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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-12-28 · Heft 52 (28.12.1900) · p. Seite 615

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 52 (28.12.1900)
Date
1900-12-28
Page
Seite 615 (sequence 5)
Language
German
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615 angeblichen Erfolgen ihrer Partei machen. Im Jahre 1898 wurden 35 065, bei den Nachwahlen dagegen nur 18128 Stimmen, also noch nicht einmal die Hälfte, für die antisemitischen Kandidaten abgegeben. Das giebt zu denken. $ Das französische Ministerium Waldeck-Rousseau mag geglaubt haben, mit der Einbringung und Durchsetzung der Amnestievorlage einen nothwendigen und segensreichen Schritt zu thun, der die jahrelange Erregung und Verwirrung der öffentlichen Meinung und die erbitterten Kämpfe um die Dreyfus-Angelegenheit endlich abschließe. Aber es hat doch damit auf die gellügende Reinigung der verdorbenen Atmosphäre und auf die Beseitigung eines Herdes der Korruption und Ungerechtigkeit verzichtet und den strafbaren Elementen, die an diesem Wirrsal von Verleumdung, Fälschung und Pflichtverletzung betheiligt waren, sicherlich ein Gefühl der Beruhigung und einen Antrieb zu weiterer Thätigkeit gegeben. Insofern hat auch dieses Ministeriumeine gewisse Schuld auf sich geladen, für die es vielleicht früher oder später wird büßen müssen. Es erinnert an die bewegtesten und dramatischsten Tage der „Affäre", daß aus Anlaß der gegellwärtigen Wendung noch einmal der Malm auf den Plan trat, der durch seine rücksichtslos offelle und mnthige Anklage seiner Zeit dem Feldzilge zu Gunsten der Wahrheit die Bahn geöffnet hat, und nun nochulals in einer öffentlichen Kundgebung als Ausgang seines Wirkens auf diesem Felde seine Ueberzeugung von der Verkehrtheit der Maßregeln des Kabinets und von dem denlloch bevorstehenden Siege der Gerechtigkeit ausspricht — llämlich Emile Zola, der in der „Aurore" einen Brief an der: Präsidenten Loubet veröffentlichte, in dem er mit aller Entschiedenheit gegen das Amnestiegesetz protestirt, das er ein Gesetz der Feigheit und Ohnmacht nennt. Die Drehfusaffäre wird solange nicht zur Ruhe kommen, bis nicht die Gerechtigkeit ihren Sieg erfochten haben wird. * Jll England kommt die Frage der „Fremdenbill" immer wieder aufs Tapet. So hat am 14. d. M. der Abgeordnete von Sheffield-Central, Mr. Howard Vincent, im Unterhanse die Regierung abermals anfgefordert, ein Fremdengesetz einzubringen. Vom 1. Januar 1897 bis zum 30. November 1900 hätten sich 190000 Fremde in England niedergelassen, behauptete er, von denen die größereHälfte russische Juden seien. Falls die Regierung bis zur nächsten Session kein die Einwanderung von fremden „panpers" erschwerendes Gesetz einbringt, werde er, Howard Vincent, die Einbringung eines solchen Gesetzes bei der Adreßdebatte anregen. (Gelächter bei der Opposition.) Der Staatssekretär Mr. Balfour erwiederte, daß 1. in den letzten drei Jahren keine 190 000 Fremden in England sich niedergelassen haben, vielmehr sei ein großer Theil von ihnen nach kurzem vorübergehenden Aufenthalt in England weiter gewandert, 2. daß die in England zurückgebliebenen Fremden keineswegs zu den „xmipers" gerechnet werden dürfen. Mr. Balfour hat aber vergessen hinzuzufügen, daß 3) seit drei Jahren die Zahl der armen Juden in England, speziell aber iu East-London eher in Abnahme als in Zunahme begriffen ist. Dieses beweisen die von allen Seiten einlaufenden Polizeiberichte und statistischen Erhebungen zur Genüge. * Der RitualmordprozeßDavid Blondes in Wilna, welcher seit März vorigen Jahres die jüdische Gemeinde in Athem hält, gelangt am 28. d. M. vor dem dortigen Schwurgericht zur Verhandlung. Bekanntlich wird Blondes von seinem Dienstmädchen beschuldigt, am 