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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-12-21 · Heft 51 (21.12.1900) · p. Seite 612

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 51 (21.12.1900)
Date
1900-12-21
Page
Seite 612 (sequence 14)
Language
German
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612 Elias kam mit Herrn gleich und befielt Sohn von der Synagoge nach Hause. Er hatte alle Blicke und Salamaleke (Grüße) der Dorfbewohner, die Einen seine Herren, die Anderen seine zukünftigen Schüler, ausgehalten und begann, sowie er in die Stube trat, den Freitagsabendgesang — einen Gruß an die Engel, die den Sabbath einweihen — als Kronele und Heva ebenfalls in die hellerleuchtete Sabbathsstube traten tind geneigten Hauptes sich ihren Eltern näherten, um von ihnen nach dem orthodoxen Brauch den Segen zu empfangen. Heva trug ihr schottisches Kleid mit hellen Farben; ihr schönes schwarzes Haar fiel in zwei langen Flechten bis auf die Schultern, und um sich einsegnen zu lassen, hatte sie ein gesticktes Taschentuch auf ihr Haupt gelegt, denn die Juden segnen ihre Kinder nicht barhaupt ein. Kronele hatte wie ein Kind, ihr Haar in einem Netze gesammelt, das ihr bis auf den Nacken fiel. Sie trug ein blaues Kleid von Merino; der Rock war ihr ein wenig zu kurz geworden, so daß man ihr kleines Füßchen sah, das sich mit weißen Strümpfen in einem einfachen Pantoffelschuh verbarg. Als Elias Kronele sich ihrer Mutter nähern sah, um ihren Segen zu erhalten, erschien sie ihm wie eine überirdische Gestalt. Von allen Frauengestalten der Bibel, die in seiner Phantasie lebten, hatte keine diesen göttlichen Strahl, der ein Ausfluß der lebendigen und von einem heiligen Feuer erglimmenden Seele ist. Es schwindelte ihm; er erblaßte, schloß die Augen und mußte sich auf einen Stuhl stützen, um nicht ohninächtig niederzusinken, während die Mutter ans Hebräisch sagte: „Gott segne Dich, rnein Kind" — und sie legte ihre Hand auf das Haupt Kroneles —, „sowie er Sarah, Rebekka und Rahel segnete!" „Amen!" erwiderte Krönele. „Und möge der Gott Israels," fügte sie auf Deutsch hinzu, „meinen lieben Eltern Tage des Glücks und der Seligkeit bescheren!" Heva antwortete nur mit einein leisen Amen. Elias hütete sich wohl, Jemanden seinen Jrrthum, Kronele für ein Waisenkind gehalten zu haben, mitzutheileu. Von dieser Stunde an wagte er es nicht ntehr, Kronele ins Gesicht zu schauen, und am Sonnabend schon strich er seine Betrachtung aus seinem Tagebuche und schrieb auf Hebräisch folgenden Vers Davids darunter: „Was ist der Mensch, o Gott, daß du seiner gedenkst? Und was der Erdensohn, daß du^ sein Dasein ahnest?" Und gleich darauf den Spruch Hillels: „Auch dies nnrd zuin Guten sein." * -i- Die Selbstentsagung Elias war ebenso ernst und so rasch als der Entschlnß. Kronele zu heirathen, da er sie noch für eine Waise Hielt. Im Elsaß sind bei den Bauern sowohl als bei den Dorsjuden die sozialen Grenzlinien schroffer und werden weit seltener übersprungen als in den Städten Deutschlands und Frankreichs. Frau Reich bildete sich sicherlich mehr ans ihre Stellung und ihren Reichthum ein als eine Herzogin, und dieselbe Herzogin, hätte eher als Iran Reich ihre Einwilligung zu der Heirath ihrer Tochter mit einem Schullehrer gegeben. Bei den orthodoxen Juden — denn die anderen haben mit den Christen dieselben Tugenden und Fehler gemein — übertrifft nur ein Adel alle anderen Vorzüge des gesellschaftlichen Lebens. Es ist der Adel der talmudischen Gelehrsamkeit, der mit einer strengeit Frömmigkeit verbunden ist. Wäre