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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-12-21 · Heft 51 (21.12.1900) · p. Seite 608

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 51 (21.12.1900)
Date
1900-12-21
Page
Seite 608 (sequence 10)
Language
German
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606 Tendenz lugt unter dem Mantel seiner Fabel hervor?" Denn uns Juden darf iu einem Werke, das sich mit uns und unserer Geschichte beschäftigt, die ihm zu Grunde liegende Gesinnung, die den Grundton für das ganze Werk abgiebt, nicht gleichgiltig sein. Wir wollen wissen. ob der Verfasser, wenn er doch schon einmal iu unserer eigenen Angelegenheit das Wort ergreift, es sine ica el studio thut, ob er nicht Ideen in lein Werk streut, die aus dem Bild des Lebens, das jede Dichtung sein soll, das Zerrbild einer bestimmten Partei gestalten. Der Dichter stehe nicht auf der Zinne und im Dienste einer Partei, sondern er sei, sowie Priester der Schönheit auch Prediger der Wahrheit. Darum kann keine Kunst antisemitisch sein, denn der Antisemitismus ist die Unnatur und die Unwahrheit, und darum fordern wir vom Dichter jüdischer Stoffe, daß er wahr sei, das; er uns schildere mit Miseren Gebresten, aber auch mit unserer Schönheit, mit unseren Lastern, aber auch mit unseren Tugeilden; er male nicht, um mit einem Ausdruck der neueren Psychologie zu sprechen, unser Unter-Jch und nicht unser Ueber-Jch, sondern unser Ich, so wie es ist. Josef Laufs ist dieser selbstverständlichen Forderlmg so nahe wie nur immer möglich gekommen. Er tritt ohne Voreingenommenheit an seinen Stoff und an seine Helden, Mid man merkt es ihm an, er bringt ihnen sein ganzes warmes Tichterherz entgegen, feine Liebe und seine Bewunderung. In der reichen Fülle jüdischer Gestalten, in deren Mittelpunkt als Hauptpersonen der berühmte Medikus Godefried von Worms und sein jüdisches Weib Deboräh, die Tochter des Rabbi Jose von Toledo, stehen, ist keine einzige, deren Zeichnung uns verletzen könnte, trotzdem sie alle charakteristische jüdische Züge tragen. Augenscheinlich hat der Dichter nicht die Meinung, daß iu jeder jüdischen Lebensgemeinschaft mindestens ein Hallunke sein muß, um das Gemälde „lebenswahrer" zu machen. Doch gehen nur null zilr Dichtung selbst! Irr Worms, dessen Judeil eillst die Gunst Kaiser Heinrichs IV. in besonderen: Maße genossen, ist die Pest ausgebrochen. Mitten tu einen: glänzenden Feste rafft sie plötzlich beit judenfreundlichen Bürgermeister Heinz von Alzey als erstes Opfer weg. Der rasch herbeigerufene Meister Godefried kann ihm nur noch die Augen zudrückeu, indem er wehmuthsvoll dabei spricht: . . . Geworfen »nie beim St rum die Eiche! Und wehe, daß du hingerafft, Denn vogelsrei, lvie sonst im Reiche Wird jetzt die Wormser Indenschaft. Du zeigtest allen Christenleuten, Das; anch die Inden Menschen sind. Nun bricht das Verhängnis; mit rascher: Schritten über die Wormser Juden herein. Das Ungeheuer Pest frißt täglich neue Opfer. Meister Godefried hilft, wo er kann. Aber seine schwachen Kräfte reichen gegen die schreckliche Krankheit so wenig als gegen den „Dämon der Schönheit' Plektrnde, in deren Fäden er sich verlvirrt. Sie war eitift eine Fahrende, die