Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1900)
- Date
- 1900-12-21
- Page
- Seite 607 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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607 Eindruck des Blühens macht und eine große Zukunft verheißt. Von der Abhaltung jenes ersten Gottesdienstes von 10 Männern bis zur feierlichen Einweihung des monumentalen Prachtbaues der Synagoge im Jahre 1874 war allerdings unter unaufhörlichen Kämpfen, die nach tunen und nach außen mit Beharrlichkeit und Zielrichtung zu führen waren, ein weiter Weg zu legen, der, abgesehen voll der verdienstlichen Thätigkeit des wlvergeßlichell Rabbiners Dr. Löwi in Fürth, nur dank der Opferwilligleit der Gemeindemitglieder und der Energie ihrer Organe zurückgelegt werden konnte. Als rühmliches Dokument des Wetteiferns bei allen Gelegenheiten, 4vo es sich uni Schöpfungen des Gemeinsinns handelt, verdiellt an dieser Stelle schon wegen der Schönheit seiner Form der Aufruf hervorgehoben zu werden, den am 1. Dezenlber 1869 ein Frauellkomitee mit folgendem Wortlaut erließ: „Wenn eine der schönsten Eigellschaften des jüdischen Gemüthes der Gemeinsinu, die Hingebung für religiöse Zwecke ulld Jnteressell ist, lvenn allerwärts bei derartigen Anlüsfell auch die Frauenwelt ihre Mitwirkung nicht versagt, so wollen auch wir, die jüdischen Frauen und Jungfrauen hiesiger Stadt, hinter anderen Orten nicht Zurückbleiben; auch wir wollen wirken und schaffen, so weit es uns znsteht, so weit es in unseren Kräften liegt. Mögen unsere Gatten und Väter den Bau des Tempels mit göttlicher Hilfe rüstig fördern, unser Beruf n'.öge es sein, für dessen innere Ausschmückung zu sorgen, hierzu unser Scherflein beizutragen. Der Mann baue das Haus, Sache des Weibes möge es sein, es im Innern wohnlich und würdig zu machen." Die Geschichte der ersten Rabbinerwahl in Nürnberg wird die Leser dieses Blattes noch besonders iuteressiren. Zum Thema der Rabbinerwahl hat ja mein verehrter Mitarbeiter Löb Korach wiederholt an dieser Stelle das Wort ergriffen, und an Beispielen, die aus der Praxis bedeutend vermehrt werden könnten, gezeigt, wie Rabbinerwahlen nicht gemacht werden sollen. Aus der von Ziemlich verfaßten Denkschrift wird er sich hoffentlich zu seiner Freude überzeugen, mit welcher Gründlichkeit und Langsamkeit diese Lebensfrage einer jeden Gemeinde in Nürnberg gelöst lvurden. Nicht weniger als sechs Jahre hat man in Nürnberg den ersten Rabbiner gewählt, während die Angelegenheit des Synagogenbaues 14 Jahre lang die Gemeinde beschäftigte. Männer wie Frankel und Aub, der Abgeordnete Laster und sogar ein Staatsminister von Mecklenburg griffen in die Wahlangelegenheit allerdings ohne Erfolg ein. Die Synagogenreformfragen standen ja damals Anfangs der siebziger Jahre auf der Tagesordnung und im Vordergründe des Gemeindeinteresses. Kein Wunder, daß der Kultuskampf, der damals die Gemüther erhitzte, sich in einen Kulturkampf verwandelte, der in Nürnberg sich um die Kandidatur des radikal gesinnten Dr. Leopold Stein bewegte. Die Theorie vom nüchternen Kutscher, die ja allmälig die maßgebende Gemeindepolitik geworden, spielte schon damals eine große Rolle bei Auswahl eines „passenden" Rabbiners. Dagegen aber konnte in Bayern der Kampf um die Stellung des Rabbiners schon aus dem Grunde niemals ausarten zu einem Kampfe um die Herrschaft, weil seit jeher die durch eine Ministerialentschließung