Elias ein Rabbiner gewesen, er Hütte, obschon eines Bettlers.Sohn, sein Auge auf das schönste und reichste Mädchen richten können. Nicht etwa, daß er geradezu wählen durfte, aber kein frommer Jude würde ihn des Hochmuths und Selbstüberschätzung angeklagt haben. Solche Heirathen waren immer der Stolz, nicht etwa des Rabbi, so arm er war, sondern seiner Schwiegereltern, die sich in dieser Wahl ein Stück Himmel zu kaufen wähnten und in jedem Falle wenigstens das Glück ihres Kindes sicherten, da ein ivahrhaft frommer Talmudist schon seines Glaubens wegen ein vortrefflicher Ehemann zu sein pflegt. Elias aber war nur ein Schullehrer, und obschon er kein Gesetz des Talmud übertrat, so galt er doch wegen seiner profanen Gelehrsamkeit für einen versteckten Freigeist und konnte keine Ansprüche auf eine reiche, fromme Heirath erheben. Elias wußte dies wohl, und in seinem Innern hatte er mehr als einmal diese Borurtheile beklagt. Schon in dem Dorfe, das er vor noch nicht langer Zeit verlassen hatte, erklärte man ihm förmlich den Krieg wegen seiner Guitarre, und als das Gerücht sich verbreitete, die Tochter eines reichen frommen Juden wäre blind für seine Häßlichkeit und nicht ganz taub für seine schöne Stimme, so riechen mehrere orthodoxe Freunde dem Vater des Mädchens, sie durch den Baal Haschem (Mann Gottes) beschwören zu lassen und klagten den jungen Schulmeister förmlich der Zauberei an. Die Klage wurde erstickt, theils durch die Neckereien einiger gebildeteren Juden, zumeist aber durch die Krankheit des Schulmeisters, der froh war, unter solchem Vorwand dies Dorf verlassen zu könneit. Wäre Elias nicht von so zarter Gesundheit gewesen ttttb hätte er weniger liebend an seiner alten Mutter gehangen, deren einziger Trost und letzte Stütze er war, längst schon hätte er das Elsaß gegen das Innere Frankreichs vertauscht gehabt. Jedoch gab er nie diese heimliche Hoffnung auf und oft hatte er schon von seinen Vorgesetzten das Versprechen erhalten, an einer Stadtschule angestellt zu werden. Derweilen versah er gewissenhaft seinen Dorfschuldienst und gab den Kindern des Hauses Unterricht ohne eine persönliche Absicht und mit dem festen Entschluß, nie das Geheimniß seines Herzens zu verrathen. Nicht seine Schuld war es, wenn Heva nicht so rasche Fortschritte wie Kronele machte. Er beschäftigte sich mit der Einen so emsig tute mit der Anderen. Kronele aber hatte den halben Weg schon zurückgelegt, und statt wie Heva im Dorfe nntherzustolziren, schloß sie sich, sobald sie eine freie Stunde hatte, in die Bräutigamsstube ein, wo Seidels Bibliothek sich befand, und verschlang alles, was ihr in die Hättde fiel. Elias hatte wohl die Besuche Kroneles in seiner Bibliothek während seiner Abwesenheit in der Dorfschule bemerkt; statt sie aber zu benutzen, um Kronele zu begegnen, schloß er blos alle Bücher unter Riegel, welche die geringste Aehtilichkeit mit einem Roman hatten, und ließ aus der Kommode und auf dem Tische eine Bibel, die „Geschichte der Juden" von Josephus, eine „Römische Geschichte" in französischer Sprache und einett Band „Naturstudien" von Bernardin de St.-Pierre. Heva, die in der Geschichte, Sprache und Religion zurück war, übertraf ihre Schwester in der Musik und im Gesattg. Besonders sang sie das Geräthkammerlied — Frau Reich hatte es so genannt — wenn auch ohne Gefühl, doch mit Leichtigkeit, und sie freute sich schon im Voraus, es ihrem Bräutigam an seinem Geburtstage vorzusingen. (Forts, folgt.) Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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