Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 52 (28.12.1900)
- Date
- 1900-12-28
- Page
- Seite 614 (sequence 4)
- Language
- German
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614 tischen Bewegung in der französischen Armee beleuchteten. Andererseits hat noch in den letzten Tagen die Kammerdebatte über die Amnestievorlage der Regierung gezeigt, daß sich die Gemüther doch zu beruhigen beginnen und daß der Kampf des unglücklichen Exkapitäns Alfred Drehfus um sein gutes Recht noch keineswegs aufgegeben sei. Auch in Algier scheinen seit dem Gonverneurswechsel bessere Verhältnisse zu herrschen. Der Antrag der Kommission in der französischen Kammer, das Eremieuxsche Edikt aufziiheben, hat keine begründete Aussicht auf Annahme. Wenig oder nichts ist diesmal aus England, in dessen Hauptstadt der vierte Zionistenkongreß stattgefunden, ans Italien, wo die Juden au dem Schicksal der geliebten Königsfamilie den innigsten Antheil genommen, und selbst ausR n ß l a n d zu melden. Nur die Nachrichten über die Hungersnoth in Bessarabien haben die Anfinerksanikeit eine Zeit lang auf das Zarenreich gelenkt. Sonst verlautete nur wenig von neuen Bedrückungen und Gesetzen — und das ist für die Judeir dieses Landes unter den gegenwärtigen Verhältnissen immer schon ein großer und nicht zu unterschätzender Gewinn. Dagegen hat das schöne Rumänien, das klassische Land des Judenhasses, wieder einmal die Aufmerksamkeit der ganzen Kulturwelt auf sich gezogen. Die Bedrückungen und Verfolgungen nahmen dort einen solchen Umfang an, daß im Frühjahr ein großer Exodus jüdischer Familien erfolgte, der die Theilnahme aller Menschenfreunde in hohem Grade gefunden hat. Das unliebsame Aufsehen, das diese Masfenansivanderung erregte, zwang die leitenden Kreise zum Rückzug. Ein neues Ministerium trat mit dem Programm auf, auch den jüdischen Rumänen gerecht zu werden. Allein bisher ist von den Versprechungen, die sich an die Aera Earp knüpften, so gut wie nichts in Erfüllung gegangen. Die nächsten Monate werden in jedem Falle nach der einen oder anderen Richtung hin die Entscheidung bringen. Von den außereuropäischen Ländern ist nur wenig zu berichten. In Marokko ist die Lage der Juden immer noch sehr traurig, in Persien sehr unsicher. Für die jüdischen Kolonien in Palästina scheint durch die Uebernahme derselben seitens der Jewisli Colonisation Association eine günstige Wendung eingetreten zu sein, zumal seit der Beschluß der Palüstinavereine gefaßt wurde, auch die Industrie in das heilige Land einzuführen. In Transvaal haben die Inden an der Seite der Buren, die ihnen doch eigentlich nur wenig freundlich entgegengekommen waren, auf allen Schlachtfeldern tapfer gekämpft. Und ebenso haben in China zahlreiche jüdische Freiwillige an der großen Expedition sich betheiligt, welche zugleich von Neuem die Aufmerksamkeit auf die Lage der Juden im großen Reich der Mitte gelenkt hat. Wir glauben, schon in dieser flüchtigen Umschau den Nachweis erbracht zu haben, daß das Jahr 1900 gerade kein „Jahr des Heils" für uns war. In den inneren Verhältnissen des Judenthums sind keine wichtigen Aenderungen vorgefallen. Als eine erfreuliche Erscheinung darf es zum Schluß wohl angesehen werden, daß der Zug nach Konsolidiruug, nach Zusammenfassung aller Kräfte zu gemeinsamer Arbeit auch in diesem Jahre weitere