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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-12-21 · Heft 51 (21.12.1900) · p. Seite 602

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 51 (21.12.1900)
Date
1900-12-21
Page
Seite 602 (sequence 4)
Language
German
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602 machen die Möglichkeit bieten dürste. Ob es Helsen wird, das fauu erst die Zukunft lehren; allein es ist die einzige und wirksamste Veranstaltung. welche noch Erfolg verheißt, und darnm müssen wir dieselbe in Anwendung bringen. Der Kampf ums Recht war von jeher einer der schärfsten, rücksichtslosesten, unerbittlichsten und verzehrendsten, und dieser Kampf wird einem etwa ms Leben gerufenen Judentag nicht erspart bleiben, ja es wird jederzeit Hauptaufgabe desselben fein und bleiben müssen. Das wird schwerlich zu vermeiden sein. Der friedliche Mensch — und wir sind Alle friedliche Menschen - geht nicht gern aus sich heraus und stürzt sich nicht gern in einen Kamps, dessen (Silbe gar nicht abzusehen ist. Er bleibt lieber hübsch zu Hause und sieht sich um. ob es nicht auch hier gar nlanches zu bauen und bessern giebt. Redeten wir doch auch von eineni Gebiete wirthschaftlicher Art, welches ein künstiger Iudentag zu bebauen und zu bearbeiten finden rverde. Freilich muß auch dieses ein ganz allgemeines, die Gesammtheit berührendes Gebiet sein, sonst fällt es außerhalb der Zuständigkeit eines solchen Judentages. Privat- und Gemeindeangelegenheiten. wie das gesammte Unterstützungswesen, der Religionsunterricht, Beihilfe für kleine und arme Gemeinden, Alters-und Jnvaliditätsversorgungen jüdischer Kultusbeamten ulld dergleichen darf ihn nicht belästigen und behelligen, das würde seine Thätigkeit hemmen und lähmen; das wäre viel zu viel für eine solche Institution, und das talmudische Sprichlvort würde an ihr sich bestätigen: „Viel erfaßt ist nichts ersaßt." Im Hebräischen klingt das Wort ebenso: „Toteste nierubbo 16 tofasio.“ Dennoch giebt es wirthschastliche Angelegenheiten innerhalb der deutschen Judenheit, welche ein geeignetes Feld für den Judentag bieten würden, wie beispielsweise die Förderung der Landwirthschast und des Handwerks unter den Juden. Alle solche Ziele und Tendenzen verfolgenden Vereine und Privatpersonell müßten dem Iudentag unterstellt sein und könnten unter beffen Obsorge weit gedeihlicher und lvirksamer arbeiten als in ihrer bisherigen isolirten Stellung. Dtlrrh be» Iudentag könnte dann auch zu diesem Zwecke eine über das ganze Reich verbreitete Organisation geschaffen werden, die gewiß der besten Erfolge sich erfreuen und ganz besonders den alten, durch Feindseligkeit erdrückten agrarischen Geist unter den Volksgenossen wieder erwecken und beleben lvürde. Eine sehr ansgebreitete, niemals abreißende Thätigkeit wurde der Iudentag aus moralischem Gebiete zu entfalten haben. Aus moralischem Gebiete, denkt Mancher, wie soll ich das verstehen? Er soll doch nicht etwa Sittenpolizei unter den Juden üben oder gar die unsittliche Gesinnungs- und Handlungsweise zur Rechenschaft ziehen? Und stehen denn die Juden ans gar so niederem moralischen Standpunkte, daß sie einer ganz besonderen sittlichen Ueberwachung bedürftig wären? Nein, das wohl nicht, zumal die Juden in ihrem moralischen Verhalten den nichtjüdischen Mitbürgern gerviß nicht nachstehen. Es giebt Gute und Schlechte unter Inden lvie unter Nichtjuden, und unter den Inden, wie schon die Kriminalstatistik darthut, geiviß nicht in höherem Prozentsatz, lvie unter den Nichtjuden. Allein in dieser Hinsicht treffen wir unter den Nichtjuden in allen Kreisen der Gesellschaft auf eine Anschaunngsweise, die aller Menschlichkeit und Gerechtigkeit Hohn spricht, die Anschauung oder doch wenigstens Neigung, die Vergehungen oder Verbrechen des einzelnen Juden sofort der gesammten Judenheit zur Last zu legen. Wie lveit eine solche Gehässigkeit und Ungerechtigkeit geht, das sehen lvir gegenlvärtig in deni in Berlin sich abspielenden Prozeß Sternberg; überall kommt das Bestreben zu Tage, diesen sittenlosen Menschen als Jude hinzustellen, und er ist doch gar kein Jude. Doch gesetzten Falles. Sternberg lväre Jude, getanst oder ungetanst. das ist ganz egal. Sein moralisches Verhalten ist doch lvahrtich nicht jüdisch. Im