Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1900)
- Date
- 1900-12-21
- Page
- Seite 606 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228365-3228417--57109-3293463- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
zerbrach und den Nachkommen der von ihr Verbannten zu dauerndem Aufenthalte die Thore wieder öffnet. In Nürnberg hatte während eines Zeitraumes von 350 Jahren das Judenthum nichts als ein Gräberfeld. War da nicht die alte Frage am Platze ob es dem Geiste einer neuen Zeit gelingen würde, neues Leben auf den Gräbern der Vergangenheit emporblühn zu lassen? Ans diese Frage giebt eine Schrift die Antwort, welche Dr. B. Ziemlich über „Die israelitische Kultusgemeinde Nürnberg von ihrem Entstehen bis zur Einweihung ihrer Synagoge") soeben hat erscheinen lassen. Wir haben diese Schrift ein Buch des Lebens genannt. Aber wahrend sonst die Ursprünge astes Lebens in Dunkel gehüllt sind, ist der Verfaffer in der Lage, die Wurzeln eines Baumes blosznlegen, der durch seine Leistungen einer der stattlichsten und ansehnlichsten im Lande geworden, und ans Grund eines fast lückenlosen Materials den ganzen Werdeprozeb einer Gemeinde zu versolgen, von der das Wort gilt: „Dein Anfang war sehr klein, aber deine Zukunft wird sehr groß sein!" Und dieses Bild werdenden Lebens gestaltet sich sich vor dem Auge des Lesers durch die Mosaiken, die hineingestrent sind, und durch die Streiflichter, die auf die Zeit fallen, zu einem interessanten und anziehenden Knlturbilde, das uns eine Vorstellung giebt, welche Widerstände überivunden werden mußten, um dem Judenthum Ranmerweiterung zu verschaffen und eine Regeneration allmälig herbeiznführen. Man glaubt ja gar nicht, ivie lange das Mittelalter gedauert hat, wenn man darunter die Zeit der Beschränkung und der Beschränktheit versteht. Genau vor 100 Jahren erst wurden die sogenannten „Mitgeheiinen" in den wohlverdienten Ruhestand versetzt, wurden die alten Weiber pensiouirt, von welchen wie von einer Leibgarde die Israeliten sich mußten begleiten lassen, wen» sie in Nürnberg zur Betreibung von Handelsgeschäften tagsüber sich aufhalten wollten. Noch durch das Edikt vom Jahre 1813 wurde die von pharaonischem Geiste diktirte Landesverordnnng des Mittelalters für ganz Bayern zum Gesetze erhoben., das; „die Zahl der Judenfainilien in der Regel nicht vermehrt, sondern nach und nach vermindert werden solle." Noch im Jahre 1824 erklärte der Bürgermeister von Nürnberg, daß er das schlimme Beispiel nicht geben wolle, „irgend einem Inden den temporären Aufenthalt von mehreren Monaten in der Stadt zu gestatten". Noch im Jahre 1845 verordnete die Negierung, „daß die Ertheilnng von Lizenzen zum Hopfenhandel an Israeliten nicht ferner stattfinden solle", freilich ohne es ahnen zu können, daß wenige Jahrzehnte später gerade durch die Thätigkeit der Israeliten der Nürnberger Hopfenmarkt eine Spezialität im Welthandel werden würde. Und trotzdem wir unter den ersten Pioniere;; des Judenthums in Nürnberg bereits Männer finden wie Dr. Feust, später Redakteur des „Korrespondent von und sür Deutschland", und Dr. Morgenstern, den ersten bayerischen Landtagsabgeordneten israelitischer Konfession, mußten erst die Stürme der Revolution den Philistern um die Ohren geblasen haben, bis es Jos. Kohn als den; ersten Israeliten gelungen war, mit einer Majorität von 9 gegen 8 Stimmen des Magistrats am am 16. Mai 1850 als Bürger von Nürnberg ausgenommen zu werden. y Gedenkschrist, aus Anlaß des 25jährigen Bestehens der Synagoge auf Wunsch