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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-12-21 · Heft 51 (21.12.1900) · p. Seite 605

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 51 (21.12.1900)
Date
1900-12-21
Page
Seite 605 (sequence 7)
Language
German
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-• 605 genommen selbst, sie hat für diese drei höchsten Güter des Judenthums in ausgiebigster Weise Sorge getragen, wer kann es heute leugnen, daß sie damit nicht ganz ihre Pflicht gethan in diesen schweren Zeiten, welche für uns angebrochen sind? Ob sie es nun will oder nicht, die Zeit drängt einmal unsere Kultusgemeinde auf die politische Bühne, sie muß schon deshalb, weil sie sonst die Fühlung verliert, mit den großen Tagesfragen, welche uns Juden heute mehr denn je berühren, aus den sie beengenden Mauern hervvrtreten, sie muß wirken und schaffen und handeln. Es ist uns bekannt, daß die Verhältnisse jetzt stärker sind als wir, daß es schwer ist, dem zum tosenden Strome herangewachsenen Antisemitismus sich entgenzustellen; aber fragen wir uns, erforschen »vir unser Gewissen, sind wir nicht selbst auch Schuld daran, daß das, was ursprünglich nur ein übermüthiges Bächlein gewesen, zum reißenden Strome hat werden können? Wir fühlen es alle, etwas ist krank am Körper des Judenthums, und es komint nun zürn Ausdruck, das hat unsere Wahlbewegung gezeigt. Wir »vollen diese Krankheit jetzt nicht untersuchen, wir kennen sie Alle, aber wenn es noch Zeit ist, sie zu heilen, bieten »vir uns die Hände, dies in Eintracht und ohne Leidenschaft zu thun. Man komme uns jetzt nicht mit süßlichen Reden auf Kanzeln und Genreindestuben. Mit Zuckerwasser heilt »nan Krankheiten nicht. Scheuen »vir nicht das Manneswort urid laßt uns nicht Jeden als Verräther bezeichnen, der ein solches spricht. Wer nrithelfen will bei dein großen Werke, die Juden an ihr Judenthum nicht n»»r zu erinnern, sondern sie auch diesen» zu erhalten, er sei »villkommen. Gelviß, die Juden, welche auf ihre eigenen Kräfte angewiesen sind, heißen nun diese Geld, Ansehen, Stellung, heißen sie Wort oder Schrift, können diese Kräfte nicht zurückstoßen, sie »nüssen sich dieser Kräfte bedienen für ihre große Sache. Wenn aber dein alten Körper neue Säfte zuströrnen, wolle»» »vir diese anfnehmen und uns des jungen Frühlings freuen, »velcher das alte, etwas »vinterlich gewordene Bild so schön schnrückt. — Die soeben vorgenommenen Wahlen in unseren Kultusvorständen haben uns über Zweierlei belehrt: einmal, daß es mit den Kassandrarufen, das Judenthuin geht zu Grunde, noch seine guten Wege hat; die Indolenz vermochte den noch immer kräftigen Körper >»icht zu ertödteu. Dann aber »vurde den „Maßgebenden" sehr laut zugerufen: verschließet nicht euere Augen vor de»»» Weben und Wehen einer neuen Zeit. Schneidet den alten Zopf ab, wieget euch nicht ein in hohle Träume, die Gefahr sür's Judenthum besteht, ob wir sie nun sehen »vollen oder nicht. Gefahr im Innern, Gefahr nach außen. Werde» diese Lehren von uns Juden beherziget und danach die folgenden Thaten eingerichtet, dann »vird die ganze Bewegung, »velche die diesjährige»» Wahlen so stürmisch machte, als eine gesunde bezeichnet werden müssen, »vas »vir znin Wohle des Judenthunrs sehnlichst »vünfchen. Iwri. Die jüngste Großgemeinde Deutschlands. Von Dr. A. Eckstein. inst stand der Prophet des babylonischen Exils auf einem »veiten Felde des Todes. Wohin auch sein Auge blickte, überall Hügel an Hügel. Gebeii» an Gebein. Da hörte er eine mächtige Stimme ihn rufen: „Menschensohn, können diese Gebeine »vieder lebendig »verden?" Und er antwortete: „Herr, »nein