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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-12-21 · Heft 51 (21.12.1900) · p. Seite 604

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 51 (21.12.1900)
Date
1900-12-21
Page
Seite 604 (sequence 6)
Language
German
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6Ö4 ist. Während in Rußland die Verwaltung den Juden Pässe bewilligt, die ihnen für ihre Angelegenheiten den Aufenthalt gestatten, geschieht dies in Sibirien nicht. Die Verordnungen sind häufig auf Kanfleute 1. Gilde und auf Personen, die ein Universitätsdiplom besitzen, ausgedehnt worden, die doch im allgemeinen im ganzen Reiche wohnen dürfen. Wie man sieht, herrscht hier die reinste Willkür. * Die Leser erinnern sich der Mittheilnngen aus Marokko über das schreckliche Attentat, das dort an einem Inden, und zwar einem amerikanischen Unterthan, Marcus Ezaoui, begangen wurde. Als er sich zur Arbeit begab, ward er ermordet anläßlich eines Disputes mit einem vorübergehenden Araber. Der Körper, mit Petroleum übergossen, ward von den Arabern verbrannt. Eine Klage lvard der anlerikanischen Regierung deswegen eingereicht: hierüber schreibt nun ein Korrespondent der Alliance folgendes: Mit großer Erregung Hobe ich von der Entscheidung Kenutniß genommen, die von dein Kabine» in Washington hillsichtlich des ermordeten Markus Ezaoni getroffen lvorden ist. Die Negieruilg der Bereinigten Staaten begnügte sich daniit, anstatt energisch die Bestrafullg der Schuldigen zu verlangen, eine Buße von 5000 Dllros anszuerlegen. Es ist unmöglich. den Eindruck zn schildern, beu diese Entscheidung heroorgernfen hat. Die Erregung ist urn so größer, als die Araber jetzt noch mehr it]ven Haß ansüben können. Das Leben in Fez wird unerträglich; die Araber trage»» kein Bedenken mehr, ihre Insulten gegen die Illden loszulassen; es ist unmöglich. daß die Juden länger uocf) in dieser Stadt leben. Das einzige Mittel, das es noch giebt. ist, daß die Millister der fremden Machte eine Aufforderung an die Sherifregierung senden, in der sie ernste Garantien für die Sicherheit der Fremden fordern. Brief aus Oesterreich. j i Anfang Dezember 1900.! er in den letzten Tagen die hervorragenden Tagesblätter Wiens und Brümis in die Hand nahm, der konnte in dieser!, selbst in der „Neuen freien Presse", neben Telegrammen über die Krankheit des Zaren, neben poetischen! Börsenberichten und irrteresianten Gerichtsverhandürrrgen —! in diese»» harrdelte es sich riicht so sehr um „Ritualmorde", als j rrm Schrvindeleien in der arrtisemitischen Wiener Schneider- : genossenschaft — höchst sonderbare Dinge lesen. Sehen > wir nun recht, wahrhaftig, da steht es Schwarz auf Weiß, j es giebt eine Wahlbewegung irr unseren hervorragerrdsten j Gemeinden, zunächst in Wierr und Brünrr; es giebt eine Be-! rvegung, verbrrnden mit Besprechunge»», Agitationen, Kandidaten, j ja, es giebt sogar Karrdidaterr, welche sich stürmisch urn eirr! Marrdat in rrnsereu Kultusgemeinden bewerben. Man hält Reden, rnarr wüthet, man schirnpft, man beleidigt und preist sich gegenseitig, ganz so wie es für Reichsrath, Landtag, Ge-! rrreindewahl geschieht. Was für ein Geist ist in unsere Juderr j gefahren? Haben sie sich wirklich erinnert, daß sie Juden sind?! Ist für das Judenthurn wirklich eine neue Zeit gekommen, eine Zeit der frühlingswarmen Renaissance? — Gemach, nicht vorschnell gerrrtheilt. Mil der Wiedergeburt hat es noch seine guten Wege. Zu viel Verrostetes ist in unseren alten Knltusgerneinderr, als daß sich dieses System nrit einem Schlage verjüngen, verbessern und durch rreue Keirrre befruchten ließe. Die Wahlen selbst, welche irrzwischen vorgenomrnen wurden, haben