Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1900)
- Date
- 1900-12-21
- Page
- Seite 603 (sequence 5)
- Language
- German
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603 ganz neues Stadium getreten ist. Bei dem vorliegenden Verdacht gilt ein Todtschlag als wahrscheinlich, ebenso wird als sicher hingestellt, daß eine Eifersuchtsszene die grausige That gezeitigt hat. Im Interesse der streng geheim geführten Untersuchung kann nur so viel mitgctheilt werden, daß die Mordstelle in der Nähe des Konvikt, also unmittelbar am Mönchse« belege» ist. Wie schon angedeutet worden ist, hat die Packleinewand die Handhabe zu der neuen Untersuchung gegeben," Wir geben diese interessante Mittheilung, die in Einzelheiten vielleicht nicht zutrifft, deren thatsächliche Grundlage aber sicher vorhanden ist, ohne Kommentar wieder. Die ehrlich Denkenden aller Parteien müssen wünschen, daß endlich ein Licht in das furchtbare Dunkel gebracht wird, * Ans dein Wahlkreise Arnswalde-Friedeberg wurde kürzlich berichtet, die konservative Partei habe beschlossen, bei der nächsten Reichstagswahl bereits im ersten Wahlgange für den antisemitischen Kandidaten zu stimmen. Diese Meldung bestätigt sich nicht ganz denn die konservative Partei in Friedeberg lnacht bekann: „Von dem Bestreben geleitet, einer Verbitterung, wie sie anläßlich der letzten Reichstagswahl unter den Wählern beider Parteien hervorgetrete» war, künftighin vorznbeugen, haben zivischen Vertrauensmänner» beider Parteien des Wahlkreises Friedeberg über eine genieinsame Kandidatur zum nächsten Reichstage Vorbesprechungen stattgesunden. Die Antisemiten gaben hierbei die Erklärung ab, daß sie ans eine eigene Kandidatur zur nächsten Landtagswahl verzichteten, und die Konservative» sprachen ihre Bereitwilligkeit aus, einen antisemitischen Kandidaten, sofern er den Konservativen genehm sei, zu unterstützen und sür diesen Fall von einer Sonderkandidatur abzusehen, unter ausdrücklicher Betonung seitens des konservativen Vertreters, daß eine Kandidatur Ahlwardts oder von Leuten seiner Art iinter allen Umständen ausgeschlossen sein m »ff e." Darüber sind natürlich die Antisemiten ganz aus dem Häuschen, Man darf ruhig der Entwickelung des großen Ereignisses entgegensetzen. v Der soeben erschienene Bericht des Vorstandes der „Israelitischen Allianz zu Wien" über die bisherige Hilfsaktion dieser Körperschaft für die rumänischen Inden giebt eine rein sachliche Darstellulig der Ereignisse, die sich im Sommer zwischen der rumänischen Grenze und den europäischen Hafenstädten abgespielt haben. In der Oeffentlichkeit sind namentlich von zionistischer Seite gegen die Allianz mannigfache und, wenn sie begründet gewesen wären, sehr schwerwiegende Vorwürfe erhoben worden. Noch in den letzten Tagen wurde ein Brief des Pester Kultusvorstandes pnblizirt, in welchem zwischen den Zeilen die Beschuldigung unjüdischen Vorgehens zu lesen war. Der Rechenschaftsbericht der Allianz beweist nun die gänzliche Haltlosigkeit all' dieser, znm Theil der Unkenntlich der Sachlage, zum Theil purer Gehässigkeit entsprungenen Vorwürfe. Er zeigt, wie die Leitung dieser Humanitären Vereinigung mit einer Opserwilligkeit und Hingebung sonderleichen sich der Bewältigung einer menschlichen Kraft schier übersteigenden Aufgabe unterzog, und wie sie dabei nicht nur mit dem begreiflichen Widerstande der verzweifelten Auswanderer, sondern auch mit ividrigen Zufällen und falsch verstandener Wohlthätigkeit zu kämpfell hatte. Plötzlich und mit