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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-12-14 · Heft 50 (14.12.1900) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 50 (14.12.1900)
Date
1900-12-14
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 ratt) Leopold Pollack, ßberbauratt) Sigmund Laussig, Direktor Theodor Ritter v. Taussig, Kommerzialrath Jonas Weil. 6. Budapest, 6. Dezember. Dem Berichte der Ungarischen jüdischen Litte rat Urgesellschaft entnehmen wir folgende interessante Daten. Im Berichtsjahre haben 21 Vorlesungen stattgefunden, für die sich seitens des Publikums reges Interesse kundgegeben hat. Die ungarische Bibelübersetzung schreitet rüstig vorwärts, so anch die Vorarbeiten für die Urkundensammlung. Fürs nächste Jahr ist ein 2000 Kronen-Preis auf eine Geschichte der jüdischen Litteratur von der griechischen Periode bis zum heutigen Tage ausgeschrieben worden. Im Verlage der Gesellschaft erscheint Heuer das „Jahrbuch" ulld „Die Geschichte der jüdischen Genieinden aus dem Gebiete der Hauptstadt" von Dr. Alexander Büchler-Keszthey. - Vor Jahresfrist hat bekanntlich das Ministerium für innere Angelegenheiten einen Erlaß über die Regelung der Cireumcision herausgegeben, gegen den mehrere Kultusgemeinden, einestheils weil darin eine Verletzung der Autonomie erblickt wurde, anderentheils weil die vorgeschriebenen Maßregeln den rituellen Anforderungen nicht entsprochen. haben, protestirt haben. Infolge dessen wurde dieser Erlaß zurückgezogen. — Die Errichtung eines jüdischen G h m n a f i u m § in L. S z t. Mikl os dürfte demnächst in das Stadium der Verwirklichung treten. Die ganze, etwa eine halbe Million betragende Herrsche Verlassenschast, die im Sinne der letztwittigen Verfügung zur Errichtung einer öffentlichen Fundation dienen soll, wurde nämlich der Kultusgemeinde übergeben. Somit wäre nur noch eine staatliche Subvention, die in Aussicht gestellt wurde, zu erlvirken. — An der hiesigen Universität lvird der Jurist N. Schiller sub auspicüs regis promovirt werden. Großbritannien. jfz London, 10. Dezember. Das 7 Millionen Lstr. betragende Vermächtnis; des Barons Hirsch an die jüdische Kolouialgesetlschaft hat zu einem merkwürdigen Prozeß geführt. Der Baron Hirsch hat diese Gesellschaft vor acht Jahren gegründet und ihr Werthpapiere im Betrage von 7 Millionen Lstr. überlassen, um es armen Juden zu ermöglichen, nach den von ihm gegründeten Musterkolonien auszuwandern. Doch bedingte sich der Baron die Nutznießung des Vermögens während seines Lebens aus. Der Schatzkanzler hat nun im Namen der englischen Krone die Zahlung der Vennächtniß- und Erbsteuern im Ganzbetrage von 15 v. H. für die ganze Hinterlassenschaft verlangt, und das O ergericht hat die jüdische Kolonialgeschaft verurtheilt, den Betrag von ungefähr IV, Millionen Lstr. dem Gericht auszuzahlen, bis die Berufung au das Halls der Lords stattgefundell hat. Der Entscheid des Obergerichts wird jedeilfalls von den Vertretern der Kolollialgesellschaft a»lgegriffell werden, die geltend machen, daß Baron Hirsch ein Ausländer mit einem Wohnsitz in Oesterreich war, und die in Frage stehenden Werthpapiere sänlnltlich auslälldisch silld. Nußland. L. T. Odessa, 12. Dezember. Eillen schweren Schicksalsschlag erlitt die Moskauer jüdische Gemeinde. Der unerbittliche Tod raffte einen ihrer bestell Vertreter dahin in der Person des Rechtsanwalts Abraham Grigorjewitsch G u r e w i t s ch, der am 18. v. M. verschied. Der Verstorbene liebte es nicku sich in die ersten Reihe u vorzudrängen, sondern zog es vor, für das allgemeine Wohl ruhig und besonnen zu arbeiten, nicht der Ehre wegen, sondern für die gute Sache selbst. Dem Vorstande der Moskauer jüdischell Gemeinde allgehörend, sparte der Verblichene seine Kräste llicht, um die Angelegenheiten derselben zu fördern. Sein Lieblingskind war die jüdische Schule für Waisen und Kinder armer Eltern, die ihre Entlvickelung zum großen Theile feinem energischen Streben verdankt. Ich habe in der Person des Dahingeschiedenen einen Freulld verloren, den ich mehr als zwanzig Jahre kallnte und schätzte, und kann ich nicht umhin, billige Worte zu sagen, was er im Privatleben war. Der Abkömmlillg eines alten und berühmten Geschlechtes, erzogen in einer patriarchalischen Familie, voll Natur mit einem ungemeill lveichen und eindrucksvollen Charakter, konnte Gurewitsch sowohl als Mensch wie als Jude, als Familienvater ulld als Kamerad als Muster dieuen. Gurewitsch war von einer Ehrlichkeit sondergleichen. gut bis zur Selbstausopferung und hatte ein gefühlvolles, für die Leiden des Nächsten empfindliches Herz. Im höchsten Grade bescheiden in seinen Forderungen, sah Gurewitsch den Zweck des Lebens in der Arbeit und zum Nutzen seiner Nächsten und seines