der Gemeindeverwaltung herausgegeben. Koniniisfionsverlag der Friede. Korn'schen Buchhandlung in Nürnberg. Ebenso lange als das Mittelalter gedauert hat, ebenso rasch vollzog sich der Derjüngungsprozeß. Mit Riesenschritten ist der Israelit in die Neuzeit eingetreten, und das lange zurückgehaltene Wachsthum, einmal befreit von äußeren Hindernissen des Vorwärtskommens, machte desto schnellere Fortschritte. Nirgends schnellere als in Nürnberg, wo die Entwickelung der Kultusgemeinde nach allen Richtungen geradezu bespiellos genannt werden darf. Dr. Ziemlich macht im Vorwort seiner Schrift die Bemerkung: „Für die innere Entwickelung der Gemeinde war das allzu rasche Anwachsen derselben — wie das zu rasche Wachsthum des Individuums — von manchen Nachtheilen begleitet. Die aus verschiedenen Gegenden stammenden Glaubensgenossen waren verschieden an Bildung und religiöser Gesinnung, eine gemeinsame gemeindliche Tradition fehlte" u. s. w. Uns will es scheinen, daß gerade durch ihre Jugend diese jüngste Großgemeinde Deutschlands sich vortheilhast auszeichnet vor dem Alter vieler ehrwürdiger Schwestern, die auf dem Ruhekissen der „Tradition" ein beschauliches Dasein leben und der Stagnation anheimgefallen sind nicht nur in Beziehung auf die religiösen Aufgaben, zu welchen das Judenthum der Neuzeit berufen ist. ' Gewöhnlich meint man, die Juden könnten der Neuzeit, die ihnen so viel geleistet, nicht dankbar genug sein. Daß umgekehrt auch die Neuzeit manches Gute wenigstens mit den Inden zu verdanken habe, davon ist weniger die Rede. Ich erinnere mich eines nichtjüdischen Lehrers, der in seiner Lehrstunde sür Geographie wie Einer, der in einen sauren Apfel beißt, die Bemerkung machte: „Fürth ist eine durch die Juden grobgewordene Stadt." Was ihre Nachbarin Nürnberg, die besonders seit dem großen Kriege mächtig emporgeblühte Handels- und Industriestadt der Kapitalskraft und den; Unternehinungsgeiste denjenigen zu verdanken hat. gegen deren Aufnahme in den Bürgerverband sie sich so lange Zeit gesträubt hatte, das zu konstatiren wäre eine nicht uninteressante und eine nicht undankbare Aufgabe. War doch die Verwaltung der Gemeinde schon 1869 in der Lage, in einer an den Magistrat gerichteten Eingabe daraus hinzniveisen, daß die dainals erst ca. 1000 Seelen zählende Gemeinde „einige Beachtung und Rücksicht für sich in Anspruch nehmen darf, zumal der Aufschwung, welchen die Stadt in dem letzten Jahrzehnt genonnnen, insbesondere das Wiedere;;;porblühen des Verkehrslebens, theilweise der Niederlassung der Israeliten und der Verlegung ihrer Geschäfte nach Nürnberg zuzuschreiben ist." (Vgl. auch S. 50 ff. des Werkes.) Wie entstand nun diese jüngste unter den Eroßgemeinden Deutschlands? Wir antworten: die ersten 10 Israeliten, denen nach vierthalbhundertjähriger Verbannung ihrer Väter die Abhaltung eines Gottesdienstes am Lersöhnungstage des Jahres 1852 in der 3. Etage einer Weinwirthschaft unter der Bedingung gestattet wurde, daß „mit der Ausübung dieser Andacht kein nach außen dringendes Geräusch verbunden sey", sind als die Gründer der Gemeinde zu betrachten. Das religiöse Bedürfniß also, das die Söhne Israels auf ihren Wanderzügen durch die Jahrtausende überallhin begleitete, hat auch hier ein Gemeinwesen ins Leben gerufen, dessen erste That bezeichnenderweise die Gründung einer Religionsschule war, ein Gemeinwesen, das, im Verlaufe von 50 Jahren auf ca. 6000 Seelen angewachsen, mit seinen kulturellen, religiösen und Humanitären Einrichtungen und Veranstaltungen den