Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1900)
- Date
- 1900-12-21
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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64. Jahrgang. Ar. 51. ^1(^111 Cttt£ ®£viin> 21- I^emlrer 1900. eitung des Audenlhums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. I Begründet von Habbitter Sr Ludwig IShUippfon-ßomi* ■ Verlags-Crpe-ition: iöerlin, Jerusalemerftr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Leitartikel r Der Judentag. — Die Woche. — Brief aus Oesterreich. — Die jüngste Großgemeinde Deutschlands. Von Dr. A. Eckstein. — Joses Lauffs „Geißlerin". Von Jakob Seifensieder. — Die Toleranz in der Bibel. Von Lehrer I. Nußbaum. — Feuilleton: Kronele. V. Eine Erzählung von Alexander Weill. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Jnowrazlaw, Aus der Provinz Posen, Hamburg, Hameln, Dinslaken, Würzburg, Wien, Budapest, Odessa, London. — Bon Nah und Fern. Der Iudentug. Berlin, 20. Dezember. fie wichtigste Frage, die gegenwärtig auf der Tagesordnung der jüdischen Interessen steht, ist unstreitig die des Judentages. Obwohl diese nun schon wiederholt Gegenstand der Besprechung in unserem Blatte gewesen ist, erscheint es uns doch zweckmäßig, die nachfolgenden Ausführungen, die uns von unserem altbewährten Mitarbeiter, Herrn Rabbiner Dr. Rülf, gegenwärtig in Bonn, zugehen, an leitender Stelle zu veröffentlichen, weil sie das Projekt mit doller Klarheit erörtern und Aufschluß über alle Zweifel und Fragen geben, die darüber laut geworden sind. Herr Dr. Rülf schreibt: Von verschiedenen Seiten sind all luich Fragen ergangen, dahin lautend: Was man wohl unter so einem Judelltag zu verstehen uild lvie inan sich der Begründung und Berufung eines solchen in Allssicht genommenen Jndentages gegenüber zu Verhalten habe? — Ich muß offen gestehen, kaum dürfte ich im Staude sein, eine gellügende und befriedigende Antwort auf diese Fragen ertheilen zu foitiieu, wenn ich nicht durch neuerliche ganz analoge Erfahrungen wenigstens einigermaßen über Wesen und Bedeutllllg eines solchen Judentages aufgeklärt lvorden wäre. Im August dieses Jahres hat hier in Bonn die allgemeine deutsche Katholikenversammlung stattgesundeu, bereits die 47. dieser Art, über deren Verlauf und Bestrebungen man durch die Zeitungsberichte hinlänglich unterrichtet sein kalln. Diesem Katholikentag entsprechend denke ich mir auch den Judelltag. Ich sage dieses ausdrücklich nicht allein der Belehrung, sondern auch der Beruhigung wegen. Aeugstliche Gemüthev — e§ flieht deren genug, mehr als genug, ich weiß das aus. Erfahrung — ängstliche Gemüther werden erschreckt denken lind sagen, werden wir durch eitlen solchen Judentag nicht den größtell Anstoß, das größte Mißtrauen erregen bei unseren, selbst wohlgesinnten Mitbürgern, bei den Regierungen, bei Freund und Feind; wird nicht unseren Gegnern und Feinden, die uns doch schon genug Leid anthun und durch Verhetzungen, Beschimpfungen und Beschuldigungen Ulls unablässig quälen, ein neuer und wirksamer Grund all die Hand gegeben, um allerlei Verdächtigungen gegen uns ansznstreuen? Mag ja sein, mag alles sein, besonders was mlsere Gegller und Feinde-betrifft, die werden doch wahrlich sich keine'Gelegenheit, welche sie zu unserer Verdächtigung und Herabsetzung auszuschlachten im Staude sind, entgehen