durch ei::es Kaisers Gnilst Macht und Reichthnm erlangt hatte. Auch Heinz von Alzey streifte ihre Fesseln. Aus den: schon erwähnten Feste ist er an ihrer Seite und führt mit ihr ein ganz interessantes „Ballgespräch". Auch Ihr, Feinsjungfer, meint er leise, Scbwingt kampfgeninth den Indenspieß? .. . Warum? Weil Christum sie verrathen? Das alte Lied, der alte Ton! — Weil sie begierig ans Dukaten? Die liebe Leier kenn' ich schon! Warum? Weil sie die Alten pflegen? Das ist nun mal so Judenart! Weil sie auf Zinseszinsen legen. Was sie beim Handel sich erspart? Wer eben spart, der kann bestehen, Doch lver da lumpt, dem fehlt das Brod. Und schlägt, wie es so oft geschehen. Den armen Judenhamster todt. Doch Plektrnde ist unverbesserlich wie alle Antisemiten. Aber trotzdem kann sie ihr judenfeindliches Herz nicht hindern, in Liebe zu Meister Godefried zu entbrennen, obgleich dieser — pfui der Schande! — die verhaßte Jüdin Deborah als Weib heimgesührt hat. Und endlich erliegt doch Meister Godefried, obgleich sein Verhältniß zu Deborah ein geradezu ideales ist, das vom Dichter mit dem ganzen Zauber seiner Poesie geschildert wird, den niederen Künsten Plektrudetts. Wie er im grauen, kalten Morgen aus der Fahrenden Hans tritt, stößt er auf Deborah, die ihn. ihre beiden Kinder an der Hatld, hier erwartet hat. Die Stelle, in der sie sich jetzt vor: ihrem Gatten lossagt, um ins Vaterhaus zurückzlckehren, gehört in ihrer süßwehmüthigen Herbe mit zu den schönsten des ganzen Buches. Dann aber löst sich ein fürchterlicher Schrei von ihrer Brust, und iu höchster Erregung schleudert sie Plektrnde:: ihren Fluch ins Gesicht. Diese hat nur noch ein Ziel: Rache zu nehmen an der „eklen Jüdin". -Fürs blanke Messer Soll mir die ekle Jüdin her. Sie wird geopfert meinen: Hasse, Den diese Stunde groß gesäugt. Und mit ihr die verfluchte Rasse. Ans deren Mitte sie gezeugt. Das nächste Kapitel, „Bein: Rabbi" überschrieben, zeigt uns Rabbi Jose von Toledo, wie er, umgeben von einergrößeren Anzahl Andächtiger, die Sabbathmorgenandacht hält. Da ist Maier Esra, der schon vor 14 Jahren Deborah angeschwärmt und „so schön wie Ben Jehuda" singt; dann der 80 jährige Mo^es Hirsch, Ein feiner Kopf, ein Nadelspalter. Der Mond- und Sonnenglanz gebucht Und schon seit eitlem Menfchenalter Des Kaisers Quadratur gesucht. Dann der als Talmudkenner hochgepriesene Mordechai, der schöne, aber eitle Ephraim mit seinem Weib,' der „bleichen Ghettorose", auch Mordje Feibus, der Sänger, Kabbalist und Pharmazeut und Andere. Der Rabbi singt, oder vieln:ehr er predigt: Drum wie die Frommen sollt ihr leben, Von allen Lastern unberührt. Und Deinem Nächsten sollst du geben. Was Deinem Nächsten auch gebührt! Seid lauter wie die Sabbathkerzen Und milde wie ihr sanfter Schein, Dann wird auch stets in euren Herzen Der echte, wahre Sabbath sein. In seinem Herzen ist dieser Sabbath, denn Ein großer, wahrer Gottesfrieden Ist über sein Gesicht gelegt. Gleich wie mit wechselvollem Spiele Im Lenz sich Blttth' an Blnthe zweigt. So birgt sein Herz der Blumen viele, Wie schöner sie kein Garten zeigt. Hier treibt der Glauben seine Blntheu, Und hier, auf lichtdnrchsonnter Bahn.

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