Fortschritte gemacht, und daß ferner der große Zug israelitischer Wohlthätigkeit auch diesmal bei verschiedenen Anlässen sich in althergebrachter Weise bewährt hat. Möge mit der Kräftigung der inneren auch die Besserung der äußeren Verhältnisse gleichen Schritt halten und das kommende Jahr unS endlich die Ruhe und den Frieden bringen, den wir nun schon so lauge ersehnen und dessen wir so sehr bedürfen, um unsere religiösen Angelegenheiten zu gedeihlicher Entwickelung zu führen! Are Woche. Berlin, 27. Dezember. <*($ alter Sitte schließen wir am Ende des bürgerlichen Jahres auch die Verlustliste unserer Tobten ab, kzs3* die in diesem Zeiträume uns entrissen wurden. Es ist wieder eine stattliche Reihe von Männern, die auf religiösem wie ans lvissenschaftlichem Gebiete und in allen bürgerlichen Bernsen Tüchtiges, ja Hervorragendes geleistet haben. Wir beginnen den Reigen mit den Führern und Lehrern Israels, die wir der Reihenfolge nach, wie sie der Tod aus unserem Kreise gerissen, hier aufführen: Dr. Engelbert-St. Gallen, Chain, - Znin, S. Hurwitz - Leipzig, Dr. M. Stern - Berlin, S. I. Halberstam-Bielitz, Dr. Mendel Hirsch-Frankfurt a. M., Jsaac M. Wise-Cincinatti, L. Simmons-Manchester, Dr. Goldberg-Altofen, Dr. Rosenstein-Graudenz, Dr. Singer-Koblenz, Dr. Samter- Grünberg, Dr. M. Kirschstein-Berlin, Raphael Cohn-Berlin, Louis Kalischer-Thorn. Es folgen die Vertreter des Rechts: Justizrath Beufeh-Hannover, Landgerichtsrath Eismann - Bayreuth, Justizrath Tiktin - Berlin, Rechtsanwalt May-Hamburg, Justizrath Rau-München, Rechtsanwalt Gurewitsch-Moskau. Von hervorragenden Aerzten sind zu nennen: Professor Eruber-Wie», Geheimer Sanitätsrath Kristeller-Berliu, Geheimer Sanitütsrath Marcuse-Verlin, Sanitätsrath Lewandowsky-Verlin, Professor Born-Breslau. Von anderweitig hervorragenden Männern: Der Präfekt E. Hendls-Bordeaux, Baron Cohn-Dessau, Kommerzienrath Ephraim-Görlitz, Professor Löw-Potsdam, Magistratsrath Reichenberger-München, Israel Poznansky-Lodz, Sir Charles Oppenheimer-Frankfurt a. M., I. Feis-London, Abraham Ruß, David Hirfchfeld, Wilhelm Goldschmidt, Bernhard Croner-Berlin, Sal. Kauffmann-Breslau, A. Goldschmidt-Hamburg, Oberkantor Rosen- Haupt-Nürnberg, Schachmeister W. Steinitz-Newyork, Dr. Moritz Gumbinner-Berlin, Dr. Ferdinand Falkson-Königsberg, Ingenieur Berenstein-Petersbnrg, Dr. Ludwig Jacobowski-Berlin, Hugo Rheiuhvld-Berlin, I. Lewitan-Moskau, I. Ruffel-London, Ferdinand Groß-Wien. Von edlen Frauen, die durch ihr humanitäres Wirken sich auszeichneteu, feien hier nur zwei aufgeführt: Frau Dr. Emilie Maybaum-Berlin, Miß Emilie Harris-London. Das Andenken der Frommen und Edlen wird ein gesegnetes bleiben für alle Zeit! * Vielleicht ist es von guter Vorbedeutung für die kommenden Tage, daß gerade jetzt am Jahresschluß die amtliche Statistik der in der Periode von 1898 bis zum 1. Oktober d. I. vollzogenen 30 Ersatzwahlen für den Reichstag erschienen ist. Dieselbe bringt auch eine Zusammenstellung der Stimmenziffer, die in den betreffenden Kreisen bei den allgemeinen Wahlen im Jahre 1898 und jetzt bei den Neuwahlen für die verschiedenen Parteien abgegeben wurden. Dabei ergiebt sich ein starker Rückgang der antisemitischen Stimmen, der besonders bemerkenswerth ist, weil er in so argem Widerspruch zu dem Lärm steht, den die antisemitischen Blätter von den