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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-12-21 · Heft 51 (21.12.1900) · p. Seite 609

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 51 (21.12.1900)
Date
1900-12-21
Page
Seite 609 (sequence 11)
Language
German
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609 Sind AlLbarmherzigkeit und Güte In zarten Kelchen anfgethan. Die Demnth sieht aus niederem Moose Mit der Bescheidenheit hervor. Doch flammend wie die wilde Rose, Die Nächstenliebe steht in Flor. Und tttand) ein Christemnensch auf Erden, Der für die Judenhetze rieth. Mag innerlich geläutert werden. Wenn er den Rabbigarten sieht. Ein solcher Mann kann seinem Kinde, wenn es sich hilfesuchend all sein Herz drängt, nicht die Thür weisen. Trotzdem sie einst Vaterhaus und Vaterglauben verlassen hat, empfängt er sie mit offenen Armen: Mit Trübniß bist Du mir begegnet. Als Du vor Jahren Abschied nahmst; Die Stunde aber sei gesegnet. In der Du heute wiederkamst. Unterdessen sind auch in Worrns selbst die Ereigllisse weiter gegangen. Die Pest hat schreckliche Fortschritte wie in ganz Deutschland so auch hier gemacht, und wie im ganzen heiligen römischen Reich, so tauchten auch hier die schrecklichen Geißelbrüder auf, die sich den entblößten Nacken bis aufs Blut geißeln, um Sühnung mit Gott und Aufhören der Seuche zu erzielen. Auch Plektrude ist Geißlerill geworden, und es fällt ihr nicht schwer, die krankhaft überreizten Flagellanten, die ja auch anderweitig ihre frommen Bußübungen mit einer obligaten Judenschlacht beschlossen hatten, auf die armell Ghettobewohner zu Hetzen: Sie brauen Sud und Säfte, Die ihre Kunst ins Leben rief, Und stecken dann die bösen Kräfte Als Pestilenz ins Brunnenties .... Die Dummheit siegt. Kein Widerstehen, Die Menschheit haftet gern am Trug. Mit Kyrie und Fahne «wehen Ins Jndenviertel geht der Zug. . . . Und er, der einst in seinen Tagen Die Liebe predigte der Welt, Der wird, der Menschlichkeit zum Hohne. Mit blinder Wuth, vom Haß geschürt. Im Schmuck der groben Dornenkrone Ins Ghettolager niitgeführt. Bald lodern von einzelnen Häusern des Ghetto flackernde Flammensäulelr empor. Die Gemeinde eilt zur Synagoge und sucht sich hier unter der Führung Rabbi Joses zu vertheidigen. Auch Deborah hat sich mit ihren Kindern hierher geflüchtet. Auf der Treppe des Gotteshauses aber steht Meister Godefried und fällt mit einem kräftigen Metzgerbeil Einen um beu Andern der von Plektrude geführten Geißler, bis ihm ein Skorpion, „von schöner Hand getrieben", ein Auge ausreißt. Er fällt, und jammernd stürzen sich seine Kinder über ihn, während sich Deborahs heiße Lippen auf den vielgeliebten Mund pressen. Nun fängt auch die Synagoge Feuer, und bald stürzt sie ein und begräbt „Alles, was Oden: hat im Haus des Herrn", unter ihren Trümmern. Tod und Berwüstullg herrschen nun im Judenlager. Die Geißler aber wälzen sich durch die Thore dem goldenen Mainz 51t. Allmälig schwindet die Pest, und tiefgeschlagene Wunden beginnen sich zu schließen. Meister Godefried lebt, wenn auch erblindet, au der Seite seiner geliebten, schwergeprüften Deborah, ein stiller, aber zufriedener Manu. Wir haben den Dichter etwas ausführlich zu Wort kommen lassen, um nuferen Lesern eine Vorstellung von dem Adel der Gesinnung und der Schönheit der Form, die das Werk aus-- zeichnen, zu geben. Wir schließen mit de:u Wunsche, den^einst Lauff seiner Gedichtsammlung mit auf den Weg gegeben: „Lauf ins Land!" Die Toleranz in der Bibel. Von Lehrer I. Nusjbeniui. s ist bekannt, daß auch die Bibel von unseren Gegnern zum Ziele des Angriffs gemacht worden, indem man ihr Intoleranz andichtete. Wir wollen also die Bibel fragen, was Toleranz ist, wie weit diese sich erstreckt, und wie sie ausgeübt werden soll. Toleranz und Intoleranz zeigt sich in den Beziehungen der Menschen zu einander. Sie ist Dnld- und Unduldsamkeit in Bezug auf andere Ansichten, anderes Wesen und anderen Glauben. Wenn solche Gegensätze schon in ein und derselben Partei, ein und demselben Volke Vorhände»: sind, so werden sie sich gegenüber anderen Parteien und anderen Völkern, gegenüber „den Fremden", erst recht zeigen. Welche Stellung nimmt null die Bibel in Bezug auf diese „Fremden" ein? Zu dem Schönsten und Erhabensten in unserem biblischen Schristthum gehören die Vorschriften über die Pflichten gegen die Fremden. Mit Ehrsurcht und Bewunderung betrachten wir den Geist höchster Milde und freundlicher Liebe, der sich in diesen Vorschriften zeigt. „Da wehet Gottes Odem so frisch in die Brust." Es ist zunächst festzustellen, daß die Thora überhaupt kein Synonym, keinen erschöpfenden Ausdruck für den Begriff „Sklave" hat. Die Ausdrücke: 8or, „Fremder", Noehri, „Ausländer", Ben Nechor, „Sohn der Fremde", 6er, „Fremdling", Toscliab, „Beisasse" und Ebed, „Arbeiter" decken sich durchaus nicht mit dem Begriff „Sklave". 8or, „Fremder", wurde ja der Israelit selbst gegenüber den Leviten und Priestern in Bezug auf den Tenipeldienst genannt. Der Ben iVechor, „der Sohn der Fremde" ist auch ein Sohn, ein Gotteskind, ein Ebenbild des Herrn, nur eben ein nicht zum Staate Gehöriger. 6er ist abgeleitet von gui' „wohnen". 6er ist ein Fremder, der sich im Lande aufhält. Die Bibel nennt alle Menschen 6erim, „Fremdlinge", »veil wir nur kurze Zeit ans der Erde weilen, die nicht unsere stetige Heimath ist. Toscliab - Beisasse hieß Derjenige, der sich vollständig in Israel niederließ. Ebed ist gleichfalls kein Sklave, sondern nur ein Arbeiter. Die Arbeit ist nach biblischem Standpunkt jedoch nichts Entehrendes, gilt doch für alle Menschen das Gebot: „Im Schweiße deines Antlitzes sollst du dein Brod genießen." Schon aus diesen Benennungen geht hervor, daß die Thora in allen Menschen das göttliche Ebenbild sieht, und daß sie in ihrer Menschenwürdignng keinen Unterschied kennt. Für das Entwürdigende des Begriffes „Sklave" hat sie keinen Ausdruck. Es widerstrebt ihr, für ein Ebenbild Gottes einen entehrenden Ausdruck zu gebrauche». Sehen wir uns nun die Bezeichnung an, die die Bibel für den Begriff „Nebenmensch" hat. Bea oder Umith nennt sie ihn. Die Grundbedeutung von Bea ist: „verbunden sein", „nahe stehen" und von Umitli, das von uniu abgeleitet ist: „gleich oder ähnlich gegenüberstehen". So sieht also die Thora die Menschenwürde, die Gottähnlichkeit als ein Band an, das alle Menschen verbindet. Wird

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