Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1900)
- Date
- 1900-12-21
- Page
- Seite 610 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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610 „bei* Mensch" in Gegensatz zu „Gott" gestellt, denn heißt er Odom, „Erdensohn' ober Enoseh. ..Schwacher". Hingegen wird stets Rea oder Umith angewendet, wenn ..Mensch" und „Mensch" gegenüberstehen. Daß der „Nächste" auch der Fremdling ist, geht ans den vielen gesetzlichen Bestimmungen hervor, die ausdrücklich sich auf Einheimische wie auf die Fremdlinge beziehen. Eine kleine Auslese aus der reichen Fülle der biblischen Aussprüche und Bestimmungen wird uns zeigen, daß die Nächstenliebe als die wichtigste aller Pflichten, und dieTolerenz als wahre Frömuiigkeit angesehen wird. „Den Fremdling darfst du nicht bedrücken und bedrängen, denn ihr wäret Fremdlinge im Lande Mizraim." - „Bedränge nicht den Fremdling, denn ihr kennet ja das Gemüth eines Fremdlings. Bei der Nachernte heißt es: „Lasse sie dem Armen und Fremdling. Ich, der Ewige, euer Gott." Dieser Nachsatz ist eine eindringliche Mahnung, daß er als Vater der Armen und Fremdlinge dieses befiehlt. „Vor dem Ewigen gilt der Fremdling gleich euch." „Einerlei Gesetz und einerlei Recht sei für euch und dem Fremdling, der bei euch sich aufhält." „Hasse deinen Bruder nicht im Herzen." „Lieben sollst du deinen Nächsten wie dich selbst, ich, der Ewige." Dieser letzte Ausspruch ist zwar Gemeingut der Menschheit geworden; ob er aber auch in dem Sinne angewendet wird, wie die Bibel ihn giebt? Die Nächstenliebe ist erst dann die richtige, wenn sie den Grad der Eigenliebe — Kamocha — erreicht hat. Der Schluß dieses Verses: „Ich bin dein Gott!" weist uns wieder auf Gott hin, der seine Liebe allen Menschen erweist. Man sehe und höre nun die Führer und Prediger der inhumanen Bewegung, die unaufhörlich die „christliche Nächstenliebe" im Munde führen. In Deutschland, Oesterreich und Rußland hat sich ihre „Liebe" in Thaten geäußert, daß die davon Betroffenen zum Himmel schreien. Wer diese so vielfachen, so häufig sich wiederholenden und mit so vielem Nachdrucke beiouten Vorschriften liest, der muß doch erkennen, welch hohen Werth die Bibel darauf legt, der must einstimmen in jenes Urtheil, welches ein berühmter, nichtjüdischer Gelehrter. Ewald, hierüber fällte, daß nämlich nach diesen Vorschriften „jeder Fremde auf Schutz, Hilfe und werkthätige Liebe der heiligsten Anrechte sich zu erfreuen hatte, und > daß in diesem Punkte zwischen eigenem Volksthum und den Allgehörigen fremder Völker von irgelld welchem Unterschied gar keine Rede sein könne." Der Bibel liegt mithin der Fundamelltalsatz der vollen Gleichheit, Ebenbürtigkeit und Gleichberechtigung der Menschen zu Grullde. „Der Himmel ist der Himmel Gottes, aber die Erde gab er allen Menschenkindern." Schön wird in einer talmudischen Legende diesem biblischen Grundgedanken bildlicher Ausdruck gegeben. Als Gott den ersten Menschen erschaffen wollte, da nahm er aus allen Er dt heilen Staub und bildete daraus den Menschen, damit eben gar kein Land und kein Punkt auf der ganzen Erde sei, lvo man irgend einem Menschen entgegenhalten dürfte: Hierher gehörst du nicht, du hast an diesem Lande keinen Antheil. Diese Gleichberechtigung, diese erhebende Toleranz, die gegen die Angehörigen eines fremden Volkes so gut wie gegen die des eigenen Volkes ausgeübt wurde, stand aber nicht bloS auf dem