Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 52 (28.12.1900)
- Date
- 1900-12-28
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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64. Jahrgang. Nr. 52. K-rUn, 28. Bmmbtx 1900. eitung des Audenthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner Dr L'udiviy PHMppson-Bonn. Verlags-Expedition: Gerlin, Jerusalemerstr. 48/49. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Redakteur: Gustav Karpeles. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums-, Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. <3nt)ält. Leitartikel r Rückblick. — Die Woche. — Ein Beitrag zur Landwirthschaftsfrage. Von I. Jacob. — Zur Pensions- und Neliktenkasse für Rabbiner. — Brief aus St. Petersburg. Bon A. Mirsky. — Blätter aus dem Nachlasse von Prof. Dr. H. Steinthal. — Jena, „die Iudenstadt"? Von Pros. Dr. Ludwig Geiger. — AiettMeton: Kronele. VI. Eine Erzählung von Alexander Weill. — Litterarische Mittheilrmgen. Der Geweindedote. Korrespondenzen und Nachrichten r Berlin, Stettin, Grünberg i. Schl., Waldenburg i. Schl., Dessau, Bad Homburg, Bad Nauheim, Wien. — Bon Nah und fömt. Rückblick. Berlin, 26. Dezember. fas bürgerliche Jahr neigt seinem Ende zu, und wieder wollen wir in gewohnter Weise es versuchen, die Ereignisse desselben, soweit sie Juden und Judenthum betreffen, unter einem einheitlichen Gesichtspunkte zusammenznfassen. Da wird denn gleich auf den ersten Blick ersichtlich, daß das ablaufende Jahr eines der trübsten in der nun schon recht langen Reihe von Jahre»: seit Beginn der antisemitischen Beivegnng gewesen ist. Die Blutlüge hat ihren Eingang auch in Preußen gefunden, und der Name Konitz ist das Stigina des Jahres. Daneben verblassen alle anderen Ereignisse. Aber »vas »vir seit März dieses Jahres erlebt und ertragen: die ganze Berleuindungsaera, die Unruhen in jener Gegend, die Prozesse Jsraelski, Jacoby, Maßloff u. s. >v., das gehört in die Leidensgeschichte unseres Stainines, das lehrt uns von Neuem die alte Wahrheit, daß es nichts Neues nnter der Sonne giebt, daß Alles sich n»ir i»i» Leben »viederholt, und daß »vir ans die Güter unserer Civilisation und Bildung nicht allz»»viel Grund haben, stolz zu sein oder gar »nitleidig ans die frühererüZeiten herabzublicken, die sich dieser hohen Güter noch nicht rühmen durften. Daneben hat das Jahr in Preußen wie in Deutschland uns aber auch noch ein vollgcrütteltes Maß von unangenehmen Erfahrungen und bitteren Küinmernissen gebracht. Die Verhandlungen im hessischen Landtage, die mit seltener Klarheit die Art und Weise beleuchteten, durch welche Verfassungsbestimmungen außer Kraft gesetzt werden, sobald es sich nn» Juden handelt, die Fleischbesudelungsprozesse in Bayern, der Erlaß über die Namensänderungei» in Preußen, das Auftreten des Grafen Pückler und das Verhalten der Gerichte gegenüber den unerhörten Angriffen desselbe»» auf die Juden, die versuchte und, »vie es scheint, noch iininer nicht ansgegebene konservative Interpellation über jüdische Geheimschriften, die Eidesver- »veigerungen vor jüdischen Richtern und endlich die Heldenthaten der antiseinitischen Boxer in Westpreußen und Posen — das sind die einzelnen Etappe»» unseres Leidensweges im erste»» Jahre des zivanzigsten Jahrhunderts. Und die Aussichten für das zweite Jahr sind leider nicht günstiger. Trotz des Bruderzivistes und der Spaltung im a»»tisemitischen Lager, trotz der Kämpfe zrvischen Antisemiten, Konservativen und Agrariern sind doch alle diese Parteien von seltener Einmüthigkeit, sobald es gegen die Jude»» geht. Der Initiativantrag »vegen Verbots der Eiinoanderung ausländischer Juden, der schon in einer der ersten Sitzungen des Reichstages eingebracht wurde, ist ein beredtes Zeugniß für diese Thatsache, »ven»» es eines solchen überhaupt noch bedurft hätte. Demgegenüber ist in diesem Jahre von ersrenlichen Erscheinungen nur »venig zu berichten. Man darf es aber liicht unterlassen, auch jeden einzelnen Lichtblick ii» dem Gesammtbilde hervorzuheben. Solche Lichtblicke »varen nnziveifelhaft die verschiedenen Erlasse über den jüdische»» Religionsunterricht, die die Fürsorge der Regier»»ng für diesen Gegenstand in erfreulicher Weise an den Tag legten, ferner die energische»» Maßregeln der Justizbehörden in der Konitzer Prozeßsache »ind bei den Unruhen in jener Gegend, die sonst leicht größere Dimensionen hätten annehrnen können, und endlich vielleicht auch der Toleranzantrag des Centruins, obwohl derselbe nur »venig Aussicht auf Annahii»e hat. Wie Preußen sei»» Konitz, so hat Oesterreich sein Polna gehabt. Hier wie dort hat die Blutlüge ihre Verheerungen angerichtet. Freilich waltetzwischen beiden Prozessen noch ein hiinineltveiter Unterschied ob, der nicht erst erörtert z»» »verden braucht; aber das Motiv ist doch hier wie dort das gleiche. Die inneren Z»vistigkeiten, die den große»» Kaiserstaat nun scho»» seit Jahren dnrchtoben, haben ihre schlinune Wirkling auch auf die jüdischen Verhältnisse in Böhmen und Mähren einerseits, in Galizien andererseits ausgeübt. Im letzteren Lande hat außerdem die Katastrophe von Boryslaiv die große materielle Noth, der Fall Araten aber das nicht geringe geistige Elend der jüdischen Bevölkerung »veilen Kreisen bekannt gegeben. Die Regierung scheint allen diesen Verhältnissen gegenüber inachtlos, da sie zivischen den Parteien hin und her lavirt und keine vor den Kopf stoßen »vill. Nur Ungarn ist in seiner Ablehnung aller antisemitischen Belleitäten auch in diesem Jahre konsequent geblieben. Ziemlich ruhig ist das Jahr 1900 in Frankreich verlausen. Der Waffeiistillstaild der Welta»»sstellu»»gszeit wurde von allen Parteien innegehalten, und erst nach Schluß derselben traten einige Ereignisse ein, wie der Fall Coblentz u. a. die in greller Weise das Umsichgreifei» der antisemi-