geförderte und befestigte Erkenntniß vorhanden und verbreitet war, daß beide Faktoren, das Rabbinat und die Verwaltung, als Gleichberechtigte und Gleichverpflichtete, ohne gegenseitige Beschränkung oder Hintansetzung Hand in Hand arbeiten müssen zur Förderung aller religiös-sozialen Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde.y Den Wandel der Zeiten, der nirgends augenfälliger erscheinen kann als innerhalb der noch heute von Wällen und Mauern des Mittelalters umschlossenen Reichsstadt Nürnberg, kennzeichnet nach außen vielleicht nichts deutlicher als die Thatsache, daß der herrliche Tempel der jüngsten Großgemeinde im Rücken der Marienkirche die auf den Trümmern der anno 1349 zerstörten Synagoge erbaut worden war, gegenüber dem Hans Sachs-Denkmal und an einer Stelle sich erhebt, wo einst aus dem Erker eines alten Patrizierhauses Joh. Tetzel den Ablaß gepredigt haben soll. Welcher Kontrast zwischen einst und jetzt! Welch eine Veränderung nicht blos im Aussehen des Städtebildes, sondern mehr noch im Bewußtsein der Menschen! Nicht treffender kann man solchen sich aufdräng nden Empfindungen Ausdruck geben als mit den Worten des ehemaligen Bürgermeisters Freiherrn v. Stromer, die er in seinenl gelegentlich der Einweihungsfeierlichkeiten vom Jahre 1874 gehaltenen Toaste gesprochen: „Es habe ihn besonders gefreut, bei der Einweihung der Synagoge die Pforten derselben zrl öffnen, nachdem vor Jahrhunderten einer seiner Vorfahren — Ulrich Stromer - die Juden Nürnbergs mit Feuer und Schwert verfolgte. Der Urahne habe im Geiste seiner Zeit gehandelt, wie er, der späte Enkel, im Geiste unserer Zeit. Die Behandlung der sogenannten Judenfrage halte stets gleichen Schritt mit dem Stande der Gesittung und Humanität, bei Nationen wie bei Einzelnen." — Hätte der Herr Bürgermeister die Vision Ezechiels gekannt, vielleicht hätte er seinen und den Empfindungen Aller, welche die Geschichte der alten und die Geschichte der neuen Großgemeinde von Nürnberg vergleichen, mit den Wörtern des Propheten Ausdruck gegeben: „Siehe, ich bringe einen neuen Geist, und neues Leben wird aufblühen auf den Gräbern der Vergangenheit!" Josef Fauffs „Geißlerin". Von Jakob Seifensieder. , Mooses Laufs hat die stattliche Reihe seiner poetischen Werke um ein weiteres vermehrt, das für uns Juden von großem Interesse ist. Schon vor Wochen, als die Geburtsanzeige der „Geißlerin" durch die deutsche Presse ging, erfuhr man, daß der Dichter die Judenverfolgung, die wie in ganz Deutschland so auch in Worms während der Pest um die Mitte des 14. Jahrhunderts getobt hatte, zum Gegenstand seiner Dichtung gewählt habe, und mit berechtigter Erwartung sah man der Veröffentlichung derselben entgegen. Nun ist das Buch auf dem literarischen Markte erschienen und verdient wohl, daß auch wir ihm einige Worte widmen. Aber man möge mich nicht mißverstehen! Es soll hier keineswegs das kritische Sezirmesser gewetzt, und das Werk und sein Vater auf ihre künstlerischen Qualitäten untersucht werden. Das möge von einer berufeneren Feder und an einem anderen Orte geschehen! Für uns handelt es sich m erster Linie um die Frage: „Wie stellt sich Josef Laufi zu seinem Stoff? Welche h Es verdient hervorgehoben zu werden, daß als erster Rabbiner der Nürnberger Gemeinde Herr Prediger Dr. M. Levin gewählt wurde, der sich um die Organisatian der jungen Gemeinde die größten Verdienste erworben hat. Die Red.