übrigens gar nichts neues gebracht. Es bleibt beim Alten, sowohl in Wien, wo die „Jungen" nur zwei Mandate eroberten, als auch in Brünn, wo sie in der Minorität blieben. Aber eines läßt sich nicht verkennen, und selbst der unverbesserlichste alte Zopf muß es zugestehen: mit der idyllische»: Ruhe in »lnseren Kultusgemenrden ist es nun für imr»ler vorbei, auch in sie ist der Geist einer neuen Zeit ei»»gezogen, welcher gründlich aufränrnen »vill unter der: alten Trürnmern. Man muß nur »vissen, »vie früher die Wahlen in unseren Kultusgerneindevorständen vorgeno»nn»en, d. h. gernacht wurden. Es war nicht so sehr eine Wahl, als vielmehr eine Kooptirn»lg. Hier und da kam ein Wähler, als halte er gerade nichts besseres zu thnn, in das Wahllokal, wurde von der löblichen Konunission »vie ein U»»geheuer angestaunt, man rauchte in aller Gemüthlichkeit die Friedenszigarre, zählte daun die Stimmen, und aus der Wahl ging der einmüthig mit dem Vertrauen der 20 bis 30 abgegebenen Stimmen beehrte Kandidat als Knltusvvrstand hervor. — Das alles ist nun in der That anders geworden. Mau hat Wahlbesprechungen veranstaltet, die Kandidaten rnnßten ein „Progra»nm" entlvickeln, »»»an hat interpellirt und intrig»»irt, »na»l hat die Wähler „recht gründlich" bearbeitet, man hat gedroht und ge»vinkt — nicht allein mit dem Zaunpfahl — uud siehe, sie kamen, die Wähler alle, mit Schreienden und Gestikulirenden u»»d Drohe»»de»» füllte sich die nicht allzulveite Halle. — Wer hat dies be»virkt? So frage»» sich kopfschüttelnd die Alten, so fragt a»»ch mancher Junge. Auch diese Frage»» kann »»»an jetzt in »»»»seren sonst so stillen K»»ltusge»neinden höre»». Die Ant»vort sollte de»» Herre»», de»» Alte»» »ind den Jungen, nicht zu schlver zu geben sein. Der Radikalisinrrs, welcher ur»ser ganzes öffe»»tliches Leben nicht »»ur ken»»zeichnet, sondern auch unserer Litteratur u»»d ganze»» Kultur das Gepräge giebt, ist auch vor unseren» jüdische»» Lebe»», dessen Repräsentanten die Kultusgerneinde»» sein sollen, nicht stehen geblieben. Mar» spürt den Ha»»ch einer neuen Zeit, und dieser durch»veht auch dieses uralte, an das Alte sich stets kla»»»»nernde Judenthurn. Was »vir in den verflossenen Jahren durchlebt, was »vir an unsere»»» eigenen Körper erfahren, hat uns gezeigt, daß es so weiter nicht gehen könne, soll nicht dieser ganze ehrwürdige Bau des Judenthurns darunter leiden. Mit anderen Worten: Wir sind wieder zu»»» Bewußtsein gekon»»ne»», daß wir Juden sind, u»»d »venn die ga»»ze Bewegung nichts anderes bewirkt hätte, als die Erweckung dieses Be»vußtseins, sie wäre nicht zu verurtheilen, in» Gegentheil, »vir Alle, Alte und Ju»»ge, sollten sie mit Freuden begrüßen. Wer sich freilich ä»»gstlich in sein Schneckenhaus verschließt, die sehenden Augen »vegwe»»det von» Zeitengetriebe, mit selbstischer Eitelkeit sein liebes Ich beräuchert, der Ruhe nur »»nd Trägheit leben will, der »vird allerdings dnrch dies neu er»vache»»de Leben ga»»z ärgerlich aufgestört rverden, eindämrnen aber »vird er den lebhaft dahin sich »välzenden Stro»n nicht. Leben »»»»d Be»veg»»ng fitib immer Ae»»ßerungen von Kräfte»». u»»d schelten »vir deshalb dieses Leben im Judenthnm »richt, es zeigt nur, daß u»»sere Feinde zu früh triuulphirte»», »venn sie ausriefen: „Dahin ist ihre Hoffnung, sie sind vernichtet." — Wenn bei einer so lebhaften Bewegung, insbesor»dere von der Jugend, etwas über die Sch»»ur gehaue»» »vird. rnuß »»»an dies den» „allerjü»»gsten Judenthum" zu Gute halten. Es ist ja richtig, die Kultusgerneinde soll, getreu ihren» Namen, für den Kultus zunächst sorge»», d. i. für Gottesdienst, Schule mtb Armenpflege. An-

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