16. März im Verein mit einem zweiten „unbekannten Juden" einen Mordversuch gegen sie verübt zu haben, „unr ihr Blut zum Osterfest zu verwenden." Die Aussagen der Zeugen widersprechen sich derart, daß man weder weiß, zu welchen: Zweck Blondes das Attentat versucht hat, noch ob Blondes der Attentäter war, noch endlich, ob überhaupt ein Mordversuch vorliegt. Da die dem Polnischen Dienstmädchen hergebrachter: Verletzungen ganz minilnaler Natur waren, so ist es sehr wahrscheinlich, daß es sich um einen nächtlicher: Streit zwischen einen: Liebespaare handelte, dessen Folgen von dem rachsüchtiger: und von den Antisemiten gut abgerichteten Dienstmädchen zu einer großen Affäre aufgebauscht worden ist. Leider ist aber das Wort „Ritnalmord" ir: die Masse gefallen, und die Erfahrungen in Polna wie in Könitz haben gelehrt, wie sehr dieses ominöse Wort geeignet ist, die Gemüther zu verwirren und Polizei und Gerichte auf eine falsche Fährte zu lenken. Es muß daher jetzt schon mit aller Entschiedenheit darauf hingewieser: werderr, daß die bisherige Untersuchung auch nicht den geringsten Anhalt dafür aufzubringen vermocht hat, daß arrdere als persönliche Motive dem Attentat zu Grunde gelegen haben. * Durch nachstehenden Brief, den der Direktor der Allianceschule in Hamadan an das Centralkomitee gesandt, erfährt man Näheres über die Lage der Juden in Persien: Die Lage unserer Glaubensgenossen in Hamadan ist merklich verbessert worden seit 1—2 Jahren. Sie können in allen Quartieren wohnen, die Stadt verlassen, um sich in die umliegenden Dörfer zu begeben, wo sie ihre Angelegenheiten unbehindert erledigen können. Noch mehr, sie hängen nicht mehr von der Willkür der Verwaltungen ab, während es noch nicht lange her ist, daß es genügte, wenn man erklärte, man habe gehört, daß die Juden sich über die mohamedanische Religion abfällig geäußert hätten, um alsdann die Gemeinde zu einer Geldstrafe von mehreren 1000 Francs zu verurtheilen. Fast alle Verfolgungen, die vor: den Monchteheds gegen die Inden organisirt wurden, fiiib durch ähnliche Verleumdungen hervorgerusen worden. Die Verfolgungen waren am traurigsten im Jahre 1893. Nach einigen ruhiger: Jahren war ihre ökonomische Lage hinlänglich gut; sie richteten sich ein in ihren Karawansereien und erwarben sich eine kleine Heerde. Dieser relativ glückliche Zustand liest nun die Eifersucht der Muselmanen nicht ausbleiben. Eines Tages eilen 1200 Personen durch die Stadt, indem sie ausrufen: Ja ali, Ja ali! Sie begaben sich zu Said Abdullah und beschworen ihn, den Krieg gegen die Ungläubigen zu unternehmen. Der Schrecken bemächtigte sich unserer Glaubensgenossen. 50 von ihnen, und zwar die einflußreichsten, begaben sich zum Telegrapheubüreau. um Mouchri el Dorvelt von den: geplanten Angriff ans sie zu benachrichtigen. Man belagerte sie und führte sie daraus mit Gewalt zum Mouchtehed, wo sie sich gezwungen sahen, sich sofort zu bekehre!:. Man rasirte ihnen den Kopf, man führte sie ins Bad, um sie zu reinigen, von da in die Moschee, wo man sie im muselmanischen Katechismus unterrichtete. Des Rabbiners bemächtigte man sich auch, und die Gemeinde mußte sich verpflichten, ein rothes Abzeichen auf der Brust zu tragen. Heute zum ersten Male trugen alle Mitglieder der jüdischen Gemeinde von Hamadan dies erniedrigende Zeichen, das sie von den Muselmanen unterscheidet, und das sie innner noch tragen müssen. Von diesen mit Gewalt Bekehrten begaben sich mehrere nach Teheran und Bagdad, wo sie ihren früheren Glauben wieder bekannten. Die Anderen leben hier noch in verzweifelter Lage: im Geschäft sind sie Mnselnranen und zu Hause Juden. Frauen und Kinder gehen zum israelitischen Tempel, werden aus dem jüdischen Friedhof begraben, besuchen unsere

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