Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1900)
- Date
- 1900-12-14
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
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3 liberalen in der Praxis sich in nichts von den Konservativen und Antisemiten unterscheiden. G Essen, 10. Dezember. Laut Bekanntmachung des Vorstandes wird die diesmalige Jahresversammlung des Vereins israelitischer E l e m e u t a r l e t) x e v für* Rhein laud u n d W e st - falen am 23. und 24. Dezember in Mülheim (Ruhr) stattfinden. Die drei bisher getrennt gewesenen Vereine in Rheinland-Westfalen bilden nunmehr einen einzigen großen Verein. Es ist daher ein zahlreicher Besuch zu erwarten, umsomehr, als die sehr umfangreiche Tagesordnung hochwichtige Punkte umfaßt, die für die Entwickelung und das Gedeihen des Vereins und seiner Unterstützungskasse von großen» Einflüsse sein werden. Jeder, der für die Unterstütz»! ngßkasse Spenden und Gabe»» hat, wolle diese gefälligst zur Versammlung witbringen. — Ferner machen wir nochmals darauf aufmerksam, daß am 1. Konferenztage ein gemeinsames Abendessen sein wird. Anmeldungen hierzu wolle man an den Kollegen Oppenheimer in Mülheim (Dhitjr) bis zum 17. d. M. richten. /V Köln, 10. Dezember. Am 6. d. M. hatte der liberale Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde in Köln im englischen Saale der Philharmonie einen Vortragsabend veranstaltet. welcher eine zahlreiche Zuhörerschaft versammelte, die mit großer Aufmerksamkeit den Worten des für den Abend gewonnenen Redners, Herrn Dr. Coblenz aus Bielefeld, folgte. Redner besprach in seinem Vortrage eingehend die Forderungen, welche vom freisinnigen Standpunkte im Gottesdienste und der Schule zu erheben seien. Besonders erschöpfend erörtete er die Orgelfrage und die Nothwendigkeit der Umgestaltung des Religionsunterrichtes an den höheren Lehranstalten. Nur durch einen vernünftigen Religionsunterricht, der die genaue Kenntniß der prophetischen Schriften zum Ziele haben müßte, könne dem gefährlichsten Feinde der Religion, dein Jndifferentismus, wirksam begegnet werden. Scharf kritisirte Redner auch die sogenannte Neu- oder Pseudoorthodoxie, der jede Berechtigung fehle, weil ihr jede innere Wahrhaftigkeit fehle. Dev durch historische Wahrheit, scharfe Logik und beredteUeberzeugnngstreue ausgezeichnete Vortrag übte auf die Versammlung eine zündende Wirkung aus, welche in lautem begeistertem Beifall ihre»» Ausdruck fand. x. Köln, 8. Dezember. Der Verein zur „Verbreitung und Förderung der Handwerke unter den Juden" hielt Ende vorigen Monats im neuerbanten Lehrlingsheime, hier, seine alljährliche Generalversammlung. Ans dem Berichte über das Jahr 1899/1900 entnehmen wir, daß unter der Obhut des Vereins in Düsseldorf 32 Lehrlinge bezw. Fachschüler standen. Es wurden neu ausgenommen bezw. unterstützt, 12 Lehrlinge, nach beendeter Lehrzeit schieden 12 Lehrlinge aus. Am Ende des Berichtsjahres waren noch 32 Lehrlinge bezw. Fachschüler vorhanden, von welchen 22 im Lehrlingsheim zu V Düsseldorf nntergebracht waren. Im abgelanfeneu Berichtsjahre standen unter Fürsorge der Abtheilung Köln 38 Zöglinge, davon waren 23 im Lehrliugsheim, 4 bei ihren Eltern in Köln und 11 bei auswärtigen Meistern untergebracht. Ans Köln waren 10. ans dem übrigen Rheinland 15. aus Westfalen 3, Hessen-Nassau 3, Hannooer 3. Oldenburg 2, Weslprenßen 1. Sachsen-Meiningen 1. Als Gesellen wurden entlassen: 3 Klempnevund Installateure, 2 Schreiner, 1 Schneider. 