Papier, sie war in Israel Thatsache. Gleich der Stammvater Israels, Abrahanl. giebt ein herrliches Beispiel. Er bewirthet alle Wanderer, die an seinem Hause vorübergehen. Er fragt sie nicht erst nach Herkunft und Religionsbekenntniß. Dem Malki-Zedek, einem würdigen heidnischen Priester, giebt er aus freien Stücken den Zehnten. Welch herzliches Verhältniß besteht zwischen ihm und seinem Knechte Elieser! Nicht als eine unterthänig kriechende Gestalt stellt ihn die Bibel neben Abraham, sondern als ben sorgenden Freund, gleichsam als einen zweiten Patriarchen. Wahrlich, zwischen Brüdern kann kein herzlicheres Verhältniß fein als zwischen Abraham und Elieser. Und welch einell Ehrenplatz nimmt die Amme Rebekkas in der Familie ein! Rebekka will sich nicht von ihr trennen, sie nimmt sie mit in ihre neue Häuslichkeit. Und als der Tod ihr die Augen zudrückt, wird sie in Ehren unter einer Eiche bestattet. Die Eiche nennt sie „Klageeiche". Nun führt uns die Bibel einen grellen Kontrast vor, die Unduldsamkeit der Sodomiter, den Haß derselben gegen alles Fremde und alle Fremden. Der Haß und die Unduldsamkeit ist die Sünde, die „gen Himmel schreit" und den Untergang des Volkes herbeiführt. Etwas markanteres kann nicht gegenübergestellt werden, als einerseits Abraham, der jeden Menschen liebt, für die Sünder Erbarmen erfleht, und andererseits die Sodomiter, die Lot, der die Freuiden in Schutz nimmt, mit diesem zusammen tödten wollen. Von gleichem Geist wie Abraham ist Moses erfüllt. Als er jeden Tag die Mißhandlung eines ganzen Volkes ansehen muß, das geknechtet und verachtet wird, da reißt ihn seine ausbrechende Entrüstung so weit hin, daß er einen der herzlosen Peiniger erschlägt. Wie herrlich ist sein und des Volkes Verhalten gegen Jethro, den Priester eines heidnischen Stanuues! Sein Rath wird freundlich angenommen, und er wird zum Bleiben aufgefordert. So oft Moses dem Volke das Gebot milder und meuschenfreundlicher Behandlung der Dienenden und Fremden einschärft, erinnert er sie an die Pein, die sie selber durch die Unduldsamkeit der Aegypter erlitten. Wie sehr sich diese milde Gesinnung nach und nach in Israel eingebürgert hatte, wird uns in der Erzählung voll Ruth gezeigt. Eine israelitische Mutter zieht wegen einer Hungersnoth in die Fremde, nach Moab. Die Söhne nehmen moabitische Frauen. Bald sterben die Söhne, und die Mutter kehrt zurück. Die eine der beiden Schwiegertöchter will sich nicht von ihr trennen, sie zieht mit ihr. Beide sind arm und aus die Hilfe Anderer angewiesen. Wie begegnet man nun in Israel der Moabiterin? Man gestattet ihr nicht nur des Sammeln von Aehren auf den Aeckern, mall unterstützt sie nicht nur reichlich, sie wird vielmehr als eine Verwandte betrachtet, ja! sie wird die Stammmutter des israelitischen Königshauses. Auch der Dichter des Buches Hiob, der seinen Helden als einell erhabenen, edeln, frommen Menschen zeichnen will, läßt diesen seine Gesinrmngen gegen die Mitmenschen aussprechen. „Hatte ich jemals gering geschätzt das Recht meines Knechtes und meiner Magd, wenn sie im Streite mit mir waren? Denn was thäte ich, wenn Gott sich erheben würde; wenn er zur Rechenschaft mich zöge, was wüßte ich zu erwiedern? Ist er — der Dienende — nicht ebenso von Gott erschaffen wie ich? Nicht das Kind einermenschlichen Mutter ganz so wie ich?" Wie warm berühren diese Worte unser Herz! In den hochtönenden Reden eines Marquis Posa liegt nicht mehr Liebe mld Gefühl für