Gott, du allein »veißt es"! Und abermals hörte er die Stimme rufen: „Menschensohn, weissage über den Geist, daß er komme, um das Todte »vieder lebendig zu »nachen." Und als er gethan, wie ihn» geheißen, da verivandelte sich der Leichenacker in ein Bild des Lebens, da erhoben sich die Schatten aus ihren Gräbern, und das Scheintodte »vurde von einein neuen Geiste beseelt und lebendig gemacht. Seit jenen Tagen, seitdenr der Prophet Ezechiel durch seine den Pinsel eines congenialen Künstlers zur Darstellung einladende Vision neues Leben eingehaucht hat den vertrockneten Gebeinen der Verbannten, seit jener Zeit »vie oft hat in der Brust der Besten und Edelsten in Israel beim Anblick der Lage, in »velcher sich ihr Volk und ihre Religion befand, die Frage gezittert: „Werden diese Gebeine wieder aufleben? Wird der Scheintodte wieder erwachen?" Und ob auch die Antivort auk eine solche Frage zu allen Zeiten nur lauten könnte, »vie sie einst auf der Lippe des Ezechiel gelautet: „Herr, mein Gott, du allein weißt es!", als Wahrheit hat zu allen Zeiten sich betvährt die tröstliche Verheißung, die einst auf dem Felde des Todes dem Propheten des Exils gelvorden: „Siehe, ich bringe einen neuen Geist und sie »verden wieder lebendig!" Das belveist unsere Geschichte im Kleinen wie in» Großen, im Einzelnen wie im Allgemeinen. Wo einst ein Gräberfeld gelvesen, ein Bild des Abgestorbenseins und der Hoffnungslosigkeit, da hat der Geist, einer lieuen Zeit zukunftverheißende Regsainkeit und Thätigkeit ins Leben gerufen. Kann» irgend»vo ist dieser Kontrast ztvischen einst und jetzt ein so in die Augen fallender als in einer Großstadt des Südens, wo auf Gräbern einer einst durch die Anzahl ihrer Mitglieder wie durch die Leistungen ihrer Gelehrtenschulen hervorragend gewesenen Muttergeuieinde in Israel nach iiiehreren Jahrhunderten völligen Verfalles im Verlaufe von nur einigen Jahrzehnten die jüngste Großgeineinde Deutschlands aufblühte. Wir »»»einen die Kultusgemeinde der einstigen Reichsstadt Nürnberg. U»n diesen Kontrast zwischen Gewesenen» und Gewordenen» zu einpfinden und zu »vürdigeir, nehme »nan zivei Bücher in die Hand, die neuerdings erschienen sind: das eine ein Buch der Tobten und das andere eil» Buch des Lebens. Wer die entsetzlich einfönnigen Tvdtenlisten des von Dr. Salfeld in Mainz veröffentlichten „Martyrolvgium des Nürnberger Me»norbuches" durchblättert, dem ist zu Muthe, als befände er sich auf einen» endlosen Gräberfelde; »vohin auch der Blick sich »veudet, nichts als Leichensteine, die mit Namen von Märtyrern bedeckt sind. In» Jahre 1298 fielen in Nürnberg nicht »veniger als 628 Opfer des Fanatismus, glaubensstarke Männer, opferfreudige Frauen, unschuldige Kinder. An» 5. Dezeniber 1849 sielen ca. 570 Märtyrer als Opfer einer allgemeine»» Judenplünderung in den Straßen von Nürnberg. Schlirnmer aber als der Tod »var das Exil, das von Kaiser Maximilian I. über die Juden vo»» Nürnberg verhängt »vurde. Wie »nochte den Exulanten, »velche, von der Menge mit Schmähnngen begleitet, an» 10. März 1499 die ihnen trotz erlittener Drangsale liebgervvrdeuen Stätten mit Frauen und Kindern verlassen »nutzten, zu Muthe gelvesen sein? Haben sie nicht »vie die Exulantei» von Babylonien gesprochen: „Vertrocknet sind unsere Gebeine, dahin ist unsere Hoffnung, abgeschnitten ist unsere Zukunst!" Aber »vährend für die Verbannten in Bab»ilonien schon nach einem halben Jahrhundert ein Stern der Hoffnung leuchtete, der sie in die alte Heimath zurückbegleitete, dauerte es fünfmal so lange, bis die freie Reichsstadt die verrosteten Riegel

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