1 Schuhmacher und 1 Polsterer. Vor beendeter Lehrzeit mußte ein Lehrling wegen schlechten Betragens entlassen werden. Eine erfreuliche Mittheilnng macht die Abtheilung Köln in Folgendem: „Unser seit Jahren mit Eiser und Freude verfolgtes Streben, fleißigen und gut veranlagten, strebsamen Zöglingen nach Beendigung der Lehrzeit eine weitere Fachbildung bezw. Ausbildung zu höheren technischen Berussarten zu gewähren, hat durch die verständnißvolle Stiftung eines Vorstandsmitgliedes eine rege Förderung erfahren. Es sind uns dadurch jährlich 600 Mark zu Stipendien für obigen Zweck zur Verfügnng gestellt, von denen freilich vorläufig nur 300 Mark jährlich verausgabt werde»» dürfen. Mehreren früheren Zöglingen konnten »vir durch Gewährung von Pe»»sion in unserem Heime die »veitere Allsbildung erleichtern; mehrere Gesuche voll Schlossergesetten, früheren Zöglingen, um Aufnahme in die Allstalt, damit sie sich auf der Maschinenbauschlile als Maschilleningenieure ausbilden, hoffen wir nach dem Wunsche der Bittsteller erledigen zu können. Der erzieherische Einfluß, den dieser Zweig unserer Thätigkeit auf unsere Zöglinge ausübt, ist ullverkemlbar. und wir bitten nufere Gönner, diesem Stipendienfonds größere Zuwendungen zu machen. Eine »licht minder pädagogische Hilfe gewährte uns derselbe Gönner, indem er jährlich! 400 Mark zur Anlegung voll Sparkassenbüchern für fleißige, ordentliche Lehrlinge bereitstellte mit der Bestimmung, daß auch davon vorläufig nur 200 Mark jährlich verwandt werden sollen. Die einzelnen Einlagen sollen 10 bis 20 Mark betragen, das gesamnlte Sparkasseilbuch aber, außer in dringenden, vom Vorstande zu bestimmenden Fällen, nicht vor dem 21. Lebensjahre ausgehändigt werden. Betreffs des Rechnungsabschlusses ist zu bemerken: Die Einnahmen in Düsseldorf betrugen inklnsive der Lohnvergütnng der Meister 14 000,70 Mark, die Ausgaben 11 707,25 Mark. Die Einnahmen in Köln 11 264,12 Mark, die Ansgaben 10 588.22 Mark. Dem Kölner Lehrliugsheim sind bereits von einigeil auswärtigen Handwerkervereinen Knaben gegen Iheillveise Erstattllllg der Unterhaltungskosten in Obhut gegeben worden. Der wichtigste Plmkt der Tagesordnung war die Berathung neuer Statuten, um dem Vereine die Rechtsfähigkeit zu schaffen. Nach lebhafter Diskussion lvurdel» die Satzllngen mit einigen Aenderungen, konfornl bei» Satzungen des bereits bestehenden eingetragenen Vereins „Israelitisches Lehrtillgsheilll Köln" beschlossen. Der Vereill heißt von jetzt ab: „Verein zur Förderung der Handwerke und techllischeil Berllfsarten.unter den Juden." U»n einerseits die Eillheit zwischen denl Verein und seiner Kölner AbtheillUlg zu betollen, andererseits um der Abtheilnng Köln ihre selbständige Wirksamkeit allch fernerhin zu ermöglichen, lvurde in § 13 bestimmt: „In Köln besteht eine besondere Abtheilnng des Vereills. Vorstand