lassell; alleiil was die Katholiken sind, das sind lvir auch, eine vom Staate anerkannte Religionsgemeinschaft, rnld ivas die thun dürfen, das dürfen lvir allch thllll, ilämlich: ullsere versassullgsmäßig zugestalldenell Rechte und Berechtigungen vertheidigen. Und ich dächte, lvir hätten zll solchen gemeinsamen Vertheidigungsmaßnahmeil nrehr Grllild als die Katholiken. Allein, niag alle dem seill wie ihm wolle — wir sind mm einmal fernerhin nicht mehr gelleigt, alle Beschränkullgen llnd Zurücksetzungeil protestlos hinznnehmeu, alle Beschilllpfullgeli und Verdächtigungen ruhig einzllstecken uub der Unterdrückung der jüdischen Gemeinschaft thatenlos zllZllschallen. „Es muß/ wie Professor Philippson richtig sagt, „alles versucht werben, um dem Niedergang der dentschell Judenheit entgegenzntreten. Dazu gehört vor allem, daß wir Selbstgefühl und Festigkeit wiedergewinnen. daß lvir, allstatt bettelnd und klagend hinter Allderell herzulanfen, uns wieder auf eigene Füße stellen" — und er schlügt zu diesem Behuse vor, einen „Allgemeinen Deutschen Judentag" als bleibende Jllstitution ins Leben zu rufen. Was versteht man nun unter diesen! Jndentag? Unter diesem Jlldentag versteht man eine Delegirtenversammluug oder eine Versammlung gewählter Vertreter der gesammten deutschen Judenheit zur Wahrung ulld Besorgllllg ihrer allgemeinen und gemeinsamen Angelegenheiten im Jirnern sowohl wie ilach außen Hill. Welcher Art sind nun diese Angelegenheiten, die dem Judelltag anheim gegeben werden könnten? Ohne llns in Einzelheiten zu'.verlieren, können lvir fagen, rlicht lvas Diesem und Jenem, auch nicht was dieser und jener Gemeinde, sondern was der dentschell Judenheit in ihrer Gesammtheit als solcher Noth thut;J»ur das allein kann dem deutschen Judentag zur Beschäftigung bienen. Hierauf bezügliche Andeutungen, dessen was Noth thut ulld zum Arbeitsfetde des Judeutags sich eignen ttlag. lassen sich lvohl machen. Die allgemeinen und geuieinfaineu Allgelegenheiten der deutschen Judenheit erstrecken sich vorzllgslveise über drei Gebiete: das politische, das w i r th s ch a s tl i ch e nnb das ln o v a li) ch e. Obenansteht, galiz der Betrachtllllgslveise des Katholikentages entsprechend, die Politische Nothlage der deutschen Juden. Die Verfassung hat auch den Juden ben Vollgenuß ber bürgerlichen mib staatsbürgerlichell Rechte zngesichert. Allein, lvie ist es nitt dieser Gleichstellnllg der Judeli bestellt? Professor Philippsoll hat es mls in der Begründung seines Vorschlages deutlich und ausführlich genug gesagt. Er chat uns gezeigt, lvie die antisemitische Bewegullg den deutschen Jlldell von ihre»» verfassungsmäßig zugesicherten Rechten fast gar nichts mehr übrig gelassen habe; lvie die antisemitische Gesinnung sich allen Klassen der Bevölkerung, auch den herrschenden und .maßgebenden Personen, mitgetheilt, in alle Hauser und Herzen sich i: eingeschlichen habe und immer »loch im Znnehinen begriffen sei. Ja, wohin sott beim das schließlich führen, wenn wir uns nicht eri-manuen und energisch Einer für Alle und Alle für ©tuen in die Schranken treten unb mit allen erlaubten Mitteln unser glltes Recht vertheidigen? Der Herr Professor Philippson hat uns den Weg gezeigt, hat uils .das Mittel angegeben. welches zum Ziele führen und uns unsere ver- - fafsnngsmäßig zngesicherten Rechte zu wahren und zur Wahrheit zu