jüdischen Hause, da herrscht noch Zucht und Sitte, wie zu allen Zeiten, so auch heute noch. Die jüdische Iamilienzucht läßt solche Vorkommnisse, lvie sie im Prozesse Sternberg ans Tageslicht gezogen lverden, nicht zu. Wenn die Möglichkeit gegeben wäre, so eine Art moralische Censur selbst an der Einzelperson zu üben, so müßte auch diese dem Judentag übertragen lverden und lvürde zu seinen Ausgaben gehören, eben iveil man geneigt und bestrebt ist, alle Schlechtigkeiten des Einzelnen auf Rechnung der Gesammtheit der Juden zu setzen. Ob das nun möglich ist oder nicht — hier wird die Thätigkeit des Judentages wiederum einsetzen muffen, um gegen ein solches Gebühren in einem jeden einzelnen Falle ans daS kräftigste und entschiedenste zu proteftiren. Wir Juden verlangen nach jeder Richtung hin volle Gleichberechtigung. Wir sind Menschen wie andere Menschen auch; es soll auch einmal ein Jude eine Missethat begehen dürfen, ohne daß man alle Juden damit belastet und dafür verantwortlich macht. Vorzugsweise aber wird es Ausgabe des Judentags sein, mit allen Mitteln und Kräften gegen falsche Beschuldigungen, hinterlistige Verdächtigungen, bedrohliche Verhetzungen in die Schranken zu treten und sich zu wehren gegen alle Messer-, Knüppel- und Dreschflegelhelden; auch die Vertreter von Recht und Gesetz im Staate anzurufen, wenn es gilt, den Glauben und die Glaubensgemeinschaft gegen alle solche Bedrohungen und Beschimpfungen zu schützen. Wie man sieht, sind die Aufgaben eines Judentages gar bedeutsamer und vielseitiger Art, und, leider! leider! wird er nach allen den bezeichneten Richtungen hin Arbeit genug, mehr als genug finden. Dieser Iudentag soll eine Bethätigung und Bestätigung des altjüdischen Spruches bedeuten: „Kol jisro€l arewim se bse“, „Ganz Israel ist Einer für den Anderen haftbar". Man wird ihn beargwöhnen und verdächtigen, wie man die „Alliance isra61ite universelle“, welche den gleichen Wahrspruch auf ihre Fahne geschrieben hat. beargloöhnt und verdächtigt. Allein, so lange man den Ausspruch in passiver Weise zur Wahrheit macht, das will sagen, so lange man sür alles Schlechte auch nur eines Einzelnen die Gesammtheit haften läßt, mutz es uns gestattet sein, den Spruch auch in aktiver Weise zu bethätigen und uns gegen alle Beschränkungen, Rechtsverweigerungen, Beschimpfungen und Beschuldigungen durch gemeinsame Abwehr zu rüsten — das ist die Bedeutung und Aufgabe des Juden tags. Bonn, ini Dezember. Dr. I. Rülf. Are Woche. Berlin, 19. Dezember. ie Gründung einer Vereinigung zur Aufklärung des Könitz er Mordes hat in den Zeitungen die verdiente Zurückweisung erfahren. Denn in den: bezüglichen Ausrufe war von Neuem der Vorwurf erhoben worden, daß aus irgend welchen Rücksichten Spuren, die vorhanden seien, nicht verfolgt würden. Es wird ausgesprochen, daß Privatleute diese verfolgen müssen, damit es gelinge, die Justiz zur Ergreifung der Mörder zu veranlassen. Deutlicher kann man die Justizbehörden nicht der schlimmsten Pflichtverletzung beschuldigen, und dies thun Geistliche, Mitglieder des Reichstages und Abgeordnetenhauses und andere Männer in angesehener Stellung. Eine derartige Agitation untergräbt die nothwendigsten Grundlagen der Staatsordnung, das Vertrauen zur Rechtspflege schlimmer, als es jemals seitens der Sozialdenlokratie geschehen ist. Die „Augsburger Abeud-Zeitung" aber meint: „Unseres Erachtens könnten die Israeliten nichts Besseres thun, als in Massen ihren Beitritt zu dieser Vereinigung zu erklären. Dann wären die Herren gezwungen, Farbe zu bekennen, ob es ihnen wirklich bloß um die Erforschung der Wahrheit, oder, was wahrscheinlicher um eine antisemitische Hetze zu thun ist." Das zu erforschen, ist gar nicht mehr nöthig. Wir wissen genau, daß es jenen Herren um nichts anderes zu thun ist. ♦ Inzwischen wird von einer neuen Spur in Könitz selbst berichtet. Das „Berliner Tageblatt" meldet darüber: „Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Mehr als je sind Hoffnungen vorhanden, daß der grausige Mord seine Sühne findet. Bei der Behörde ist nämlich vor einigen Tagen von einer Person eine Anzeige gemacht worden, deren Verfolgung graoirende Momente gefördert hat, so daß in der That die Untersuchung in ein

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