derselben ist der Vorstalld des iu Köln bestehenden Vereins „Israelitisches Lehrlingsheim Köln". Die bei der Abtheilnng Köln eingehenden Gelder. Beiträge, und Geschenke werden in erster Linie für die Zwecke dieses Vereins verwendet. Wir erwarten zuversichtlich, daß der Verein, der seine Wirksamkeit auf ganz Deutschland ersteckt und scholl dadllrch eine bevorzugte Stellung beanspruchen kann, auf seiner segensreichen Bahn emsig sortschreiiel» wird. Durch Aendernng seines Namens ist seinen bisherigen Bestrebungen eine umfasselldere Bezeichllnng gegebell. Nicht nur zum eillfachen Halldlverker will er jüdische Knaben anleiten, sondern ihnell auch bet besonderer Befähigung nach nberstandener Lehrzeit den Weg zu höherell technischen Berufsarten eröffnen. X Wittlich, 9. Dezember. Hier wurde in voriger Woche der Cigarrensabrikant Herr Fritz Heß zum Mitgliede des Stadtraths gewählt. Es ist dies der erste Fall in unserer Stadt, daß ein jüdischer Bürger zu diesem Ehrenposten gelangt, rmd gewiß zuni größtem Theile auf die allgemeine Beliebtheit und Achtullg zurückznsühren, deren sich der betreffellde Herr nicht uuv bei seinen zahlreichen Arbeitern, sonderrl allch bei allen Schichtell der hiesigen Bevölkerung erfreut. Oesterreich - Ungar». LI Wien, 10. Dezember. Die Gerichtsverhalldlllng, die vor einigeil Tagell damit ihren Abschluß fand, daß der Hauptallgeklagte zu sechsjähriger schwerer Kerkerstrase verurtheilt lvurde. dürste den ailtisemitischen Größen ullserer Stadt doch blutwenig Freude bereitet Haber»: denn eiilmal war dieser Allgeklagte ein strammer Antise»nit zlvar — aber dennoch ein Erzschwindler, der in seiner Eigenschaft als Vorsteher, vielmehr Sekretär einer Arbeiter- Genossenschaft zahllosen kleinen Leuten, die sich mühselig das Geld erarbeiten, alles herausschwindelte — und anßerdenl war dieser Sekretär Swoboda in seiner Jugend Jesuitenzögling und sehr streng christlich erzogen! — Der Kaiser hat n. A. zum Mitglied des Landesschulraths von Mähren den Vorsteher der israelitischen Kultusgemeiude in Brünn, Julius Ritter von Gomperz. ernannt. — In Brezowa verschied im hohen Alter von 90 Jahrell Herr Josef Täglicht. ein durch ausgezeichneten Charakter sowie durch hohe Gelehrsamkeit und hervorragelldes Wissen allgemein verehrter Mann. Das Leichenbegängniß gestaltete sich durch zahlreiche Betheiligung der angesehensten Gemeindemitglieder zu eiller iulposantell Trauerkundgebmig für beu Dahingeschiedenen, dem sein Sohn, Rabbiner Dr. Taglicht vom Mariahilfer Tempelverein einen ergreifenden Nachruf widmete, der auf alle Theilnehmer den tiefsten Eindruck machte. — In Prag ist. 85 Jahre alt. Herr Herr mann Katz, der Begründer des „Prager Handelsblattes". eine allgemeill hochgeschätzte und verehrte Persölllichkeit, verschieden. — Am 4. Dezember fanden die Wahlen ans der Kurie der Höherbestenerten für die Repräsentanz der Wiener israelitischen Kultnsgemeinde statt. Zu Kultnsvorstehern mit sechsjähriger Amtsdauer wurdell gewählt die Herren: Rudolf Auspitz, Dr. Josef Breuer. David Ritter v. Gutmann, Dr. Felix Katzau, Moriz Edler v. Kuffner. Wilhelm Kuffner, Dr. Arthur Kuranda, Leopold Edler v. Lieben, Kommerziell-