Volkes, welches er innig und mit allen Fasern seines Herzens liebte, deni anzugehören sein ganzer Stolz war. Unter dem frischen Eindrücke der Trauerbotschaft über das unerwartete Ende des alten Freundes, ist der Schreiber dieser Zeilen nicht im Stande, seinen tiefen Schmerz zu überwinden und gehörigerweise die moralische, bedeutende Persönlichkeit des Verblichenen zu charakterisiren, ein Bild seines beispielreichen Lebens und seiner musterhaften Wirksalnkeit zu entwersen und beu Zeitgenossen zu erzählen, wen wir in dem unvergeßlichen Gurewitsch ills Grab gesenkt haben. Selbst untröstlich, kann ich kein Wort des Trostes an die meinem Herzen nahestehende trauernde Familie des Verewigtell ill ihrem herben Verluste richten — ich kann nur aus der Ferne, aber aus der Tiefe einer kummervollen Seele ausrufen: „Möge der Allmächtige uns alle trösten! — Am 20. v. M. wurde ans dem Moskauer jüdischen Friedhöfe die sterbliche Hülle des Frühvollendeten, im 53. Jahre seines Lebens, der Mutter Erde übergeben. Dem verewigten Gurewitsch die letzte Ehre zu erweisen, versammelten sich viele Advokaten, mit dem Vizepräsidenten des Barreaus Newjadowsky an der Spitze, die Gehilfen der Rechtsanwälte, die Verwandten mit dem Bruder des Heimgegangenen. des Direktors des Petersburger Gymnasiums I. G. Gurewitsch an der Spitze, viele Freunde und Bekannte des Unvergeßlichen. Auf seinen Sarg wurden folgende Kränze niedergelegt: von der „Gesellschaft zur Verbreitung der Bildung unter beu Juden" mit der Inschrift: „Dem eifrigen Förderer der Volksbildung", von der Maschinenbaufabrik in Kolomnv, von Lasar Poljakow von Baron Krüdener- Struve ulld noch von vielen anderen Personen und Anstalten. Segen feinem Andenken! — Von Nah und Fern. — Am 6. d. M. ist hier die Ehrendame des jüdischen Krankenhauses und Hospitals, Frau Elise Weiß, geb. Mayer, nach schweren Leiden gestorben. Sie war eine edle und wohlthätige Frau, die zwanzig Jahre hindurch mit Liebe und Eifer Werke der Wohlthätigkeit verrichtet hat. Ehre ihrem Andenken! — Dem Bankier Her m a n u Fre n t e i hier ist der Charakter als Kommerzienrath verliehen worden. — Seit einigen Tagen finden in K o n i tz wieder ausgedehnte Zeugenvernehmungen statt, welche aber, wie verlautet, weniger die Mordsache selbst betreffen, sondern die bekannte Klagesache gegen die „Staatsbürger-Zeitung" wegen Beleidigung der dortigen Gerichtsimb Verwaltungsorgane. — Rabbiner Dr. I. A u e r b a ch - R o g a s e n wurde zum Vereinsrabbiner der Orthodoxen in Leipzig gewählt. — Rabbinatskaudidat Dr. Marcus- Köln ist zum Rabbilier und Schuldirektor der deutsch-israelitischen Gemeinde in Konstalltiilvpel gewählt worden. Dr. Marcus ist Holländer. — Aus Anlaß des Geburtsfestes des Großherzogs von Hessen wurden die Allwälte Mainzer in Darmstadt ulld Brenner in Mainz zu Justizräthen, Medizinalrath Dr. Grödel in Nauheinl zum Professor ernannt. Der Religionslehrer Gottschalk -Michelftadt erhält das silberne Kreuz des Ordens Philipps des Großmüthigen. — Der Stadtmagistrat Müilchell hat zunl Zwecke der Errichtuilg eines neuen israelitischen Friedhofes aus dem Areal des neuen Schwabinger Friedhofes eine 12 Tagwerk umfassende Fläche an die israelitische Kultusgemeinde in entgegenkommendster Weise zum Selbstkostenpreis abgegeben. — Nach dem letzten erfolgreichen Konzert der Brüder Grünfeld in Belgrad hat der König den beiden Künstlern das Kommandeurkreuz des Savaordeils verliehell. — Allgesichts der keine Aussicht auf Besserung bietenden Nothlage der rumänischen Israeliten grülldet die „Alliance israelite", ill dem sie die planmäßige Leitung der ferneren Auswanderungen übernimmt, in Jassy eine hierzu vorbereitende israelitische Ackerbauschule. — Das provisorische Komitee zur Verbreitung des Handwerks ulld des Ackerbaues unter den Juden Rußlands, welches trotz des Provisoriums schon seit 20 Jahren thälig ist, veröffentlicht einen Bericht über seine 20 jährige Thätigkeit. Die Einnahnlen des Komitees für die Zeit von 1880—1899 erreichte die stattliche Summe von 1 881 000 Mark. Davon waren 615 000 Mark Einnahnlen aus zillstragenden Papieren und 255 000 Mark lausende Einnahnlen. Den Rest bilben einmalige Spenden für spezielle Zwecke. — Ein offizielles Zeugniß stellt, ohne es beabsichtigt zu haben, das russi sch e Finanzministerium den Juden aus. Dasselbe fordert ill einem Rundschreiben alle im Ansiedelungsrayon thätigen Mäßigkeits- Vereine auf, ihre Thätigkeit ausschließlich aus das platte Land zu beschränken, „da ill den Städten und Städtchen des Ansiedelungsrayons mit geistigen Getränken kein Mißbrauch getrieben wird, und ill biefen die Fürsorge der Vereines entbehrt werden könne." Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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