 1830 in Toronto und eine dritte seit 1850 in Halifax. Außerdenl existiren kleinere jüdische Gemeinden in Ottawe, Quebeck. Kingstone, Viktoria und anderen Städten. Gin Beitrag zur Fandwirthschaftsfrage. Von I. Jacob, Simultanschullehrer in Lvslcm. ^»'ngeregt durch den Artikel „Für die Landwirthschast" in Nummer 43 der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" und in der Voraussetzung, daß die Lösung der vorliegenden Frage in weitesten Kreisen Gegenstand der Erörterung wird, fühle ich niich veranlaßt, mein Scherflein hier beizusteuern. Lxempla trahunt! Jeder Schulmann wird den trefflichen Werth des „Beispiels" aus eigener Erfahrung kennen und schätzen. Warum sollte dieses treffliche Erziehungsmittel nicht auch für die Verbreitung der Landwirthschast unter den Juden Anwendung finden? Freilich mangelt es auch da nicht an Beispielen. Ist doch Ahlem Erziehungsstätte für jüdische Berufsgärtner geworden. und sollen in der That schon tüchtige Gärtner aus diesem Institut hervorgegangen sein. Es ist auch nicht zu leugnen, daß durch Vereine und Vorträge schon viel für diese Frage der Zeit gethan worden ist, und ist einer solchen Thätigkeit der beste Erfolg zu wünschen. Aber diese Beispiele stehen der Eesammtheit der deutschen Judenschaft noch ziemlich fern, sind noch so vereinzelt, daß sie in gar vielen Gemeinden noch nicht bekannt sind, geschweige denn daß sie irgend welchen größeren Einfluß ausüben könnten. Wenn aber Beispiele bis in die entlegensten jüdischen Gemeinden ihre Wirksamkeit tragen sollen, so müssen sie auch allen sichtbar sein, müssen überall greifbare Gestalt annehmen. Darum schließe ich mich der Meinung des Verfassers des oben bezeichneten Artikels an, daß möglichst bei allen öffentlichen jüdischen Schulen Schulgärten beziehungsweise Baumschulen angelegt werden sollen. Hier kann den jüdischen Gemeinden und besonders denen, die jeglicher Neuerung apathisch oder gar mißtrauisch gegenüberstehen, gezeigt werden, daß auch der Jude in diesem Berufszweige etwas zu leisten vermag. So mancher Vater wird seine Sympathie den Bestrebungen des Lehrers zuneigen, wenn sein Söhnchen zu Hause mit Frohlocken erzählt, daß das Bäumchen, daß es mit eigener Hand gepflanzt, gut angewachsen sei, oder daß das Bäumchen, welches es selbst veredelt, schon einige schöne Triebe zeige und gedeihe. Ich spreche aus Erfahrung, wenn ich sage, daß die jüdischen Kinder sich für den Obst- und Gartenbau in eben demselben Maße interessiren ivie ihre christlichen Kameraden. So mancher jüdische Knabe war zuerst auf dem Platze, wenn ich meine Schüler zum Pflanzen, Begießen, Jäten, Okuliren und dergleichen außerhalb der Schulstunden bestellte. Mit welcher Freude, mit welchem Eifer arbeiteten sie, nachdem ihnen eine Arbeit schon gelungen war! — Es sollen ja nicht gleich eine Unmenge jüdischer Berufsgärtner ausgebildet werden, die die Gärtnereien überschwemmen und dann mit oder ohne Erfolg ihrer Anstellung harren. Ich erachte es gegenwärtig als Hauptsache, das allgemeine Interesse für die Landwirthschast zn wecken. Der so vorgebildete Jude lernt den gärtnerischen Beruf würdigen und betrachtet einen jüdischen Gärtner nicht mit mitleidigem Lächeln, wie es noch immer Vorkommen soll. Gar manchem künftigen Gelehrten werden die im Schulgarten also praktisch erworbenen Kenntnisse zu wesentlichem Vortheil gereichen. Dieser wird veranlaßt, sich später einen Privatgarten anzulegen. Jener hat vielleicht eine solche Liebe zu dieser Beschäftigung gefaßt, daß er Gärtner wird und Tüchtiges in seinem Fache leistet. Das muß allerdings den Anlagen und dem Willen eines Jeden überlassen bleiben. Genug daran, daß die Vorbedingungen zu derartigen späteren Entschließungen gegeben werden. Der geehrte Leser wird nun fragen dürfen: Sind unsere jüdischen Lehrer im Stande, einen Garten anzulegen und die Gewächse in demselben zu pflegen? Wo sollen sie sich die nöthigen gärtnerischen Kenntnisse und Fertigkeiten erwerben? —