Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1900)
- Date
- 1900-12-21
- Page
- Seite 611 (sequence 13)
- Language
- German
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en die Menschheit als in diesen schlichten Worten. So dachte und fühlte vor vielen Jahrhunderten eiu jüdischer Dichter, der sich zum Sprachrohr seiner Zeit machte. Auch die zehn Gebote betonen nachdrücklich die gleiche Behandlung Aller. Sowohl der Dienende als auch der Fremde sollen gleich dem Israeliten von jeglicher Arbeit am Ruhetage befreit sein. Ja, unser großer Gelehrter Hillel faßt als die Grundlehre der jüdischen Religion die allumfassende Menschenliebe auf, indem er sagt: „Was du nicht willst, daß man dir thue, das Ihn auch keinem Anderen." Alles andere sind ihm nur Nebengebote oder Ausführung jenes Hauptgebotes. Somit hat er die weitgehendste Toleranz als Grundgesetz des Judenthums gestempelt. Zur Vergleichung wollen wir nun zusehen, wie es mit der Toleranz bei anderen Völkern anssah. Von den alten Völkern können wir in unserer Betrachtung nur die Kulturvölker berücksichtigen, also neben den Aegyptern besonders die Griechen und Römer. Was die Aegypter betrifft, so weiß die Bibel von ihrer Toleranz ein gar trauriges Lied zu singen, obschon die Forscher von ihrer uralten Kultur viel zu rühmen wissen. Und die zwei gebildetsten Völker der alten Welt, die in jeder Art von Kunst und Wissenschaft mehr oder weniger Vollendetes schufen, in Bezug auf Toleranz und Menschenbehandlung hatten sie barbarische Ansichten. Ihnen galt jeder Fremde, weil er nicht in ihrem Lande geboren war, nicht ihrem Volksthum entstammte, als ein „Barbar". Als solcher aber stand er nach ihren Gesetzen rechtlos, schutzlos, vogelfrei da. Selbst Plato hatte kein Mitleid mit den Heloten und meinte, sie wären einmal zu solchem Loose geboren. Ein freier Römer behandelte wohl seine Thiere besser als seine Sklaven, die dasselbe Menschenantlitz trugen wie er. Er hatte uneingeschränkte Gewalt über Leben und Tod seiner Sklaven. Diese durften nicht einen gesetzlichen Schutz beanspruchen, Menschenrechte existirten eben für sie nicht. Nero ließ 400 Sklaven wegen des Vergehens eines Einzelnen hinschlachten. Die Gladiatoren mußten sich zum Ergötzen der Römer gegenseitig zerfleischen. Wir sehen, der Sklave war den Griechen und Römern kein Mensch. > Auch bei den neuen Kulturvölkern ist die Toleranz noch weit entfernt von der Hillel'schen. Ja, sie macht jetzt wieder bedauerliche Rückschritte. Einzelne Staaten normiren eine „Staatsreligion", und nur Bekenner derselben genießen alle bestehenden Rechte. Man schließt Diejenigen, welche sich nicht zur „Staatsreligion" bekennen, von Aemtern, Berufen und Thätigkeiteu aus, die ihrer Natur nach mit Religion oder ähnlichen Dingei: gar nichts zu thun haben. Wird es dem Pflug nicht einerlei sein, ob er von jüdischer oder christlicher Hand geführt wird? Sollte ein jüdischer Lehrer nicht gerade so gut die Kinder lehren können wie ein christlicher Lehrer, daß 2 + 2 4, daß die einst gemüthliche Hauptstadt Oesterreichs „Wien" ist? Mit wahrer Genugthuung darf es uns Israeliten erfüllen, die Behandlung der Dienenden sowohl ivie der Fremden und Andersgläubigen jener bei den Aegyptern, Griechen, Römern als auch mancher jetzigen „Kulturvölker" gegenüberstellen zu köunen. Suchen wir zunächst die Bestimmungen, die die Bibel zu ihrem Schutze ausstellt. Vor allem hatte der arme „Knecht" die Gewißheit, nach einer gewissen Zeit frei zu werden. Wen»» der Herr ihn mißhandelte, so mußte er ihn sofort frei geben. Hatte er ihn getödtet, so wurde er mit dem Tode bestraft. — Der Knecht war nicht eine Waare. ein Material. Der Ausspruch: „denn meine Diener sind sie, .... sie sollen nicht verkauft werden, wie man Knechte verkauft," bezog sich zunächst zwar aus israelitische Knechte, jedoch reichte sein Einfluß auch auf die anderen, und es galt als verdienstlich, auch diesen die Freiheit zu schenken. Namentlich gipfelt der jüdische Prophetismus in den Ideen der allgemeinen Freiheit, in der Lehre, daß alle Menschen Brüder, Kinder eines Vaters seien... „Haben wir nicht alle einen Vater? Schuf uns nicht ein Gott? Warum sollte Bruder gegen Bruder untreu sein?" In Israel gab es eine Sekte, die Essäer, welche aus ihrer Mitte die Sklaverei vollständig verbannt hatte. Bei den anderen Juden aber, die sich einen Sklaven hielten, war die Behandlung desselben keine römische, sondern eine humane besser vielleicht, wie sie bei manchen „Gebildeten" des 19. Jahrhunderts in Bezug auf ihr Dienstpersonal ist. Mit Stolz darf das Judenthum erfüllt sein, daß es einer sochen Inhumanität, einer solchen Intoleranz, wie sie sich im Mittelalter und von neuem wieder am Ende des 19. Jahrhunderts zeigen, nicht fähig sei. Wenn heute ein Parlament solche Gesetze ausstellte, wie sie die Bibel vor altersgrauer Zeit dem Volke Israel gab, wie würde man des Lobes voll sein für dieses erleuchtete Parlament! Wenn heute ein Volk solch milde Sitten gegen Andersgläubige und Fremde bethätigte wie das alte Arbeitervolk Israel, wie würden wir es bewundern! Wo ist noch ein Volk, noch ein Bekenutniß, das so der Proselhtenmacherei sernsteht als das jüdische Volk und das Judenthum? Wo ist die Religion, die den Satz aufgestellt hat: „Die Frommen aller Nationen haben Antheil an der zukünftigen Welt?" Darum, Israel, freue dich deiner Toleranz und wahre sie! EUILLETON Kronele. Eine Erzählung von Alexander Weill. V. giebt Gefühle, von denen der Mensch sich keine Rechen- M schuft geben kann und die ihn bezwingen. Diese un- (s^^willkürliche Seelenbewegung trieb den jungen Elias zu Kronele, noch ehe er Zeit hatte, ihre geistigen Eigenschaften zu schätzen. Und ihrerseits, ohne an den Schulmeister zu denken, den sie nicht anzusehen wagte, fühlte Kronele die Eitelkeit sich in ihr regen und suchte durch ihren Anzug zu gefallen. Vielleicht war dies bei ihr mehr eine Regung des Ehrgeizes als der Gefallsucht. Bis jetzt hatte sie sich nie herabgelassen, einem Dorfburschen zu gefallen. In Gegenwart eines jungen Mannes aber, dessen Gelehrsamkeit und Geschicklichkeit von allen gerühmt wurde, und der so schöne, herzvolle Lieder sang, fühlte sie so zu sagen einen Stich der Eigenliebe, und daher nahm sie sich vor, und sei es auch nur für diesen Abend, schön zu erscheinen.