elementarer Gewalt gleich einer Sturmfluth brach die Auswanderuiigsbewegung, geschürt von gewissenlosen Agenten, über die mittel- und westeuropäische Judenschaft herein. Die Rückkehr in die Heimath war den Emigranten verwehrt, die Aufnahme in den überseeischen Ländern an Bedingungen geknüpft, welchen die Mehrzahl der Auswanderer nicht entsprach. Der Beförderung über drei der wichtigsten Hafenplätze stellten sich unübersteigliche Hindernisse in den Weg. die deutschen Komitees lehnten die Uebernahme ganzer Familieli mit Frauen und Kindern ab. So sammelten sich in Wien Mitte Juli 2000 Auswanderer an, für die geeignete Unterknnftsräume nicht zu beschaffen waren. Trotz aller Abmahnnngen beförderten die ungarischen Glaubensgenossen immer neue Schaaren nach Wien, denen die ungarische Regierung das Verweilen ans ihrem Territorium nicht gestattete. Als sich endlich auch die Wiener Polizei ins Mittel legte und die schleunigste Evacuirung des hiesigen Emigrantenlagers verlangte, blieb nichts übrig, als die letzten Züge an der rumänischen Grenze zurückzusenden, nachdem man sie mit genügenden Geldmitteln versehen und deren Wiederaufnahme in die Heimath aus diplomatischem Wege gesichert hatte, Das ist in knappen Strichen der Verlauf dieser überstürzten, regellosen Bewegung. Die Allianz hat Uebermenschliches geleistet und ihre Pflichten mit Aufbietung aller Kräfte im vollsten Maße erfüllt. Sie hat für ihre Mühe und Anstrengung vielfach Undank und Schimpf erleiden müssen. Mag sie sich mit dem Bewußtsein trösten, das; dies Menschenlos ist. Es wäre wnnschenswerth, daß nun auch jene Partei, ivelche an der Thätigkeit der Allianz so ungerechte Kritik geübt hat, eine Darlegung ihrer Hilfsaktion, sür die ruinänischen Auswanderer veröffentliche. Der Vergleich wird dann lehren, ans welcher Seite wirkliche Hilfe geboten wurde. * Wie der „Politischen Korrespondenz" aus Konstantinopel gemeldet wird, hat die Pforte den dortigen fremden Missionen in einer Circnlarnote mitgetheilt, daß in Bezug auf die sich nach Palästina begebenden israelitischen Pilger ein eigenes Reglement ansgearbeitet worden sei, welches auf die Verhinderung der festen Ansiedelung der bezeichneten Kategorie von Pilgern in der genannten Provinz abziele. Zn diesem Zwecke habe die Pforte festgesetzt, daß für die Dauer derartiger Pilgerfahrten (Hin- und Rückreise) ein Maximum von drei Mouaten einznräumen ist. — Das ist der Agitativnserfvlg der Zionisten, durch welche das Koloniiationsiverk, vor allem jene Armen und Unglücklichen, deren letzte Zuflucht die Auswanderung nach Palästina bildet, hart geschädigt werden, * Seit Anlegung der transsibirischen Eisenbahn bemüht sich die russische Regierung die Juden ans Sibirien zu entfernen. Im Anfang des Jahres 1900 erging ein Erlaß, der das Aufenthaltsrecht der jüdischen Bevölkerung Sibiriens feststellte; seit der Zeit sind mehrere Erlasse hierüber veröffentlicht worden. Im Augenblick haben mehrere tausend Israeliten den Befehl erhalten, die Städte zu verlassen, die sie seit zehn Jahren bewohnen und sich in den Gegenden niederzulassen, ans denen ihre Großeltern relegirt waren. Der Befehl ist gegeben, ihre Häuser zu demoliren, falls sie nicht zur festgesetzten Frist die Städte verließe»; es ist nicht immer leicht, solchen Befehlen zn gehorchen in einem Lande, wo die Entfernnngen sich auf 1000 Werst belaufen und wo jegliche Verkehrsmittel fehle». Außerdem haben die Juden Sibiriens nicht das Recht, den Flecken zu verlasse», der als ihr Aufenthaltsort festgesetzt